Vor 45 Jahren: Reinhold Messners Alleingang am Mount Everest

Nordwand des Mount Everest im letzten Tageslicht (im Frühjahr 2005)
Nordwand des Mount Everest im letzen Tageslicht (im Frühjahr 2005)

„Ich war 1980 am Everest so fertig wie nie zuvor und auch danach nicht mehr“, sagte mir Reinhold Messner vor fünf Jahren, als wir über den 20. August 1980 sprachen – den Tag, als er alleine auf dem Gipfel des höchsten Bergs der Erde stand.

„Ich hatte fantastisches Wetter, war sehr gut akklimatisiert und kam im unteren Teil des Bergs sehr gut voran. Das hat mich fröhlich und zuversichtlich gestimmt. Wenige hundert Meter unter dem Gipfel hat dann allerdings das Wetter zugemacht. Es kroch Nebel von der Südseite herauf, der über die Grate und den Gipfel nach Norden herunterschwappte. Ich hatte dann plötzlich Angst, ich würde die Orientierung verlieren. Es nieselte winzige Schneeflocken.“

Mitten im Monsun stieg der Südtiroler über die tibetische Nordseite des Mount Everest auf: ohne Flaschensauerstoff, auf einer teilweise neuen Route. Messner querte die Nordflanke unterhalb den Nordostgrats, stieg dann durch das Norton-Couloir und erreichte schließlich den höchsten Punkt auf 8849 Metern. Drei Tage nach seinem Aufbruch im Basislager.

„Dünne Luft hat mich gebremst, gebremst, gebremst“

Reinhold Messner (2024 in der WDR-Sendung „Hart aber fair“)

„Wenn ich meine Spur, die nur wenig in den Firn einbrach, beim Heruntergehen nicht wiedergefunden hätte, hätte ich mich da oben verloren. Ich habe mich also bemüht, ein wenig schneller zu steigen. Das funktionierte aber nicht, weil der Sauerstoffpartialdruck dort oben so gering war“, erinnerte sich Messner.

„Da war also zum einen die Sorge, dass es gefährlich wird, und zum anderen die dünne Luft, die mich gebremst, gebremst, gebremst hat. Ich war am Gipfel so kaputt, dass ich mich nur noch in den Schnee fallen ließ und vor mich hindämmerte. Zum Glück hatte ich nach einer Stunde Schnaufen – mehr war es nicht – die Kraft, aufzustehen und wieder abzusteigen.“

Als der damals 35-Jähirge ins Basislager zurückkehrte, erkannte ihn seine Freundin kaum wieder. „Es scheint, als stiege ein Betrunkener vom Col herab und nicht derselbe Mann, der vor vier Tagen fortgegangen ist“, schrieb Nena Holguin in ihr Tagebuch. „Er sieht mich mit Tränen in den Augen an. Sein Gesicht ist gelb, die Lippen sind aufgesprungen und zerfranst.“ Reinhold Messner war fertig, physisch und auch psychisch. Dieser alpinistische Geniestreich hatte ihm alles abverlangt.

Schlussakkord seiner Entwicklung, nicht Höhepunkt

Es sei für ihn eine „eine Art Schlussakkord in meiner Entwicklung“ gewesen, ordnete Messner mir gegenüber das Everest-Solo ein: nach der Durchsteigung der Rupalwand am Nanga Parbat 1970 (mit seinem Bruder Günther, der beim Abstieg ums Leben kam), über die erste Besteigung eines Achttausenders im Alpinstil 1975 am Gasherbrum I (mit Peter Habeler) , dem Everest ohne Flaschensauerstoff 1978 (wieder mit Habeler), dem Solo am Nanga Parbat 1978 und der Besteigung des K2 im Jahr 1979.

„Danach habe ich zum Sprint angesetzt, alle Achttausender zu besteigen“, so Messner. 1986 komplettierte er seine Sammlung, als erster Menschen überhaupt. Stets verzichtete er auf Flaschensauerstoff.

Das Norton-Couloir, durch das Messner aufstieg (Foto: Ralf Dujmovits)
Das Norton-Couloir, durch das Messner aufstieg

Das Everest-Solo sei nicht der Höhepunkt seiner sportlichen Karriere gewesen, sagte Messner: „Der Nanga-Parbat-Alleingang war wichtiger, weil es der erste Schritt in diese Dimension war, einen Achttausender ganz alleine zu packen. Da geht es vor allem um die Nicht-Möglichkeit, die Sorgen und Ängste zu teilen. Wenn ich einen Partner oder eine Partnerin dabei habe, wird das Ganze emotional und psychisch leichter zu ertragen. Aber es bleibt eine Schinderei. Die sauerstoffarme Luft, das Hecheln, die kalte Luft, die deine Lungen füllt – es ist ein einziges Leiden. Das muss man selbst erlitten haben, um es nacherzählen zu können.“

Ein erfolgreich beendeter Alleingang an einem sonst verlassenen Mount Everest, wie er Messner im Sommer 1980 gelang, gab es seither nie wieder am höchsten Berg der Erde.

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