Bergsteiger-Legende Joe Brown ist tot

Joe Brown (1930-2020)

Die Bergsteiger-Szene trauert um einen ihrer ganz Großen. Joe Brown entschlief im Alter von 89 Jahren friedlich in seinem Haus in der Ortschaft Llanberis in Wales. In seinem bewegten Bergsteiger-Leben eröffnete Brown mehr als 1000 neue Felskletter-Routen. Weltweit bekannt wurde Joe, als ihm am 25. Mai 1955 mit George Band (1929-2011) die Erstbesteigung des 8586 Meter hohen Kangchendzönga gelang, des dritthöchsten Bergs der Erde.

Die menschliche Fliege

Joe auf dem Gipfel des Kangchendzönga (1955)

Joe Brown wurde 1930 in Manchester geboren, als jüngstes von sieben Kindern einer Arbeiterfamilie. Als Joe acht Monate alt war, starb sein Vater nach einem Schiffsunfall. Die Kinder mussten früh zum Unterhalt mit beitragen. Mit 14 Jahren ging Joe bei einem Klempner in die Lehre. Zu dieser Zeit begann er, mit Freunden klettern zu gehen, auch im Winter im Nationalpark Snowdonia im Nordwesten von Wales.

1951 tat sich Brown zu einer schlagkräftigen Seilschaft mit Don Whillans zusammen (dem 1970 mit Dougal Haston die Erstdurchsteigung der Annapurna-Südwand gelang). In den steilen Felswänden nahe Chamonix gelangen dem Duo zahlreiche spektakuläre Aufstiege. Joe trug in der Szene den Spitznamen „The Human Fly“, die menschliche Fliege, und galt inzwischen als einer der besten britischen Felskletterer.

Der Gipfel ist unwichtig

So verwunderte es kaum, dass Expeditionsleiter Charles Evens 1954 Brown per Telegram anfragte, ob er nicht zu seinem Team am Kangchendzönga stoßen wolle. Joe akklimatisierte sich gut und wurde mit George Band für den Gipfelversuch ausgewählt. In der Gipfelwand kletterte Joe einen schwierigen überhängenden Riss, der bei späteren Besteigungen umgangen wurde. Wenige Meter unter dem höchsten Punkt stoppten Brown und Band – aus Rücksicht auf die Bewohner des indischen Bundesstaats Sikkim, für die der Gipfel des Kangchendzönga ein heiliger Ort ist.

2012 wurde Joe in einem Interview des Magazins „Trail“ gefragt, ob er nicht erwogen habe, ganz nach oben zu steigen. „Nein, ich war nicht mal versucht“, antwortete Brown. „Für mich bedeutet es gar nichts, auf der Spitze eines Berges zu stehen. Ich besteige Berge, weil mir das Klettern Spaß macht. Und dieser Spaß endet auf dem Gipfel. Du bist dort gewesen, hast es geschafft, dafür brauchst du keine Fahne zu hissen. Wir hatten nich

Erstbesteigungen von Granitriesen im Karakorum

Mustagh Tower im Karakorum

1956, ein Jahr nach dem Erfolg am Kangchendzönga, gelang Joe ein weiterer Meilenstein. Im Karakorum in Pakistan schaffte er mit seinen Landsleuten John Hartog, Tom Patey und Ian McNaught-Davies die Erstbesteigung des 7276 Meter hohen Mustagh Tower, den viele zuvor für unbesteigbar gehalten hatten. Brown und McNaught-Davies erreichten den Westgipfel, Hartog und Patey einen Tag später den wenige Meter höheren Hauptgipfel. Zwanzig Jahre später, im Sommer 1976, gehörte Joe im Karakorum auch zum erfolgreichen Team am 6251 Meter hohen Nameless Tower, einem der Trango-Türme, an dem er im Jahr zuvor noch gescheitert war. Nach der Erstbesteigung des Grantitfelsens über die Südwestwand durch Mo Anthoine und Martin Boysen erreichten einen Tag später auch Brown und Malcolm Howell den Gipfel.

Double für Robert de Niro

35 Jahre lang war Brown auf Expeditionen unterwegs, ob in Asien, Nord- und Südamerika oder auch in Afrika. Zweimal – 1986 und 1998 – versuchte er sich am Mount Everest, beide Male scheiterten die Expeditionen auf der tibetischen Nordseite am schlechten Wetter. Joe verdiente auch Geld als Kletter-Double in Hollywoodfilmen, etwa 1986 für Robert de Niro im Film „Mission“ über einen jesuitischen Missionar in Südamerika.

„Das war fantastisch“

Joe während der Kangchendzönga-Expedition

Brown wurde sogar geadelt: Seit 2011 durfte er sich „Commander of the Order of the British Empire“ (Kommandeur des Ordens des britischen Empire) nennen. Doch Joe mochte es nicht, im Mittelpunkt zu stehen. „Ich hasse die Öffentlichkeit. Sie stört dein Leben“, sagte Brown 2012 in einem der seltenen Interviews, die er gab. „Du triffst Leute, die Helden verehren. Ich will nicht Teil davon sein. In gewisser Weise macht die Öffentlichkeit es den Menschen schwerer, Freunde zu werden, da sie sich anders verhalten werden, als sie sich normalerweise verhalten würden. Manche, deren Naturell das entspricht, gefällt das. Mir definitiv nicht.“

Am liebsten war Joe draußen in der Natur, in seinem Laden, in dem er Kletterausrüstung (z.B. von ihm selbst entwickelte Fiberglas-Helme) verkaufte oder zu Hause bei seiner Frau Valerie und den beiden Töchtern Helen und Zoe. „Ich gehe nicht mal gerne in Cafés. Ich esse am liebsten zu Hause“, sagte Joe Brown. „Ich habe einige Marotten. Aber ich blicke immer noch auf mein Leben zurück und denke: Das war fantastisch.“

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