Legendäre Everest-Reporterin Jan Morris ist tot

Jan Morris
Jan Morris (1926-2020)

Sie sorgte dafür, dass die Nachricht der erfolgreichen Erstbesteigung des Mount Everest pünktlich zur Krönung von Queen Elizabeth II in England eintraf. Am vergangenen Freitag ist die britische Schriftstellerin Jan Morris im Alter von 94 Jahren in einem Krankenhaus der walisischen Küstenstadt Pwllheli gestorben.

1953 war Morris noch ein Mann, hieß mit Vornamen James und begleitete als Reporter für die Zeitung „The Times“ die britische Expedition. Später unterzog sich Morris einer Geschlechtsumwandlung. Bis zu ihrem Tod lebte die Schriftstellerin mit ihrer Partnerin Elizabeth zusammen, mit der sie fünf Kinder hatte. Sie schrieb mehr als 40 Bücher. Wie Morris die Nachricht über den Everest-Gipfelerfolg am 29. Mai 1953 nach London übermittelte, ist legendär.

Verschlüsselte Botschaft

Nepalesische Südseite des Everest
Nepalesische Südseite des Mount Everest

Morris war der einzige Journalist im Basislager. Doch in Nepal hielten sich zu der Zeit einige andere Zeitungskorrespondenten auf, die darauf brannten, die Meldung über eine erfolgreiche Everest-Erstbesteigung an ihre Redaktionen zu übermitteln. Morris wollte jedoch einen „Scoop“ landen, die Times sollte als erste Zeitung und exklusiv darüber berichten.

Als klar war, wann der Gipfelversuch stattfinden würde, stieg Morris ins damalige Lager 4 (heute Lager 3) auf 6462 Metern auf. Edmund Hillary und Tenzing Norgay trafen dort am 30. Mai ein, Morris erfuhr aus erster Hand von ihrem Coup am Vortag. Sofort stieg der Reporter mit einem Begleiter durch den Khumbu-Eisbruch ins Basislager ab, wo er in der Nacht eintraf. Morris chiffrierte die Meldung, ließ sie am frühen Morgen des 31. Mai von einem Postläufer nach Namche Bazaar bringen, dort per Funk in die britische Botschaft und anschließend nach London übermitteln.

Doppelter Grund zum Jubel

James Morris
James Morris zu seiner Zeit als Times-Reporter

Er hatte sie so formuliert, dass die Kollegen von der Konkurrenz sie nicht für eine verschlüsselte Botschaft über einen Gipfelerfolg hielten, sondern für eine Art Wasserstandsmeldung der Expedition: „Schneebedingungen schlecht. Vorgeschobenes Lager am 29. Mai aufgegeben. Warten auf Besserung. Alle wohlauf.“ Nach dem vorher vereinbarten Code bedeutete dies: „Everest bestiegen. Hillary 29. Mai. Tenzing. Alle wohlauf.“

Die Kollegen der Heimatredaktion waren informiert – und die Times hatte ihren Scoop. „Everest erobert. Hillary und Tenzing erreichen den Gipfel“, titelte die Zeitung am 2. Juni 1953, dem Krönungstag von Königin Elizabeth II. Großbritannien hatte doppelten Grund zum Jubel. Morris‘ ausführlicher Artikel über die Erstbesteigung erschien dann erst am 8. Juni in der Times.

„Verdammt gute Queen“

R.I.P.

Ich erlebte Jan Morris Ende Mai 2013, bei einer Jubiläumsveranstaltung in der Royal Geographic Society in London zum 60. Jahrestag der Everest-Erstbesteigung. In Anwesenheit von Königin Elizabeth und Prinz Philipp erzählte die damals 87-Jährige, wie sie die Botschaft an den Konkurrenten vorbei nach London übermittelt hatte. „Es war das nationale Krönungsgeschenk für Elizabeth II.“, sagte Morris und fügte mit einem Grinsen in Richtung der Monarchin hinzu: „Im Gegenzug war sie dann eine verdammt gute Queen.“

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