Chris Bonington: „Coronavirus ist eine Art Weckruf der Natur“

Chris Bonington

Er ist ein bescheidener Ritter. Eigentlich könnte Sir Chris Bonington seine Nase hoch tragen. Schließlich schlug ihn Königin Elizabeth II. 1996 wegen seiner großen Verdienste um das britische Bergsteigen zum Ritter. Doch Chris trägt weder seine Nase hoch noch seinen Titel vor sich her. Bonington ist sich treu geblieben, hat die Bodenhaftung nie verloren – trotz seiner vielen Erfolge als Bergsteiger (u.a. Erstbesteigungen des Ogre (7285 Meter) in Pakistan, des Kongur (7649 Meter) in China und des Changabang (6864 Meter) in Indien) und als Expeditionsleiter (u.a. Erstbegehungen der Annapurna-Südwand 1970 und der Everest-Südwestwand 1975).

Ich habe mich gefragt, wie es dem 85-Jährigen wohl in Zeiten des Corona-Lockdown geht. Ich erreichte ihn in seinem Haus in Caldbeck in der Grafschaft Cumbria im Nordwesten Englands.

Chris, wie an alle in diesen seltsamen Tagen der Corona-Krise lautet die erste Frage: Wie geht es dir?

Bis jetzt geht es mir ausgezeichnet. Wenn man über 70 Jahre alt ist und noch irgendwelche anderen Krankheiten hat, ist eigentlich jeder rechtlich unter den totalen „Lockdown“ gesetzt, was für uns in Ordnung ist. Wir halten uns in unserem schönen Haus im Lake District auf, ich vermute so lange, bis ein Heilmittel für die Krankheit gefunden ist.

Du bist 85 Jahre alt, gehörst also zur Corona-Risikogruppe. Bist du besorgt oder macht es dir sogar Angst?

Ich möchte auf keinen Fall das Coronavirus bekommen. Ich hatte einen leichten Herzinfarkt und mir wurden drei Stents gesetzt. Wenn ich also das Virus bekäme, würde es mich wahrscheinlich umbringen. Das alleine beunruhigt mich noch nicht übermäßig, aber es ist doch auch eine besonders fiese Art zu sterben. Zudem habe ich eine liebenswerte Frau, die etwas jünger ist als ich, und ich möchte sie auf keinen Fall verlassen. Ich möchte noch mindestens 15 Jahre leben.

Wie verbringst ihr eure Tage zu Hause in Cumbria?

Wandern in den heimischen Hügeln

Wir haben sehr, sehr viel Glück, dass unser Haus hinten direkt an die Hügel grenzt. So muss ich einfach nur direkt aus meinem Garten herausgehen und kann meilenweit über einsame Hügel wandern. Wir gehen jeden Tag raus, so halte ich mich sehr fit. Wir befinden uns während des Lockdowns an einem wirklich schönen Ort zum Leben. Und wir haben Freunde, die sehr hilfsbereit sind. Wir sind also recht entspannt und genießen es.

Wie beurteilst du die aktuelle Krisensituation in Großbritannien?

Ich denke, sie ist interessant. In gewisser Weise ist das Coronavirus eine Art Weckruf der Natur für uns, für den Homo sapiens. Wir haben zu lange herumgepfuscht, an der Natur und allem. Und es ist doch ziemlich bemerkenswert, dass das Coronavirus die Welt geradezu gelähmt hat, oder? Ich denke, wir müssen etwas daraus lernen. Wenn ein Impfstoff gefunden wird, wird das Coronavirus verschwunden sein. Was nicht verschwunden sein wird, ist die globale Erwärmung. Wenn wir nichts gegen die globale Erwärmung unternehmen – und das ist etwas, was die ganze Welt tun muss – ist das eine Katastrophe. Nicht für meine Generation, vielleicht nicht einmal für deine Generation, aber sicherlich für unsere Kinder und Enkelkinder.

Ich hoffe, dass dieses Coronavirus die Menschen tatsächlich dazu bringt, sich ernsthaft mit Werten auseinanderzusetzen. In Großbritannien gehören die Pflegekräfte zu den am schlechtesten bezahlten Menschen. Man sollte sie viel mehr schätzen, sie besser bezahlen und ihnen mehr Respekt entgegenbringen. Unsere Gesellschaft muss wirklich aus dieser Krise lernen, sie muss ihr Verhalten ändern.

Du bist ein legendärer Bergsteiger und Expeditionsleiter, der viele Male im Himalaja und im Karakorum unterwegs gewesen ist. Sind deine Gedanken in der Corona-Krise jetzt bei den Menschen dort?

Ich denke an allen armen Menschen in der Dritten Welt, zum Beispiel auch in Afrika oder in Indien. Ihre Situation ist dramatisch. Sicher sind meine Gedanken auch bei den Menschen in Nepal, aber eigentlich doch bei all jenen in der ganzen Welt, die schwer unter der Krise leiden.

In den letzten Jahren ist viel über die Auswüchse des kommerziellen Bergsteigens am Everest und den anderen Achttausendern diskutiert worden. Könnte die erzwungene Pause deiner Meinung nach auch eine Chance bieten, zu einer neuen Ethik des Bergsteigens zu finden oder zu der alten zurückzukehren?

Auf dem Kala Pattar – im Hintergrund der Mount Everest, den Chris 1985 bestieg

Was geschieht denn auf dem Everest? Ich finde, kommerzielle Everest-Expeditionen haben absolut nichts mit echtem Bergsteigen zu tun. Wenn man sich das Extrembergsteigen anschaut, die Menschen, die an der Spitze unseres Sports stehen, die ganz außergewöhnliche Dinge tun und die Grenzen immer weiter hinausschieben, in kleinen Teams, mit wenig Gepäck oder solo an Achttausendern, Sechstausendern und so weiter – dann ist das eine sehr gesunde Art und Weise, wie sich das Bergsteigen weiterentwickelt.

Gott sei Dank ist es mir letztendlich 1985 gelungen, den Everest zu besteigen. Das war das letzte Jahr, in dem die nepalesische Regierung nur eine Expedition auf dem Berg zuließ. Wir stiegen (wie heute die kommerziellen Teams) ebenfalls über den Südsattel auf. Aber es war eine wunderschöne Expedition mit einigen norwegischen Freunden von mir.

Aktuell leisten die kommerziellen Expeditionen in der Tat einen wichtigen wirtschaftlichen Beitrag für die Sherpa-Gemeinschaft und die Menschen, die um den Everest herum leben. Letzten Endes gibt es immer noch Leute, die den Everest über die Route über den Südsattel besteigen wollen, an Fixseilen, mit Sherpas. Viel Glück für sie! Es ist kein Bergsteigen, aber wenn sie dorthin gehen wollen, macht sie glücklich! Ich glaube, man könnte es um einiges besser machen. Die Sherpa-Guides sollten einen besseren Status erhalten.

Wegen des Corona-Lockdown haben wir nun viel Zeit, um uns an unsere Bergabenteuer zu erinnern. Zwei deiner außergewöhnlichen Expeditionen feiern in diesem Jahr runde Geburtstage. Beginnen wir mit der Erstbesteigung des Fast-Achttausenders Annapurna II im Mai 1960. Was bedeutet dir dieses Abenteuer heute, 60 Jahre später?

Annapurna II

Immer noch eine ganze Menge. Es war das erste Mal, dass ich überhaupt im Himalaya war. Annapurna II klingt wie ein Nebengipfel der Annapurna I. Aber dazwischen liegen mehr als zehn Meilen, und es ist ein wunderschöner Berg. Ich war damals mit einer kleinen Armee-Expedition mit Angehörigen britischer und indischer Einheiten unterwegs. Es war ein schwieriger Berg und eine herausfordernde Besteigung, sehr anspruchsvoll. Die Annapurna II besteigen zu können, war ziemlich außergewöhnlich.

Aber selbst bei dieser Expedition erinnere ich mich am lebhaftesten nicht an die Besteigung des Bergs oder den Moment, als ich den Gipfel erreichte, sondern an einen Augenblick danach. Wir waren wahrscheinlich die ersten Europäer überhaupt, die die Annapurna-Runde drehten. Der größte Teil des Teams überquerte dabei den Thorong La. Ich dagegen wollte mit nur einem Sherpa den Tilicho-Pass überqueren, weil ich von Maurice Herzogs Abenteuern gelesen hatte, als er zehn Jahre zuvor nach der Annapurna gesucht hatte (der Franzose überquerte als Erster den Pass und bestieg später mit Louis Lachenal die Annapurna I). Wir überquerten also den Tilicho-Pass, ich fühlte mich als Entdecker. Das gehört zu den schönsten Erinnerungen in meinem Leben.

Zehn Jahre später, im Mai 1970 durchstiegen bei einer von dir geleiteten Expedition Don Whillans und Dougal Haston erstmals die Annapurna-Südwand. Es war die damals schwierigste Route an einem Achttausender. Wie ordnest du diese Expedition 50 Jahre danach ein?

Annapurna-Südwand

Wir wählten 1970 eine Taktik, die damals kaum vorstellbar war: eine Wand von der Größe der Annapurna-Südwand im Alpinstil zu klettern. Es war eine faszinierende Expedition, ich habe dabei sehr viel gelernt. Wir arbeiteten als Team gut zusammen. Der Aufstieg zum Gipfel war auf des Messers Schneide, mit einem bemerkenswerten Vorstoß gelang es schließlich Don Whillans und Dougal Haston, bis zum höchsten Punkt zu klettern.

Ein gewisser Reiz dieser großen Expeditionen lag darin, dass man als Team funktionierte musste. Für mich war es die erste Expedition, die ich leitete. Ich habe viel über diesen Prozess gelernt. Gleichzeitig war es die letzte wirklich große Expedition, an deren Spitze ich stand. Später wurden die Expeditionen, die ich leitete, immer kleiner und die Gipfel niedriger.

Gegen Ende der Annapurna-Expedition kam Ian Clough ums Leben, als ein Serac herabstürzte. Viele deiner Freunde sind in den Bergen gestorben. Vor wenigen Tagen verschied mit dem legendären Joe Brown ein weiterer Freund, wenn auch in hohem Alter und nicht in den Bergen. Denkst du häufig über den Tod nach?

Beim Klettern auf der schottischen Insel Mingulay in den 90er Jahren

Vor vierzig, fünfzig Jahren sind auf fast jeder meiner Expeditionen Freunde ums Leben gekommen. Es ist traurig, wenn man einen Freund verliert. Aber wenn du am absoluten Limit kletterst, musst du in gewisser Weise akzeptieren, dass es ein sehr, sehr gefährliches Spiel ist. Und wenn du dieses Spiel immer wieder und viele Male spielst, setzt du dich diesem Risiko zu einem bestimmten Grad aus. Ich hatte mindestens zehn Mal sehr, sehr viel Glück, einen Sturz oder was auch immer mir passierte zu überleben. Ich blieb am Leben – ebenso wie mein guter Freund Doug Scott (mit dem ihm u.a. 1977 die Erstbesteigung des Ogre gelang).

Ian Clough war einer der ersten, die ich verlor, und einer meiner besten Freunde. Gemeinsam gelangen uns 1961 am Mont Blanc die Erstbegehung des Zentralen Frêney-Pfeilers und weitere Besteigungen. Aber ich denke, man muss den Tod als Teil des Spiels akzeptieren.

Mittlerweile sterben auch liebe Freunde von mir an natürlichen Krankheiten. Joe (Brown) war fast 90 Jahre alt, ein wunderbarer Mensch, er hatte ein wunderbares Leben. Nach seinem Tod können wir feiern, dass er in der Lage war, ein so fantastisches Leben zu führen und dass er große Verdienste für die Gesellschaft leistete, in der wir leben.

Vor fünf Jahren sagtest du mir: „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber ich liebe das Leben.“ Hat sich daran etwas geändert?

Chris mit seiner Frau Loreto (l.)

Es ist jetzt ganz genauso. Auch ich habe persönliche Tragödien erlebt. Ich verlor meinen ersten Sohn bei einem Unfall. Über so etwas kommt man nie hinweg. Aber ich hatte großes Glück, dass wir anschließend zwei weitere Söhne bekamen, die inzwischen erwachsen und selbst Eltern sind. Meine Frau Wendy habe ich nach mehr als fünfzig Jahren verloren. Es war eine wunderbare Ehe in tiefer Liebe. Danach hatte ich das große Glück, eine neue wunderbare Liebe zu finden – zu Loreto, die zuvor mit einem meiner engen Freunde (Ian McNaught-Davis, der 1956 zu den Erstbesteigern des 7276 Meter hohen Muztagh Tower im Karakorum gehörte) verheiratet war, der tragischerweise an Krebs starb. Loreto und ich unternehmen noch eine Menge zusammen. Wenn es mir wie bisher gelingt, körperlich und geistig fit zu bleiben, möchte ich so lange leben, wie ich kann. Das wäre großartig. Ich liebe das Leben, und ich liebe es zu leben.

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