Drama am höchsten Berg Kirgistans – Rettungsaktion abgebrochen

Dschengisch Tschokusu, auch bekannt als Pik Pobeda
Dschengisch Tschokusu, auch bekannt als Pik Pobeda

Übersetzt heißt der 7439 Meter hohe Berg im Grenzgebiet zwischen Kirgistan und China „Siegesgipfel“, sowohl im Kirgisischen (Dschengisch Tschokusu) als auch im Russischen (Pik Pobeda). Doch in diesen Tagen gibt es am höchsten Berg Kirgistans keine Sieger.

Am 11. August starb die russische Kletterlegende Nikolai Totmyanin – unter anderem Piolet d’Or-Preisträger für die erste Durchsteigung der Nordwand des Jannu (7710 Meter) im Osten Nepals im Jahr 2004 – im Alter von 66 Jahren in der kirgisischen Hauptstadt Bischkek, nachdem er beim Abstieg vom Gipfel des Siebentausenders höchstwahrscheinlich höhenkrank geworden war. Aber das war erst der Auftakt des Dramas.

In den folgenden Tagen kamen zwei iranische und ein italienischer Bergsteiger am Pik Pobeda ums Leben. Ob eine russische Bergsteigerin, die seit zwei Wochen mit einem gebrochenen Bein am Gipfelgrat auf rund 7200 Metern festsitzt, noch lebt, ist äußerst fraglich. Und selbst wenn, wird es ihr wohl nichts mehr nützen. Nach Angaben Anna Piunovas vom russischen Bergsteiger-Portal „mountain.ru“ wurde die Rettungsaktion gestern endgültig abgebrochen – wegen des schlechten Wetters mit Schneefall und Temperaturen bis minus 30 Grad Celsius in der Nacht.

Am 19. August lebte Natalja Nagovitsyna noch

Maryam Pilevari und Hassan Seifollah aus dem Iran waren am 12. August letztmals auf dem Gipfelgrat des Pik Pobeda gesehen worden. Seitdem fehlte von ihnen jede Spur. Auch Videoaufnahmen des Grats am 16. und 19. August mittels einer Drohne brachten keine Erkenntnisse darüber, ob die beiden abgestürzt sind oder was ihnen sonst zugestoßen sein könnte.

Natalja Nagovitsyna
Natalja Nagovitsyna

Die Drohne filmte jedoch die russische Bergsteigerin Natalja Nagovitsyna, die aus ihrem vom Wind zerfetzten Zelt am Grat winkte. Am 19. August, einen Tag vor ihrem 48. Geburtstag, lebte sie also noch. Am 23. August, vier Tage nach dem Drohnenflug, zitierte die russische Nachrichtenagentur TASS eine Quelle aus dem kirgisischen Katastrophenschutz-Ministerium mit den Worten: „Seien wir realistisch, die Wetterbedingungen werden es in diesem Jahr den Rettungskräften nicht mehr ermöglichen, Nagovitsyna zu erreichen.“ Zwei Tage später war die Rettungsaktion vorbei.

Abgerutscht und Bein gebrochen

Die Russin gehörte zu einem vierköpfigen Team, das außerdem noch aus einem russischen Landsmann, einem Deutschen und dem Italiener Luka Sinigaglia bestand. Und so spielte sich das Drama nach Angaben Pionovas ab: Am geplanten Gipfeltag, dem 12. August, erreichten zunächst der deutsche Bergsteiger und später auch die beiden Russen den höchsten Punkt. Luka, der sich nicht gut fühlte, wartete in einer Schneehöhle auf rund 6900 Metern auf die anderen.

Blick auf Pik Pobeda vom Basislager aus
Blick auf Pik Pobeda vom Basislager aus

Im nächsten Funkspruch ans Basislager berichtete der Russe dann, dass er und Natalja beim Abstieg vom Grat abgerutscht seien und sich das Seil wie durch ein Wunder irgendwo verfangen habe. Ihm sei nichts passiert, Natalia habe sich jedoch das Bein gebrochen.

Auf Anraten aus dem Basislager sicherte der Russe seine Gefährtin und stieg dann nach unten. Nachdem er an der Schneehöhle eingetroffen war und von dem Unfall berichtet hatte, stieg der Italiener und der Deutsche zu Natalja auf. Sie brachten ihr ein Zelt, einen Schlafsack, Lebensmittel, einen Kocher und Gas. Das einzige Funkgerät des Teams nahmen sie wieder mit, da die Position der Russin bekannt war.

Beim Abstieg vom Gipfel des Bergs muss man zunächst den rund sechs Kilometer langen Westgrat bis zu einem 6918 Meter hohen Vorgipfel überqueren, erst von dort führt die Normalroute steiler bergab.

Italiener stirbt an Höhenhirnödem

Das Wetter wurde immer schlechter, die Sicht ging gegen Null. Die Basislager-Crew empfahl den drei Männern, in der klaren Nacht abzusteigen. Unterhalb des Vorgipfels war das Trio gezwungen, eine weitere Schneehöhle zu graben, weil Luka Symptome eines Höhenhirnödems zeigte. Sein Zustand verschlechterte sich, am frühen Abend des 15. August starb der Italiener.

Die Rettungsaktion für die in Not geratenen Bergsteiger stand unter keinem guten Stern. Am 16. August landete ein Rettungshubschrauber so hart, dass mehrere Retter an Bord verletzt wurden.

Dem russischen Bergsteiger gelang es schließlich, aus eigener Kraft das Plateau zu erreichen, auf dem das Basislager liegt. Dem Deutschen halfen einige Retter nach unten, die ihm entgegengestiegen waren.

Ehemann starb am Berg in ihren Armen

Das Wetter blieb schlecht. Die Retter gelangten nicht höher als 6100 Meter, die Hubschrauber – darunter ein für Einsätze in großer Höhe geeigneter Helikopter mit einem italienischen Piloten – konnten nicht starten.

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R.I.P.

Schließlich zogen die Behörden in Kirgistan die Reißleine und beendeten die Rettungsaktion. Damit wurde Natalja Nagovitsyna faktisch aufgegeben und für tot erklärt.

Die Russin hatte 2021 am Siebentausender Khan Tengri ihren Ehemann verloren. Nachdem Sergei Nagovitsyn auf einer Höhe von 6900 Metern einen Schlaganfall erlitten hatte, war Natalja entgegen dem Rat der Rettungskräfte bei ihm geblieben. Er war in ihren Armen gestorben. In einer TV-Dokumentation ein Jahr später hatte Natalja gesagt: „Ich habe keine Angst davor, auf einem Berggipfel zu sterben.“

Der Pik Pobeda und der Khan Tengri sind die beiden nördlichsten Siebentausender der Welt und berüchtigt für die dort herrschenden Wetterverhältnisse. Allein am Pik Pobeda starben nach Medienberichten bereits mehr als 70 Bergsteigerinnen und Bergsteiger.

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