Hohe indische Auszeichnung für einen Everest-Schwindler?

Mit Kletterhelm auf den Gipfel des Mount Everest?

Der Sohn des Everest-Erstbesteigers Tenzing Norgay ist empört. „Es ist eine große Schande, dass ein Everest-Gipfelschwindler mit dem höchsten Abenteuer-Preis Indiens ausgezeichnet wird“, schreibt mir Jamling Tenzing Norgay. „Skandalös!“

Der Preis trägt den Namen von Jamlings Vaters wird alljährlich von der indischen Regierung vergeben. Am kommenden Samstag soll unter anderen der indische Bergsteiger Narender Singh Yadav den „Tenzing Norgay National Adventure Award“ erhalten. Singh Yadav beansprucht für sich, inzwischen fünf der Seven Summits bestiegen zu haben, der höchsten Berge aller Kontinente. 2016 ließ sich der damals 21-Jährige als bis dahin jüngster indischer Everest-Besteiger aller Zeiten feiern. Doch offenkundig hat der Bergsteiger gar nicht den höchsten Punkt auf 8850 Metern erreicht.

Ex-Expeditionsleiter: „Er sollte verhaftet werden“

Die nepalesische Zeitung Ekantipur veröffentlichte am vergangenen Sonntag einen Bericht, in dem das von dem Inder vorgelegte vermeintliche Gipfelfoto als ziemlich plumpe Fälschung entlarvt wurde: der Schatten zeigt in die falsche Richtung, Narender trägt einen Kletterhelm, und an seiner Sauerstoffmaske fehlt der Schlauch.

„Definitiv mit Photoshop bearbeitet“, kommentierte der Inder Naba Kumar Phukon das vermeintliche Gipfelfoto auf Facebook . „Als ein (ehemaliger Expeditions-) Leiter dieses dummen Bergsteigers fordere ich, dass er sofort verhaftet wird.“

„200-prozentig sicher“

Laut der Bergsteiger-Chronik „Himalayan Database“ erreichte Phukon am Morgen des 20. Mai 2016 den Gipfel des Everest – angeblich zur selben Zeit wie Narender Singh Yadav. „Das ist nicht wahr. Ich habe den Gipfel lediglich mit meinem Sherpa erreicht“, schreibt mir Phukon. Auch der siebenmalige Everest-Besteiger Lakpa Sherpa, der nach eigenen Angaben damals im Gipfelbereich zum Sherpa-Rettungsteam gehörte, bestreitet den angeblichen Gipfelerfolg Singh Yadavs. Für Narender sei an jenem Tag am so genannten „Balkon“ auf rund 8400 Metern Endstation gewesen.

Very disgraceful news coming out today.Narender Yadav/singh, a 'mountaineer' from India is all set to receive Tenzing…

Gepostet von Parth Upadhyaya am Dienstag, 25. August 2020

Und der Inder habe sich im Anstieg, nicht im Abstieg befunden, schreibt mir Lakpa. „Glücklicherweise entdeckten Nims (Nirmal Purja) und einige Sherpa-Bergführer ihn und eine andere Bergsteigerin, überließen ihnen ihre Sauerstoffflaschen und halfen ihnen hinunter nach Lager 4.“ Er sei sich „200-prozentig“ sicher, dass es sich bei dem Mann um Narender gehandelt habe. „Nicht nur ich, viele Leute wissen das.“

„Schmutzige Politik“

Everest-Südseite

Sie hätten schon damals auf die Gipfellüge des Inders aufmerksam gemacht, hätten aber kein Gehör gefunden, seien vielmehr mundtot gemacht worden, sagt Lakpa. Von wem?, will ich wissen. „Aufgrund schmutziger Politik“, antwortet der Sherpa, ohne ins Detail gehen zu wollen.

2016 war bereits ein indisches Ehepaar überführt worden, sich mittels eines gefälschten Gipfelfotos ein Everest-Zertifikat erschlichen zu haben. Den beiden war später für zehn Jahre untersagt worden, zum Bergsteigen nach Nepal zu kommen. Dass eine ziemlich offensichtliche Everest-Gipfellüge auch noch mit einer wichtigen Auszeichnung belohnt werden soll, hat allerdings eine neue Qualität.

Update 29. August: Narender Singh Yadav ist von der Liste der Preisträger gestrichen worden.