Gerlinde Kaltenbrunner wird 50: „Ich würde es wieder so machen“

Gerlinde Kaltenbrunner
Gerlinde Kaltenbrunner

„Mit der Corona-Pandemie bin ich bisher ganz gut klargekommen“, erzählt mir Gerlinde Kaltenbrunner. „Ich habe das große Glück, dass wir auf dem Land leben. Direkt hinter dem Haus fängt der Wald an. Ich habe mich immer bemüht, viel an der frischen Luft zu sein und das Immunsystem zu stärken.“ Die Österreicherin war 2011 mit ihrem Erfolg auf der chinesischen Nordseite des 8611 Meter hohen K2 die erste Frau, die alle 14 Achttausender ohne Flaschensauerstoff bestieg. 2017 gelang dies auch der Italienerin Nives Meroi.

In den vergangenen Jahren ist es um Gerlinde ruhiger geworden. Mit ihrem Partner, dem Yoga-Lehrer Manfred Jericha, lebt sie am Attersee in Oberösterreich. Gemeinsam bieten sie Yoga-Kurse und -Reisen an. Auch als Vortragsrednerin ist Kaltenbrunner nach wie vor gefragt. An diesem Sonntag wird sie 50 Jahre alt.    

Gerlinde, ein halbes Jahrhundert, wie fühlt sich das für dich an? 

Gerlinde Kaltenbrunner in den Bergen Oberösterreichs
In den heimischen Bergen in Oberösterreich

Sehr gut. Jetzt werde ich 50 und habe in meinem Leben schon so viel erleben, erfahren und lernen dürfen. Es war bis jetzt schon so intensiv, es gab so viele positive, aber auch schwierige Momente. Ich bin einfach nur dankbar. Alles was jetzt noch kommt, ist Zugabe. Wenn – was ich mir natürlich nicht wünsche – mein Leben jetzt endete, würde ich zurückblicken und sagen: Es war gut so, ich würde es wieder so machen.

Was bedeutet es dir heute, dass du die 14 Achttausender ohne Flaschensauerstoff bestiegen hast?

Gerlinde auf Expedition

Ich freue mich immer noch unheimlich darüber, dass ich es geschafft habe und auch immer ohne Erfrierungen zurückgekommen bin. Ich kann mich an die meisten Expeditionen erinnern, als wäre es gestern gewesen. Am intensivsten ist natürlich die Erinnerung an den K2. Das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Bei meinen Vorträgen kann ich davon erzählen und vielleicht manchen inspirieren. Deshalb freue ich mich doppelt darüber.

Gibt es einen besonderen Augenblick deiner vielen Expeditionen, an den du dich immer wieder erinnerst – vielleicht auch, wenn es dir mal nicht so gut geht?

Die Nordseite des K 2

Dann denke ich an den Augenblick am K2 auf 6600 Metern, nach 14-stündiger Anstrengung, es war eiskalt. Wir haben ein Plateau für unser Zelt geschaufelt und waren beide (sie und ihr damaliger Ehemann Ralf Dujmovits) total erschöpft. In dem Moment ging die Sonne an den Sechstausendern drumherum unter. Das war ein magischer Moment. Ich habe eine tiefe Stille in mir gespürt und einfach nur gestaunt. Ich habe gespürt, wie klein und winzig wir sind und wie großartig die Natur ist. Ich habe mich ihr geöffnet und gespürt, wie viel Energie und Kraft die Natur mir zurückgab. Dieser Augenblick ist ganz oft da, auch in schwierigen Situationen, wenn es mal nicht nach meinen Vorstellungen läuft. Das gibt mir Zuversicht und erinnert mich an das große Ganze.

Du hast auch schlimme Dinge in den Bergen erlebt – etwa 2007 am Dhaulagiri, als zwei Spanier in einer Lawine starben und du gerade so mit dem Leben davonkamst. Verfolgen dich solche Erlebnisse heute noch?

Nein, nicht mehr. Ich habe das für mich abschließen können. In dem Jahr nach dem Lawinenunglück habe ich fast jede Nacht davon geträumt, dass ich in der Lawine stecke und nicht mehr herauskomme. 2008 bin ich dann mit David Göttler zum Dhaulagiri zurückgekehrt. An der Unglücksstelle habe ich innegehalten und mich meinen Emotionen gestellt. Es war schmerzhaft, ich musste sehr weinen. Aber ich habe mich meiner Angst bewusst gestellt und es so für mich gut verarbeiten können. Mir war klar, dass so etwas in den Bergen passieren und ich es nicht ungeschehen machen kann, dass ich nach vorne schauen muss.

Nach den 14 Achttausendern hast du dich peu-a-peu aus dem grellen Rampenlicht der Bergsteigerszene zurückgezogen. Warum?

2005 begleitete ich Gerlinde, Ralf Dujmovits (l.) und Hirotaka Takeuchi (r.) auf ihrer Expedition zur Everest-Nordwand

Grundsätzlich liebe ich eher die Stille, die Abgeschiedenheit und auch die Einsamkeit. Nach dem K2 gab es einen ziemlichen Rummel. Die mediale Aufmerksamkeit hat mir auch geholfen. Ich wurde für Vorträge angefragt und gewann neue Sponsoren. Das hat mir dabei geholfen, mein Leben wirklich so zu führen, wie ich es möchte.  Meine große Aufgabe war, einen Mittelweg zu finden, was mir ganz gut gelungen ist. Aber es hat mir auch sehr gutgetan, mich ein bisschen zurückzuziehen und über mein Leben zu reflektieren. Ein Lebenstraum, der mich über Jahre beschäftig hatte, war in Erfüllung gegangen. Ich musste mich neu orientieren.

Gibt es heute Dinge, die dir wichtiger sind als das Bergsteigen?

Gerlinde Kaltenbrunner auf Skitour
Auf Skitour

Die Berge sind immer noch ganz stark in meinem Herzen verankert. Ich gehe nach wie vor liebend gerne in die Berge, etwa zum Felsklettern. Du wirst lachen, aber ich spüre in mir auch immer noch dieses Gefühl, aufzubrechen, in einem Zelt im Schlafsack eingerollt zu schlafen und morgens mit einer kalten Nase aufzuwachen, wenn die ersten Sonnenstrahlen das Zelt treffen. Ich merke, dass ich mich schon noch nach diesen Momenten sehne. Es sind jedoch nicht mehr die Achttausender, die mich reizen, sondern schöne Fünf-, Sechs- oder Siebentausender.

Die Schule in Thulosirubari im Mai 2020

Aber es gibt inzwischen auch ganz viele andere Themen in meinem Leben. Ich habe mich weiterentwickelt, habe für mich wichtige Ausbildungen gemacht, etwa im existentiellen Coaching (Wege zu einer erfüllten Existenz) oder auch zur Yogalehrerin. Das ist eine wirkliche Lebensschule, mit vielen Dingen, um das Leben positiv zu gestalten, auch das Miteinander. Wichtig sind mir auch die Hilfsprojekte in Nepal. Stefan, nachdem wir unser gemeinsames Projekt „School up!“ (den Wiederaufbau der Schule im Bergdorf Thulosirubari nach dem Erdbeben 2015) erfolgreich beendet haben, habe ich jetzt ein neues Projekt: den Bau einer Tagesstätte nahe Kathmandu für Kinder und Jugendliche mit Behinderung, die bisher überhaupt noch nicht gefördert werden.

Ich komme noch einmal auf die Berge zurück. Das klang eben so, als würden wir bald auch wieder Gerlinde auf Expedition erleben. Täuscht der Eindruck?

(Lacht) Es gibt da noch zwei Berge im Karakorum, die mich von meiner ersten Expedition an fasziniert haben und mir immer noch im Kopf herumkreisen. Dorthin möchte ich irgendwann noch einmal zurück. Mehr kann ich dazu nicht sagen, aber ich glaube schon, dass ich noch einmal aufbrechen werde.

Verrätst du mir wenigstens einen Berg? Ich habe da etwas vom Gasherbrum IV läuten hören?

Der 7932 Meter hohe Gasherbrum IV

(Lacht) Ja, der hat mich von Beginn an fasziniert. Er ist ein so imposanter und majestätischer Berg, von dem ich immer noch träume. Und einer meiner Leitsätze ist: Unterschätze niemals die Kraft deiner Träume!

Von welchem Berg träumst du noch?

Von der wunderschönen (7668 Meter hohen) Chogolisa.

Und wie wirst du deinen 50. Geburtstag feiern?

Gar nicht so richtig. Die Feier mit der Familie werde ich nachholen. Ich hoffe, dass mit meinem Partner Manfred einen wunderschönen Tag in der Natur verbringen werde, vielleicht beim Klettern, ganz entspannt. Aber ich bin sowieso kein Feier-Typ. Ich habe meine runden Geburtstage nie groß gefeiert. Die schönsten Geburtstage waren für mich immer die, an denen ich mit meinen liebsten Menschen in der Natur, am Berg unterwegs sein konnte.