Skiabfahrt vom Mount Everest – Dritter Versuch des Polen Andrzej Bargiel

Skibergsteiger Andrzej Bargiel (2022 am Mount Everest)
Skibergsteiger Andrzej Bargiel (2022 am Mount Everest)

„Der Everest übt eine große Anziehungskraft auf mich aus“, sagte Andrzej Bargiel in einem Interview seines Sponsors Red Bull. „Zum einen aus Neugierde, weil ich sehen möchte, wie mein Körper mit dieser Höhe zurechtkommt. Zum anderen, weil dieser Ort zwar nicht gerade das beste Image hat, es aber Momente gibt, beispielsweise im Herbst, in denen es dort ruhig ist und man ungestört arbeiten kann – ohne jegliche Hektik.“

Der 37 Jahre alte polnische Skibergsteiger brach in dieser Woche mit acht Begleitern nach Nepal auf, um im dritten Anlauf sein großes Ziel zu erreichen: ohne Flaschensauerstoff auf den 8849 Meter hohen Gipfel des Mount Everest steigen und von dort aus auf Skiern bis ins Basislager abfahren.

Seinen ersten Versuch im Herbst 2019 hatte Bargiel abgebrochen, weil ein rund 50 Meter hoher und 30 Meter breiter Monster-Serac über dem Khumbu-Eisbruch hing und abzubrechen drohte. Sein zweiter Anlauf endete im Herbst 2022 am Südsattel auf knapp 8000 Metern, wo der Wind so heftig wehte, dass Andrzej und sein Begleiter Janusz Golab nicht mal ihr Zelt aufbauen konnten.

Dariusz Zaluski mit dabei  

Golab ist ein Mentor Bargiels. Bei einigen Besteigungen Andrzejs mit anschließender Skiabfahrt, etwa der ersten vollständigen vom K2 im Jahr 2018 oder jenen 2023 vom Gasherbrum I und II, unterstützte Janusz den 20 Jahre jüngeren Skibergsteiger.  Diesmal gehört er jedoch nicht zu Bargiels Team.

Dariusz Zaluski (2013 auf Expedition mit Ralf Dujmovits)
Dariusz Zaluski (2013 auf Expedition mit Ralf Dujmovits)

Dafür ist ein anderer Veteran des Bergsteigens im Himalaya und Karakorum mit dabei: Dariusz Zaluski. Der 66-Jährige bestieg fünf Achttausender, den Everest sowohl von der nepalesischen Südseite (2006) als auch der tibetischen Nordseite (2012).

2011 gehörte Darek zu dem internationalen Quartett, das den K2 über die chinesische Nordseite des Bergs bestieg. Mit diesem Erfolg wurde die Österreicherin Gerlinde Kaltenbrunner zur ersten Frau, die auf allen 14 Achttausendern ohne Flaschensauerstoff stand. Zaluski ist auch ein erfahrener Filmemacher. Bargiel wird also in doppelter Weise von ihm profitieren.

Die Gelegenheit beim Schopf packen

Insgesamt ist Andrzej bereits sechs Achttausender mit Skiern abgefahren: Vor dem K2 und den beiden Gasherbrum-Gipfeln war ihm dieses Kunststück auch an der Shishapangma in Tibet (2013), am Manaslu in Nepal (2014) und am Broad Peak in Pakistan (2015) gelungen.

Bargiel im Khumbu-Eisbruch (2022)
Andrzej im Khumbu-Eisbruch (2022)

„Wir müssen die richtigen Bedingungen vorfinden, Lawinengefahr vermeiden und die Gletscherspalten dort lesen“, sagte Bargiel über die anstehende Everest-Expedition. „Die Herausforderung ist der [Khumbu-] Eisbruch, der sehr komplex ist. Manchmal ist es schwierig, ihn zu durchqueren, geschweige denn wieder hinunterzukommen.“

Icefall Doctors unterstützen

Andrzej Bargiel
„Die richtigen Momente nutzen“

Um den besten Weg durch das Eislabyrinth zu finden, wird das Team auch von zwei Icefall Doctors unterstützt – wie mir Tshering Tenjing Sherpa bestätigt, der im Frühjahr regelmäßig der Basecamp-Manager des nepalesischen Spezialistenteams ist.  

Sollten das Wetter und die Bedingungen am Berg passen, komme es darauf an, effektiv zu sein, sagt Andrzej: „Man muss diese Momente nutzen und das Beste daraus machen. Denn wenn man ein oder zwei Tage verliert, läuft einem die Zeit davon. Ich denke, das ist entscheidend, wenn man dort im Herbst unterwegs ist.“

Bisher ist lediglich dem Slowenen Davo Karnicar – er starb 2019 bei einem Forstunfall in seiner Heimat – eine Abfahrt vom Gipfel des Everest über die Südseite des Bergs bis ins Basislager gelungen, ohne dass er die Skier abschnallen musste. Für den Aufstieg im Jahr 2000 nutzte er ab dem Südsattel Flaschensauerstoff, ebenso für das erste Stück auf Skiern bis zum Südgipfel. Karnicar benötigte vier Stunden und 40 Minuten für die Abfahrt ins Basislager.

Wegen Schneemangel an einigen Stellen Ski abgeschnallt

Die Skiversuche auf der Nordseite des Everest lassen sich an einer Hand abzählen. 1996 gelang dem Südtiroler Hans Kammerlander die Abfahrt vom Gipfel über die Nordostflanke und den Nordsattel bis zum vorgeschobenen Basislager auf dem Östlichen Rongbuk-Gletscher. Allerdings musste er an einigen Stellen wegen Schneemangel die Ski abschnallen. Das galt auch im Jahr 2006 für die Schweden Olof Sundstron und Martin Letzer, die ebenfalls über den Nordostgrat abfuhren, sowie für den Norweger Tormod Granheim und Tomas Olsson, die das Norton-Couloir gewählt hatten. Olsson stürzte aus einer Höhe von 8500 Metern in den Tod.

Die tibetische Nordseite des Mount Everest (2005)
Die tibetische Nordseite des Mount Everest (2005) (2005)

Andrzej Bargiel versuchte nach eigenen Worten mehrfach vergeblich, von den chinesisch-tibetischen Behörden ein Permit für eine Skiabfahrt über die Nordseite des Everest zu erhalten. „Ich glaube, die Chinesen lassen einfach keine Entwicklung des Tourismus zu“, sagte Andrzej. „Sie befürchten, dass das Thema Tibet übertrieben dargestellt wird, und ziehen es daher vor, keine Expeditionen zuzulassen. Sie sehen darin keinen Wert. Für sie ist es eher ein Problem als ein Vorteil. Leider ist das die Philosophie und Politik der chinesischen Regierung.“

Tyler Andrews will ebenfalls im Herbst auf den Everest

Südseite des Mount Everest
Südseite des Mount Everest (2002)

Erst deutlich später als das polnische Team um Bargiel, nämlich Anfang Oktober, wird der Speed-Spezialist Tyler Andrews mit seinen Begleitern im Everest-Basislager erwartet. Der 35 Jahre alte Langstreckenläufer aus den USA will den höchsten Berg der Erde ohne Flaschensauerstoff besteigen oder besser gesagt „hinauflaufen“ – schneller, als jeder andere vor ihm.

In der Frühjahrssaison war der von vielen Medien gehypte sogenannte „Wettlauf auf den Everest“ zwischen Andrews und Karl Egloff – er hat einen Schweizer und einen ecuadorianischen Pass – Ende Mai am Wetter gescheitert. Egloff, der ohne Sauerstoff loslief, drehte auf der mit Fixseilen bis zum Gipfel gesicherten Route bei Lager 3 auf rund 7300 Metern um, Andrews etwa auf Höhe des sogenannten Balkons (8400 Meter). Tyler hatte wegen des stürmischen Wetters bereits vor seinem Start im Basislager beschlossen, entgegen seinem ursprünglichen Plan im oberen Bereich des Bergs eine Atemmaske zu nutzen.

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