Er gehörte zur aufstrebenden jungen Generation pakistanischer Bergsteiger. „In den hohen Bergen ist es entscheidend, die richtige Entscheidung zu treffen, aber noch wichtiger ist es, an sich selbst zu glauben“, schrieb Shah Doulat im Sommer 2024, nachdem er am Gasherbrum II erstmals hauptverantwortlich eine Achttausender-Expedition zu einem erfolgreichen Ende geführt hatte. Am Freitag stürzte Shah in den Tod.
Wie die pakistanische Zeitung „The Dawn“ berichtet, war der 29 Jahre alte Bergführer nahe dem Dorf Khyber im Hunza-Tal beim Eisklettern mit einem ausländischen Kunden. Doulat habe den Halt verloren und sei 400 Meter abgestürzt, heißt es in dem Bericht. Einheimische hätten ihn nur noch tot bergen können. Der Bergsteiger wurde nur 29 Jahre alt.
Keine Chance. „Die klirrende Kälte und der starke Wind machten es unmöglich, voranzukommen“, sagte Sanu Sherpa nach Angaben des nepalesischen Portals „The Tourism Times“ . Das Rettungsteam unter Sanus Führung sei aus Lager IV auf rund 7900 Metern ins Basislager zu Füßen des Makalu zurückgekehrt.
Die Retter aus Reihen der kommerziellen Expeditionsanbieter Makalu Adventure und 8K Expeditions würden nach dem nunmehr zweiten erfolglosen Versuch in den kommenden Tagen nach Kathmandu zurückkehren, hieß es. Weitere Aufstiege seien angesichts des fortdauernd schlechten Wetters und der großen Höhe zu gefährlich.
Es ist ein Medienspektakel – keine Frage. Wenn US-Topkletterer Alex Honnold in der Nacht von Freitag auf Samstag deutscher Zeit in Taiwan free solo, sprich im Alleingang und ohne jede Sicherung, den 509 Meter hohen Wolkenkratzer Taipei 101 hinaufklettert und Netflix das Ganze live streamt, wird Alexander Huber jedoch wahrscheinlich tief und fest schlafen.
„Die Besteigung des Taipei 101 wird dem Klettern keine neuen Erkenntnisse liefern, so gesehen ist die Aktion für uns als Kletterer nicht relevant“, schreibt mir der jüngere der beiden Huberbuam. „Aber natürlich wird es über Netflix eine sehr große Reichweite bekommen, und es steht Alex selbstverständlich zu, das zu machen.“
Der 8485 Meter hohe Makalu in Nepal (links, rechts der 7000er Chamlang)
Der Grat zwischen Triumph und Tragödie kann an den Achttausendern sehr schmal sein. Am gestrigen Donnerstag wurde noch die zweite Winterbesteigung des Makalu gefeiert, heute wird ein ums Leben gekommener nepalesischer Bergsteiger betrauert.
„Heute Morgen um 10:27 Uhr haben unser Kunde Abolfazl Gozali und sein Bergführer Sanu Sherpa den Gipfel des Makalu (8485 Meter) erreicht“, vermeldet der nepalesische Expeditionsveranstalter Makalu Adventure auf Facebook.
Die indische Kundin Piyali Basak habe sich dagegen in Lager 3 unwohl geführt und sei zum Basislager zurückgekehrt. Dort wird das erfolgreiche Gipfelteam am morgigen Freitag zurückerwartet.
Der fünfthöchste Berg der Erde war zuvor erst einmal im Winter bestiegen worden: im Februar 2009 durch den Italiener Simone Moro und den im russischen Nordkaukasus geborenen Denis Urubko. Die beiden Profibergsteiger hatten – wie bei allen ihren Aufstiegen – auf Flaschensauerstoff verzichtet.
„Wenn du einen Traum hast, dich ihm voll und ganz widmest und niemals aufgibst, kannst du alles erreichen – egal, was das Leben dir auch vor die Füße wirft.“ Mit diesen Worten kommentierte Hari Budha Magar auf Instagram seine Besteigung des 4892 Meter hohen Mount Vinson in der Antarktis.
Damit hat der beidseitig beinamputierte nepalesische Bergsteiger seine Sammlung der Seven Summits komplettiert – zumindest jene, die im Augenblick für ihn möglich ist.
Zweiter Anlauf: Ein Team des kommerziellen nepalesischen Expeditionsveranstalters Makalu Adventure versucht in diesem Winter erneut, den iranischen Bergsteiger Abolfazl Gozali auf den 8485 Meter hohen Makalu zu bringen – mit Flaschensauerstoff.
Wie Gozali gestern in einer Instagram-Story wissen ließ, verlegte das Team Fixseile bis auf eine Höhe von 6000 Metern und transportierte Material dorthin.
Es ist bislang die einzige Expedition an einem Achttausender in Nepal in diesem Winter. Simone Moros Winterprojekt am Manaslu war Mitte Dezember zu Ende gegangen, bevor es richtig begonnen hatte. Der Italiener hatte – wie berichtet – während der Akklimatisierung in der Khumbu-Region eine Herzattacke erlitten.
Im vergangenen Oktober hatte Mingma Gyalje Sherpa eine mögliche Winterexpedition zum Mount Everest angekündigt, mit dem Ziel der ersten Winterbesteigung des höchsten Bergs der Erde durch eine Frau. Daraus wurde nichts, „aus finanziellen Gründen“, wie mir der Chef des Veranstalters Imagine Nepal schrieb.
Nach einigen Tagen der Ungewissheit hat sich Simone Moro selbst zu Wort gemeldet. Sein wichtigster Satz: „Es geht mir jetzt gut.“ Was war passiert? Am Wochenende hatten nepalesische Medien berichtet, der 58 Jahre alte Topbergsteiger aus Italien habe mit einem Hubschrauber aus den Bergen nach Kathmandu geflogen werden müssen.
Das stimmte noch, die darüber hinaus zunächst berichteten medizinischen Details waren jedoch widersprüchlich. In solchen Fällen ist es ratsam, abzuwarten, bis verlässliche Informationen vorliegen. Die lieferte Simone nun selbst, im Jogginganzug im Krankenhaus sitzend, mit einer Erklärung, die er unter anderem via Instagram verbreitete.
Sirbaz Khan (Mitte) ist der erste Präsident der KMGA
Es ist ein weiterer wichtiger Schritt auf dem längst überfälligen Weg der pakistanischen Bergsteiger und Bergsteigerinnen, sich zu emanzipieren.
In einem Hotel in der Stadt Skardu im Norden Pakistans riefen sie am vergangenen Wochenende die „Karakoram Mountain Guides Association“ (KMGA) ins Leben, die „erste nationale Organisation, die von Bergsteigern für Bergsteiger gegründet wurde“, wie sie hinterher stolz verkündeten.
Lukas Waldner, Francois Cazzanelli, Giuseppe Vidoni und Benjamin Zörer (v.r.n.l.) am Gipfel des Kimshung
Es war eines der erfreulich zahlreichen alpinistischen Glanzlichter dieser Herbstsaison im Himalaya. Den beiden Österreichern Lukas Waldner (24 Jahre alt) und Benjamin Zörer (24) sowie den Italienern Francois Cazzanelli (35) und Giuseppe Vidoni (31) gelang in Nepal im Alpinstil die Erstbesteigung des Kimshung.
Der 6781 Meter hohe Berg, auch unter dem Namen Tsangbu Ri bekannt, liegt im Langtang- Nationalpark, rund 75 Kilometer Luftlinie nördlich der Hauptstadt Kathmandu.
Die vier Bergsteiger kletterten am 20. Oktober von ihrem vorgeschobenen Lager auf 5450 Metern auf dem Kimshung-Gletscher in nur zehn Stunden bis zum Gipfel und noch am selben Tag wieder hinunter. Sie tauften ihre Route (1300 Meter, 60°, AI4, M5) „Destiny“, sprich Schicksal oder Vorsehung, „aufgrund der vielen Geschichten, die sich unter diesem Berg ereignet haben – darunter auch das Zusammentreffen der vier Bergsteiger, die nicht nur mit einer stolzen Besteigung, sondern vor allem mit einer großartigen neuen Freundschaft nach Hause zurückkehren“, wie das Quartett auf Instagram schrieb.
Der 6781 Meter hohe Kimshung in Nepal
Zwei Seilschaften fanden sich zusammen
Die Bergsteiger aus Österreich und Italien hatten sich erst am Fuße des Bergs kennengelernt und beschlossen, gemeinsam aufzusteigen. Cazzanelli hatte sich bereits zweimal erfolglos am Kimshung versucht. 2015 war sein Team vom verheerenden Erdbeben in Nepal gestoppt worden, bei dem fast 9000 Menschen ums Leben gekommen waren. 2016 musste Francois seinen Versuch am Kimshung abbrechen, nachdem er auf knapp 6000 Metern von einem Stein getroffen worden war.
Der Tiroler Bergsteiger Lukas Waldner hat nach seiner Rückkehr aus Nepal meine Fragen zu der nun erfolgreichen Expedition beantwortet.
Lukas, wie ordnest du in deiner persönlichen Karriere die Erstbesteigung des Kimshung ein?
James Price (l.) und George Ponsonby (r.) auf dem Gipfel des Aikache Chhok
Eigentlich sollen die Mitglieder der „Young Alpinist Group“ aus Großbritannien und Irland nur erste Erfahrungen in den großen Gebirgen der Welt sammeln. Zwei von ihnen ist jetzt jedoch im Norden Pakistans bereits ein echter alpinistischer Coup gelungen.
Der Brite James Price und der Ire George Ponsonby eröffneten Ende Oktober am 6673 Meter hohen Aikache Chhok im Alpinstil eine 3000 Meter hohe schwierige Route über den noch nie begangenen Nordwestgrat und stiegen dann über die ebenfalls noch jungfräuliche Südwestwand ab.
Henry Todd mag vielleicht nicht der größte Kletterer seiner Zeit gewesen sein, aber er war unbestritten ein Original.
„Als Expeditionsleiter, Bergsteiger und später als Lieferant von Flaschensauerstoff für Bergsteiger war Henry eine Säule der Himalaya-Kletterer-Community“, schreibt die deutsche Bergsteigerin, Journalistin und Chronistin Billi Bierling in ihrem Nachruf in der Himalayan Times. „Er unterstützte unzählige Menschen in Nepal und Pakistan und ermöglichte es vielen, sich den Traum zu erfüllen, auf den höchsten Gipfeln der Welt zu stehen.“
Todd starb am vergangenen Montag in seiner Wahl-Heimat Kathmandu im Alter von 80 Jahren – an den Folgen eines Schlaganfalls, nachdem er wenige Tage zuvor am Herz operiert worden war.
Bei einer Lawine am Yalung Ri in Nepal starben sieben Menschen
„Die Natur ist unberechenbar und wird immer unberechenbarer“, sagte Bergsteiger-Legende Reinhold Messner dem Südtiroler Internet-Portal „altoadige.it“: „Es hat sich radikal verändert und ist auch aufgrund des Klimawandels, der zu einem Anstieg der Temperaturen geführt hat, gefährlicher geworden, wodurch die Berge und Gletscher viel fragiler und instabiler geworden sind.“
In den vergangenen Tagen hatte es sowohl in den Alpen als auch im Himalaya Lawinen mit zahlreichen Todesopfern gegeben.