Die Achttausender-Schrumpfliste

Manaslu-Gipfelgrat
Gipfelgrat des Manaslu

Eberhard Jurgalski polarisiert. Die einen beschimpfen ihn als Sesselabenteurer und Nestbeschmutzer. Die anderen würdigen den 69 Jahre alten Deutschen als sorgfältigen Chronisten des Bergsteigens an den höchsten Bergen der Welt, der einfach nur gewissenhaft arbeite. Vor einer Woche sorgte Eberhard für ein mittleres Erdbeben in der Höhenbergsteiger-Szene. Zehn Jahre lang hatten Jurgalski und eine Handvoll anderer Chronisten Gipfelfotos der bislang 52 Bergsteigerinnen und Bergsteiger überprüft, die für sich beanspruchten, alle 14 Achttausender bestiegen zu haben. Hatten sie, so die Frage der Chronisten wirklich den jeweils höchsten Punkt erreicht oder „nur“ eine etwas niedrigere Stelle – egal ob bewusst oder versehentlich?

Viesturs statt Messner

Eberhard Jurgalski

Jetzt legte Jurgalski auf seiner Internetseite 8000ers.com als Ergebnis der Recherchen eine „bereinigte“ Liste vor. Danach haben zweifelsfrei nur drei Bergsteiger alle 14 höchsten Punkte erreicht: der US-Amerikaner Ed Viesturs (zwischen 1989 und 2005) und der Finne Veikka Gustafsson (zwischen 1993 und 2009), die zudem an allen Achttausendern auf Flaschensauerstoff verzichteten sowie – meist mit Atemmaske – der Nepalese Nirmal, genannt „Nims“, Purja (zwischen 2016 und 2021). Nims habe 2019 bei seinem vermeintlichen Rekord – alle 14 Achttausender in sechs Monaten – am Manaslu und Dhaulagiri nicht die höchsten Punkte erreicht, so Jurgalski. Das habe Purja erst im Herbst 2021 nachgeholt.

Messner fünf Meter unterhalb des Annapurna-Gipfels

Annapurna

Und all die anderen, teilweise legendären Achttausender-Bergsteiger wie der Südtiroler Reinhold Messner, die Polen Jerzy Kukuczka und Krzysztof Wielicki, der Schweizer Erhard Loretan? Messner, bislang als erster Mensch auf allen Achttausendern gefeiert, habe 1985 an der Annapurna an einer Stelle des Gipfelgrats umgedreht, die fünf Meter niedriger als der höchste Punkt sei und 65 Meter davon entfernt liege, so Jurgalski. Loretan habe den Gipfel des Dhaulagiri 1985 um rund 140 Meter verfehlt. Kukuczkas nicht belegter Gipfel sei der Manaslu, Wielickis – wie bei Messner – die Annapurna.

Jurgalski: Keine Frau auf allen 14 Achttausendern

Gerlinde Kaltenbrunner
Gerlinde Kaltenbrunner

Nach dieser Schrumpfliste hat auch noch keine Frau, die es bisher für sich beanspruchte, auf allen 14 Achttausendern gestanden. Am nächsten kommt der Marke die Italienerin Nives Meroi mit 13 belegten höchsten Punkten. Der Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner (wie Meroi stets ohne Flaschensauerstoff unterwegs) und der Spanierin Edurne Pasaban fehlen danach zwei Gipfel (jeweils Manaslu und Dhaulagiri), der Südkoreanerin Oh Eun-Sun sogar drei (Kangchendzönga, Manaslu, Dhaulagiri).

Bereits vor drei Jahren hatten Jurgalski und Co. über ihre Recherchen berichtet. 2021 legten sie detaillierte Dossiers über die zu Fehleinschätzungen einladenden Gipfelzonen von Manaslu, Dhaulagiri und Annapurna nach, 2022 von Lhotse und Makalu. Wiederholt appellierten sie an die Spitzenbergsteigerinnen und -bergsteiger, mit ihnen zusammenzuarbeiten, um Zweifel zu beseitigen. Das ist offenbar selten geschehen. So räumt Jurgalski ein, dass etwa vom Dhaulagiri noch in rund 50 Prozent der Fälle Belege der Gipfelerfolge fehlen.

Dujmovits für Idee der „Toleranzzonen“

Ralf Dujmovits auf dem „falschen“ Gipfel des Manaslu

Er habe Jurgalski seit 15 Jahren mit Gipfelfotos und -videos unterstützt und seine Arbeit „immer geachtet und seinen immensen Einsatz wertgeschätzt und respektiert“, schreibt mir Ralf Dujmovits, nach bisheriger Lesart der erste und einzige Deutsche auf allen Achttausendern. „Besonders am Manaslu waren wir im intensiven Austausch, da ich nach 2007 zu 100 Prozent überzeugt war, mit meinen Teilnehmern bei blauem Himmel, aber mit stürmischen Verhältnissen und starkem Spindrift am höchsten Punkt gewesen zu sein. Was sich inzwischen tatsächlich als Irrtum herausgestellt hat – ich hatte den allerhöchsten Punkt einfach nicht gesehen.“ Deshalb wird der 60-Jährige in Jurgalskis neuer Liste auch nur mit 13 Achttausendern geführt.

Ralf plädiert dafür, den Vorschlag des Chronisten von 2019 aufzugreifen und bei jenen Achttausendern, an denen sich die meisten Bergsteiger vertan haben (Manaslu, Dhaulagiri, Annapurna), so genannte „Toleranzzonen“ um die eigentlichen Gipfel zu benennen, deren Erreichen als Gipfelerfolg gewertet würde. Das solle nur für Besteigungen vor 2019 gelten, als Jurgalski und Co. erstmals ihre Erkenntnisse veröffentlichten. Jurgalski hatte jedoch auch schon damals angekündigt, dass es eine so genannte „Elite-Liste“ geben müsse – mit jenen, die auf den höchsten Punkten aller Achttausender gestanden hätten. Diese hat er nun vorgelegt. Von den Toleranzzonen schreibt er in seiner jüngsten Veröffentlichung nicht mehr.

Muss Geschichte umgeschrieben werden?

Ralf Dujmovits

„Ja, die ganze 8000er-Geschichte muss neu geschrieben werden“, fordert der Chronist. „Es ist nicht unsere Schuld, aber wahr ist wahr und falsch ist falsch, ob absichtlich oder aus Versehen.“ Ralf Dujmovits sieht das anders. „Wir sollten nicht glauben, Alpingeschichte neu schreiben zu müssen oder zu können. Wenn du einem Erhard Loretan posthum, einem ‚Rennpferd‘ wie Alberto Iñurrategi oder einem Winter-Achttausender-Spezialisten wie Krzysztof Wielicki ihre 14 Achttausender aberkennen möchtest, bist du auf dem Holzweg! Das macht weder Sinn, noch wird das die Mehrheit der Höhenbergsteiger anerkennen.“ Er gehe davon aus, dass es den meisten ähnlich wie ihm ergangen sei und bei ihren Irrtümern „keine böse Absicht“ dahintergestanden habe.

„Einige der älteren Garde sind auch zu alt, um ihre ‚Missetaten‘ zu korrigieren – in jüngeren Jahren hätten sie einen Manaslu oder Dhaulagiri sicher leicht nochmal besteigen können“, meint Ralf. „Wer irgendwen an die Annapurna zurückschicken möchte, um ’nachzusitzen’, hat nicht im Geringsten verstanden, wie saugefährlich dieser Berg ist und wie unendlich viel Glück dazu gehört, wieder gesund unten anzukommen.“

3 Antworten auf „Die Achttausender-Schrumpfliste“

  1. Waren nicht die letzten Meter für die Götter bestimmt?!
    Zumindest am Kantsch war es doch jahrelang Tradition den eigentlichen Gipfel nicht zu betreten.

  2. Mir gefällt der Zugang des „höchsten Punktes“ überhaupt nicht.

    Das ist die gleiche Perversion wie die Gipfelschlangen am Everest. Das ist ein Zugang zu den Bergen, der mir wertlos erscheint.

Kommentare sind geschlossen.

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