Die Zeiten sind längst vorbei, in denen pakistanische Bergsteiger nichts anderes taten, als für ausländische Expeditionen Material die Berge hinauf zu schleppen. Zu Recht beanspruchen sie inzwischen für sich, als Bergsteiger mit eigenen sportlichen Ambitionen wahrgenommen und respektiert zu werden. Das gilt zum Beispiel für Abdul Joshi.
Der 40-Jährige führte ein fünfköpfiges pakistanisches Team an, das am 1. August den Gipfel des 7708 Meter hohen Tirich Mir erreichte – „auf einer völlig neuen Route, die technisch anspruchsvolles Gelände, tiefe Gletscherspalten und gefährliche Übergänge zwischen Eis und Fels überwindet“, wie es im Expeditionsbericht heißt. Die Route führt durch die Südflanke des Bergs.
Wie ein Oktopus mit seinen Tentakeln
Es war das erste Mal, dass ein pakistanisches Team den höchsten Berg des Hindukusch bestieg. Der Tirich Mir liegt nahe der Grenze Pakistans zu Afghanistan. 1950 wurde er erstmals von norwegischen Bergsteigern bestiegen.

Sie verglichen das Massiv mit seinen zahlreichen, allesamt über 7300 Metern hohen Nebengipfeln und Graten mit einem Oktopus, der seine Tentakel ausstreckt. In den folgenden Jahrzehnten waren es einige ausländische Teams, unter anderem aus Japan, Großbritannien, Österreich und Polen, die am Tirich Mir und seinen Nebengipfeln neue Routen eröffneten.
Schwierigkeiten im oberen Teil der Route
Die pakistanischen Bergsteiger schlugen ihr letztes Lager vor dem Gipfel auf rund 6350 Metern auf. Darüber begannen die Schwierigkeiten.
„Ab 6700 Metern wurde das Gelände technisch sehr anspruchsvoll“, berichtet das Team. „Eine Blankeis-Passage über 150 Meter stellte ein ernstes Risiko für die Bergsteiger dar. Der kritischste Teil begann auf 7450 Metern mit ausgesetztem Fels, gefolgt von einer tödlichen Mischung aus Eis und Fels bei 7600 Metern.“
Die Bergsteiger verlegten nach eigenen Angaben in den technisch schwierigen Passagen bis zum Gipfel insgesamt 1,2 Kilometer Fixseile. Zwischen Lager 3 und dem Gipfel gebe es keinen geeigneten Lagerplatz, was einen rund 20-stündigen Gipfeltag erforderlich mache, so das Team. Insgesamt war das Quintett zwölf Tage am Berg, ehe es ins Basislager zurückkehrte.

Neben Abdul Joshi gehörten Hameed Ullah, Faryad Karim, Mansoor Karim und Nisar Ahmed zum Team. Sie alle sind Bergführer aus Abduls Heimatort Shimshal im Hunza-Distrikt im Norden Pakistans. „Dieser Erfolg wäre ohne die außergewöhnliche Stärke, das Können und den Zusammenhalt des Teams der Shimshal Mountain Guides nicht möglich gewesen“, sagte Joshi. „Auf solch gnadenlosen Bergen braucht man nicht nur Kletterer – man braucht Brüder, die die Risiken verstehen und mit Herz klettern.“
Routenfinder und Klimaaktivist
Abdul begann seine Karriere – wie viele pakistanischen Bergsteiger – als Hochträger für ausländische Expeditionen, ehe er begann, eigene Ziele zu verfolgen und sich bei seinen Landsleuten den Beinamen „The Pathfinder“, der Routenfinder, zu erarbeiten.
2021 gelang ihm mit einem pakistanischen Team die Erstbesteigung eines über 6000 Meter hohen Granitturms im Massiv der Passu Cones. Zudem gilt er als Erstbegeher zweier hoher Pässe im Karakorum. Er beteiligte sich auch an mehreren Rettungsaktionen für Bergsteiger, die in der Region in Not geraten waren.
2021 waren Abdul Joshi und Sirbaz Khan die ersten Pakistaner, die den Gipfel des Achttausenders Annapurna I im Westen Nepals erreichten. Ein Jahr später bestieg Joshi auch den Mount Everest. 2024 stand er auf dem Gipfel des K2, des zweithöchsten Bergs der Erde. „Aber der Tirich Mir ist einer der technisch anspruchsvollsten und gefährlichsten Aufstiege, die ich je versucht habe“, sagte Abdul jetzt.

Mit seinen Besteigungen will Joshi auch auf die Folgen des Klimawandels an den höchsten Bergen der Welt aufmerksam machen. „Wenn die Berge schmelzen und die Welt sich erwärmt, mögen unsere Schritte andere daran erinnern, das zu schützen, was noch übrig ist“, heißt es im Expeditionsbericht des Tirich-Mir-Teams.
Auch Sirbaz Kahn besteigt Tirich Mir
Anlässlich des 75. Jahrestags der norwegischen Erstbesteigung des Bergs bestieg nach pakistanischen Medienberichten am Dienstag auch Sirbaz Kahn den Tirich Mir.
Khan wurde im Herbst 2024 zum ersten Pakistaner auf allen 14 Achttausendern. Doch das reichte Sirbaz nicht. Im Frühjahr 2025 vervollständigte er seine Achttausender-Sammlung ohne Flaschensauerstoff.
Am Tirich Mir leitete Sirbaz Khan – wie gut zwei Wochen zuvor Abdul Joshi – ein Team, das ausschließlich aus pakistanischen Bergsteigern bestand.




