Michael Füchsle: Vom Rollstuhl in die Kletterwand

Michael Füchsle beim Training in Zeiten von Corona

Bouldern am Esstisch. Auch Michael Füchsle trainiert derzeit daheim in der Kleinstadt Bobingen nahe Augsburg. Er hofft, dass die Corona-Krise bald vorübergeht und er das Exil in den eigenen vier Wänden verlassen kann. „Das Klettern ist mein Lebensinhalt“, sagt mir der 53-Jährige. „Ich kann nicht mehr ohne es leben. Neben meiner Freundin ist das Klettern das Wichtigste.“ Schließlich verdient Michael damit auch seinen Lebensunterhalt. „Ich kann keine großen Sprünge machen, aber es reicht zum Leben.“ Füchsle ist kein gewöhnlicher Profi, sondern ein Paraclimber, ein Kletterer mit Handicap, mit einem künstlichen Darmausgang, um genau zu sein, einem so genannten Stoma. Dazu gesellt sich noch eine Nervenerkrankung, die zu Taubheit und Lähmungserscheinungen an Armen und Beinen führen.

Karriereende? Vielleicht

Im Paraclimbing-Wettkampf

Dennoch trainiert Michael fünf bis sechsmal die Woche. Im Sommer 2019 startete er in Briancon in Südfrankreich für den Deutschen Alpenverein (DAV) bei der Paraclimbing-WM und landete in seiner Wettkampfklasse auf dem 14. Platz. Nicht sein bestes WM-Ergebnis, 2016 in Paris war Füchsle Fünfter geworden, 2017 hatte er im Gesamtweltcup sogar den zweiten Rang belegt. Seitdem er das halbe Jahrhundert an Lebensjahren vollgemacht habe, liebäugele er mit dem Rücktritt aus dem Wettkampfsport, sagt Michael, aber doch eher halbherzig: „Ich sage eigentlich seit drei Jahren regelmäßig, dass ich aufhören will. Heuer wird es zu 80 Prozent wirklich das letzte Wettkampfjahr sein.“

„Profi“ mit 14

Auch heute noch immer fokussiert

Seine Leidenschaft fürs Klettern entdeckte Füchsle bereits früh. Mit 14 Jahren eröffnete er seinen Eltern, dass er die Schule beenden und Profikletterer werden wolle. Sein erstes Geld verdiente er mit einem Kletterführer für die Felsen nahe Konstein im Naturpark Altmühltal. „Wenn meine Eltern mich nicht unterstützt hätten, wäre ich niemals über die Runden gekommen.“ Doch mit der Zeit wurde Michael nicht nur ein immer besserer Kletterer, sondern konnte sich auch finanziell über Wasser halten: indem er Wettkämpfe bestritt, Vorträge hielt, Zeitschriftenartikel oder weitere Kletterführer schrieb. Ihm gelangen einige Erstbegehungen im zehnten und neunten Schwierigkeitsgrad.

Zwischen Leben und Tod

Mit Freundin Monika (r.) in den Dolomiten

Mit 18 Jahren wurde bei Füchsle eine chronische Darmentzündung festgestellt, was ihn aber nicht daran hinderte, weiter zu klettern. Bis zur Nacht zwischen dem 28. und 29. September 2005. Mit schlimmen Unterleibsschmerzen suchte Michael das Krankenhaus auf. Die Diagnose war niederschmetternd: Darmdurchbruch, massive Blutvergiftung. Dreimal wurde er operiert, 16 Tage lang lag er im Koma und wurde künstlich beatmet. Als Füchsle aus dem Koma erwachte, hatte er nicht nur einen künstlichen Darmausgang, sondern war vom Hals abwärts gelähmt. Die Ärzte erklärten, er müsse den Rest seines Lebens im Rollstuhl verbringen.

Mit Ehrgeiz und hartem Kampf

Erster Versuch vor acht Jahren

Der damals 38-Jährige wollte sich mit diesem Schicksal nicht abfinden, sondern stürzte sich in Krankengymnastik und Krafttraining. Zwei Jahre nach der Operation konnte er immerhin schon einige Meter laufen. „Mit Ehrgeiz und hartem Kämpfen schafft man alles“, sagt Michael. „Das gehört zu meinem Wesen, sonst wäre ich aus dem Rollstuhl nicht mehr herausgekommen.“ Seine Freundin Marion sorgte schließlich 2012 dafür, dass Füchsle wieder zum Klettern zurückfand. „Wir waren im Bayrischen Wald, da gab es eine kleine künstliche Kletterwand. Meine Freundin sagte: ‚Probiere es doch mal!‘ Ich hatte jahrelang Pause gemacht, zwei Kletterzüge und der Unterarm war gleich wieder zu.“ Doch sein Ehrgeiz war wieder geweckt. 2015 bestritt Füchsle seinen ersten Kletterwettkampf im Paraclimbing.

Nicht auf Expedition

„Für mich ist Felsklettern immer noch das Schönste“

Beim Klettern trägt er über dem künstlichen Darmausgang eine Bandage sowie einen Plastikschutz, weil der Klettergurt genau über das Stoma läuft. „Stark überhängende Felsen oder Dächer sollte ich meiden, weil es sein kann, dass sich beim übermäßigen Strecken das Stoma herausdrückt“, erklärt Michael. „Dann wäre eine sofortige Notoperation nötig.“ Er bewegt sich also auf dem schmalen Grat, den seine Behinderung vorgibt. „Expeditionen wären gesundheitlich nicht möglich, ebenso wenig wie Mehrseillängen-Routen“, sagt der Paraclimber. „Ich habe ein Dünndarm-Stoma. Der Dünndarm arbeitet immer, also muss ich den Beutel alle halbe bis dreiviertel Stunde ausleeren.“

Seine Motivation ist ungebrochen. „Ziele habe ich viele“, verrät Michael Füchsle „Irgendwann möchte ich noch einmal ein schweres Felsprojekt machen – zwei Wochen lang am Fels und dann eine Erstbegehung.“ Doch jetzt heißt es für ihn, wie für alle anderen Kletterer, erst mal warten: auf das Ende der Corona-Krise.