Mount Everest: Wenn der Eisturm droht

Monster-Serac über dem Khumbu-Eisbruch

Der Herrscher Dionysios ließ über Damokles ein großes Schwert aufhängen – lediglich an einem Rosshaar. Damit wollte Dionysios dem Höfling, der sich ständig bei ihm einschmeichelte, seine Vergänglichkeit demonstrieren. Wie Damokles in der griechischen Sage ergeht es derzeit auch den Bergsteigern am Mount Everest. Rund 800 Meter über dem Khumbu-Eisbruch hängt ein Monster-Serac, der aussieht, als würde er jeden Augenblick abbrechen.

So schwer wie 675 Lastwagen

Der polnische Skibergsteiger Andrzej Bargiel, der den wackligen Eisturm fotografiert hat, schätzt das eisige Ungetüm auf eine Höhe von 50 und eine Breite von 30 Metern. Legen wir diese Werte zugrunde und nehmen aufgrund der Proportionen auf Bargiels Foto eine Tiefe von 20 Metern an, ergäbe sich ein Volumen von etwa 30.000 Kubikmetern. Da Eis rund 900 Kilogramm pro Kubikmeter wiegt, kämen wir auf ein Gewicht von rund 27.000 Tonnen – was 675 voll beladenen 40-Tonnen-LKWs entspräche. Kein Wunder, dass einige Herbst-Teams wegen des bedrohlichen Riesen-Seracs bereits ihre Zelte im Everest-Basislager abgebrochen haben.

Bargiel sagt: Stop!

Bargiel: Risiko zu hoch

„Darunter her durch den Eisbruch zu gehen, ist extrem gefährlich. Unglücklicherweise kann und werde ich ein solches Risiko nicht akzeptieren. Der Serac kann jederzeit abbrechen und herunterfallen. Das hält uns davon ab, weiterzugehen“, begründete Andrzej Bargiel auf Facebook seine Abreise aus dem Basislager. „Manchmal geschieht so etwas. Dann musst du das Risiko abschätzen. Und wenn es zu hoch ist, musst du sagen: Stop!“

Der 31 Jahre alte Pole, dem 2018 die erste komplette Skiabfahrt vom K 2, dem zweithöchsten Berg der Erde gelungen war, hatte geplant, ohne Flaschensauerstoff zum Gipfel des Everest aufzusteigen und dann mit Skiern in einem Zug bis ins Basislager abzufahren. Auch ein polnisches Team, das den Lhotse besteigen wollte, und zwei weitere Everest-Kandidaten reisten wegen des Monster-Seracs ab.

Andere bleiben noch

Nepalesische Südseite des Mount Everest

Der erfahrende Expeditionsleiter Garrett Madison aus den USA harrt mit seinem Team im Basislager aus. „Wir warten noch und beobachten den Serac. Wir hoffen, dass er herunterfällt und dann der Weg frei ist für eine sichere Route durch den Eisbruch“, schrieb der 40-Jährige auf der Homepage seines Unternehmens “Madison Mountaineering“ .

Auch Kilian Jornet hat noch nicht aufgegeben. Was der 31 Jahre alte Spanier genau vorhat, ist unklar. Im Frühjahr 2017 hatte der Speedbergsteiger den Everest innerhalb einer Woche zweimal über die tibetische Nordseite des Bergs bestiegen, beide Male ohne Flaschensauerstoff. Beim ersten Mal hatte er für den Weg vom Chinese Base Camp bis zum Gipfel lediglich 26 Stunden benötigt, beim zweiten Mal 17 Stunden.

Mingote am Dhaulagiri in Lager 3

Sergi Mingote am Dhaulagiri (in Lager 2)

Nicht nur am Mount Everest, auch am Achttausender Dhaulagiri im Westen Nepals sind die Verhältnisse nach ergiebigen Schneefällen schwierig. Heute erreichte der Spanier Sergi Mingote nach eigenen Angaben nach elfstündiger Spurarbeit Lager 3 auf 7250 Metern. Der 38-Jährige will alle Achttausender innerhalb von 1000 Tagen ohne Flaschensauerstoff besteigen. Sechs der 14 höchsten Berge der Welt hat er seit Sommer 2018 bereits abgehakt. Der Dhaulagiri wäre Nummer sieben.

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