Jost Kobusch: „Steile Lernkurve am Mount Everest“

Auf der Everest-Westschulter

Auch das Ende seiner Everest-Winterexpedition gestaltet Jost Kobusch „bewusst entschleunigt“, wie er sagt. Erst in einer Woche wird der 27 Jahre alte Bergsteiger, der sich bereits seit Mitte September in Nepal aufhält, nach Deutschland zurückkehren. Jost hatte sich am Mount Everest im Alleingang und ohne Flaschensauerstoff versucht, auf der ambitionierten, selten begangenen  Route über den Lho La, einen 6000 Meter hohen Pass zwischen Nepal und Tibet, und den Westgrat. Dabei hatte er eine Höhe von 7366 Metern erreicht. Ich habe Kobusch per Telefon in einem Hotel in Kathmandu erreicht.

Jost, wie zufrieden bist du mit dem Ergebnis deiner Everest-Winterexpedition?

Ich bin ziemlich glücklich. Mein Ziel war, 7200 Meter zu erreichen. Das habe ich geschafft,  viel gelernt, und ich bin sehr dankbar für diese Erfahrung.

Was konkret hast du denn gelernt?

Jost Kobusch

Zunächst mal habe ich das ganze Mikroklima am Everest kennengelernt, auf das man sich dort einstellen muss: die Temperaturen, den Wind, die Niederschläge. Und auch die Route habe ich sehr gut kennengelernt. Ich weiß, wo sie funktioniert, wo die besonderen Herausforderungen sind. Und ich habe mir ein paar Tricks angeeignet, mit denen ich bei diesen Temperaturen einsatzfähig bleibe, also als Athlet unter diesen Bedingungen funktioniere. Es war ja meine erste Achttausender-Winterexpedition, daher gab es eine steile Lernkurve.

Im Vorfeld hast du gesagt, du wolltest sehen, ob dein Projekt in der geplanten Form überhaupt möglich sei. Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?

Ich würde sagen, es ist machbar.

Was war für dich die größere Herausforderung: alleine unterwegs zu sein oder die extremen Wetterbedingungen?

Lager 1 am Lho La

Für mich war der Wind die größte Herausforderung. Er ist unheimlich stark und erforderte eine andere Herangehensweise: Wo baue ich mein Lager auf, wie befestige ich es? So viel Wind erlebst du sonst nicht. Dagegen ist das Frühjahr geradezu Strandurlaub.

Auf dem Westgrat und auch schon auf der Westschulter ist man dem Wind besonders ausgesetzt. Muss man sich dann noch genauer den Wetterbericht ansehen, um nicht vom Berg geblasen zu werden?

Ja, man schaut schon, wo die Spitzen in der Windkurve sind. Dann solltest du im Basislager sein. Es gibt dort oben einige Stellen, wo du das Zelt eingraben kannst. Ich habe zusammen mit dem Hersteller Ferrino einen Zelt-Prototypen entwickelt, der mit vier Stangen besonders stabil und extra auf diese Bedingungen abgestimmt ist. Aber ich muss gestehen, dass ich erstmals auf einer Expedition wirklich alle verfügbaren Schnüre eingesetzt habe, um das Zelt abzuspannen. (lacht)

Alex Txikon, der in diesem Winter zum dritten Mal auf der Everest-Normalroute unterwegs war, berichtete über immer deutlicher spürbare Auswirkungen des Klimawandels. Wie hast du das erlebt?

Ich habe keinen Vergleichswert, aber intuitiv würde ich ihm voll zustimmen. Einer der Gletscher in der Region war im Vergleich zu meinem Besuch vor vier Jahren deutlich geschrumpft. Die großen Eistürme im oberen Bereich waren einfach nicht mehr da. Mitten im Winter gab es warme Tage, an denen alles geschmolzen ist und ein Bach durchs Basislager floss.

Wie hast du die Kletterschwierigkeiten auf deiner Route bis zur Westschulter erlebt?

Im Aufstieg

Die Schlüsselstelle würde ich mit dem Schwierigkeitsgrad 6b bewerten. Das war schon interessant. Ich bin ja im Daunenanzug geklettert, mit Handschuhen, die ich ausklappen konnte, sodass nur die Finger herausschauten und eher leichten Bergschuhen, dazu rope solo (Klettern mit Seilsicherung ohne Partner). Ich muss gestehen, dass ich zwischendurch einige Bauchschmerzen hatte, zumal es über den unteren Teil der Route keine Informationen gab. Das war mental eine Herausforderung. Auch zu wissen, dass ein Sturz nicht so angenehm ausgehen würde. Aber nachdem ich diese ersten Felskletterpartien überwunden hatte, lief es immer glatter. Je höher ich an der Westschulter kam, desto sicherer fühlte ich mich, weil es technisch immer leichter wurde.

War dies auch eine Folge deiner monatelangen guten Akklimatisierung? Ich denke, kaum jemand ist in den vergangenen Jahren vor einer Expedition so lange in Nepal gewesen wie du.  

Ich glaube, ohne diese gute Akklimatisierung wäre es mir nicht möglich gewesen, bei diesen Bedingungen eine 6b-Route zu klettern. Trotzdem: Wenn du deine Finger in einen Riss klemmst, dauert es nur etwa eine Minute, bis sie taub werden. Das war schon eine echte Herausforderung.

Du hattest Probleme mit deinem linken Fuß. Wie sehr hat dich das behindert?

Eines Morgens nach dem Abstieg vom Lho La habe ich einen starken Schmerz im Fuß verspürt. Ich konnte gar nicht mehr auftreten, bin nur noch mit einem Trekkingstock wie ein Opa durchs Basislager gehumpelt. Das dauerte drei Tage. Mental war ich an dem Punkt, dass ich bereit war, deswegen nach Hause zu gehen. Dann habe ich mit meinem Physiotherapeuten telefoniert und nach seinen Anweisungen den Fuß getapet. Erst hatte ich noch Schmerzen, aber dann ließen die Beschwerden unter Belastung nach, und es ging besser, als ich dachte. Der Fuß ist immer noch ein bisschen steif, aber ich denke, er wird sich komplett erholen.

Du bist an der Westschulter bis auf eine Höhe von 7366 Metern aufgestiegen. Bist du an dieser Stelle umgekehrt, weil du dein vorher gesetztes Ziel 7200 Meter erreicht hattest oder war es ein Bauchgefühl?

Tiefblick von der Westschulter

Es war eher Intuition. Die Stelle ist der Beginn des oberen Westgrats. Wenn man dort oben steht, muss man erst wieder ein kleines Stück absteigen. Es ist wie ein kleiner Gipfel mit einer traumhaften Aussicht. Ich wusste, ich bin zu spät dran. Ich hätte diesen Punkt Anfang Februar erreichen müssen, anschließend eine Nacht auf 7500 oder besser noch 8000 Metern verbringen, wieder absteigen, Kraft tanken und dann den Gipfelvorstoß machen. Diese Nacht in sehr großer Höhe war für mich essenziell. Also wusste ich: Selbst wenn ich jetzt weitergehe, werde ich nicht den Gipfel versuchen, weil eben diese Bedingung nicht erfüllt ist. Ich habe eine Risikoanalyse gemacht, und meine Intuition sagte mir: Jost, du gehst jetzt nach Hause.

Du hast viel Zeit, Geld und Kraft in dieses Projekt gesteckt. Wie heiß bist du darauf, an den Everest zurückzukehren?

Ich werde nicht im kommenden Winter wiederkommen, selbst wenn ich es mir leisten könnte. Es wäre einfach zu früh. Ich brauche jetzt ein bisschen Abwechslung. Deshalb werde ich den nächsten Winter in Alaska verbringen und dann im Winter darauf zum Everest zurückkehren. Ich weiß schon jetzt: Ich werde dann super heiß darauf sein wiederzukommen. Und ich werde auch dann wieder viel Zeit und Energie investieren.

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3 Antworten auf „Jost Kobusch: „Steile Lernkurve am Mount Everest““

  1. Er ist ein sehr sympathischer junger Bergsteiger, das muss man Jost lassen! All jene die ihm im Vorfeld mangelnde Fähigkeiten und Leichtsinn unterstellt haben, wurden eines besseren belehrt. Er hat wirklich bemerkenswerte Erfolge am winterlichen Everest erreicht! Ich freue mich auf seine weiteren Abenteuer!

  2. Für mich zeugt es von unglaublicher Größe und Weitsicht bei 7366 m umzukehren. Er hat mehr erreicht als ihm zugetraut wurde und das mit einer Fußverletzung und Magenproblemen. Ich bin sicher wir werden in Zukunft noch viel von ihm hören.

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