Meine Geschichte zur US-Wahl: Tramp auf dem Mount Everest

Sonnenaufgang am Mount Everest

Krisensitzung im Oval Office, eine Woche vor der Präsidentenwahl. „What the f…! Ich liege in den Umfragen immer noch hinten“, brüllt Dagobert Tramp und schlägt mit der Faust fest auf den Schreibtisch. „Lasst euch etwas einfallen!“ Die Berater blicken betreten auf ihre Schuhe, niemand wagt, Tramp ins hochrote Gesicht zu blicken. „Wir könnten“, beginnt schließlich einer vorsichtig. „Was?“, blökt Tramp. „Wir könnten das Blatt vielleicht mit einer spektakulären, bewundernswerten sportlichen Leistung des Präsidenten wenden,“ flüstert der Berater. „Und an was hast du dabei gedacht? Dauergolfen?“, schreit Tramp.

„Ich dachte an eine Besteigung des Mount Everest“, sagt der Berater. „Die Nachricht von der Erstbesteigung 1953 traf pünktlich zur Krönung von Queen Elizabeth in London ein. Das war damals ein Mega-PR-Coup. Wenn jetzt am Wahltag bekannt wird, dass der Präsident der USA das Dach der Welt erreicht hat, könnte die Stimmung doch noch zu Ihren Gunsten kippen.“ Tramp denkt kurz nach. „Klingt gut“, sagt er schließlich. „Dann kann ich dort oben twittern: Tramp on top – in jeder Beziehung. Der HöPaZ – höchster Präsident aller Zeiten.“ Tramp scheucht sein Team aus dem Büro. „Was steht ihr hier noch rum? Los, los, organisiert das! Und zwar so, dass es auch klappt und dass ich nicht vom Yeti gefressen werde.“

„Weißes Haus“ im Basislager

Kaum haben sie das Oval Office verlassen, fallen die anderen Berater über ihren Kollegen her: „Bist du verrückt? In einer Woche auf den Everest? Ein 74-Jähriger, der sonst gerade mal einen Sandhügel auf dem Golfkurs besteigt? Was hast du dir dabei gedacht?“ Der Berater verteidigt sich: „Ihr hattet gar keine Idee. Und was haben wir schließlich zu verlieren? Nichts!“

Everest Western Cwm
Das Western Cwm, das „Tal des Schweigens“ unter Mount Everest und Lhotse

In den folgenden Tagen laufen die Telefondrähte zwischen den USA und Nepal heiß. Sherpas, die eigentlich für eine Expedition an der 6814 Meter hohen Ama Dablam arbeiten sollten, werden zum Everest beordert und klettern im Eiltempo durch den Khumbu-Eisbruch. Sie deponieren jede Menge Sauerstoffflaschen: im Basislager, in Lager 2 auf 6400 Metern und schließlich am Südsattel auf knapp 8000 Metern. Durch die Lhotse-Flanke bauen sie einen Seilzug. Im Basislager entsteht in Windeseile ein „Weißes Haus“ aus dickwandigen Zelten, mit sauerstoffgesättigter Präsidenten-Suite, auf 20 Grad Celsius geheizt, mit richtigem Bett, Dusche, WC, Sauna und Kommunikationszentrale.

Rein, rauf, runter, raus!

Tramp hat seinen Beratern klipp und klar gesagt, dass er nicht im Traum daran denke, sich zu verausgaben: „Rein, rauf, runter, raus – und dann nichts wie ab zur Wahlsieg-Party!“ Bei seinen letzten Wahlkampfauftritten in den USA hat er Schwierigkeiten, den geplanten Last-Minute-Coup für sich zu behalten. „Tramp ist top. Wie top, werdet ihr sehr bald sehen“, ruft er seinen Fans zu und zwinkert auffällig mit dem linken Auge.

Vier Tage vor der Wahl besteigt Tramp die Air Force One. Während des Flugs nach Kathmandu wird ihm in einem Crash-Kurs nahegebracht, wie er die Atemmaske nutzen soll. „What the f…! Never ever werde ich so ein hässliches Ding tragen“, poltert der Präsident. Es dauert eine Weile, ihm verständlich zu machen, dass er – nicht akklimatisiert, wie er ist – am Everest ohne Flaschensauerstoff sterben würde. „What the f…! Wirklich? Na gut, wenn es denn unbedingt sein muss. Aber so darf mich niemand sehen“, ordnet Tramp an. „Wenn ich auf dem Everest-Gipfel stehe, müssen mein Gesicht und meine Haare im Bild sein. Und ich muss topfit rüberkommen, wie nach einer guten Golfrunde. Verstanden?!“

Tramps süßer Traum

Nach der Ankunft in Kathmandu geht es gleich weiter mit dem Helikopter ins Everest-Basislager. Dort muss Tramp die Atemmaske nur für die rund 50 Meter bis zum Weißen (Zelt-) Haus überstreifen. Zum Abendessen werden dem Präsidenten „Tramp Steaks“ mit Pommes serviert. „Hej Millenia“, berichtet er seiner Frau via WhatsApp, „alles in Butter, hier ist es fast wie zu Hause. Nur die Frauen sind nicht so schön.“ Tramp zwinkert mit dem linken Auge: „Scherz, hier sind nur Jungs!“

Mit dem Hubschrauber nach Lager 2

Nach einem Schlummertrunk fällt der Präsident in einen tiefen Schlaf. Tramp träumt: Er steht auf dem Gipfel des Everest und reckt den Daumen nach oben – und anschließend den Mittelfinger, als er unten im „Tal des Schweigens“ seinen Herausforderer bei der Präsidentenwahl erblickt.

Am Morgen, nach einem ausgiebigen Frühstück – Cornflakes und zwei Burger –, zwängt sich Tramp in die warme Daunengarnitur. „What the f…!“, stöhnt der Präsident. Wenig später wird er mit dem Hubschrauber nach Lager 2 geflogen.

15 Liter Flaschensauerstoff pro Minute strömen in seine Atemmaske. Ein „Sauerstoff-Sirdar“ überwacht, dass stets ausreichend Reserve-Flaschen in Tramps Nähe sind und die verbrauchten Flaschen rechtzeitig gegen volle ausgetauscht werden. Von Lager 2 aus wird Tramp auf einem Schlitten zum Fuß der Lhotseflanke und dann mit der Seilwinde hinauf zum Südsattel gezogen. Dort wartet ein „Weißes Haus“ im Hochlager-Zeltformat auf ihn, notdürftig vorgeheizt. „What the f… !“, brüllt Tramp in seine Atemmaske.

In der Kraxe

Die Zeit drängt. Nach einer kurzen Trinkpause macht sich eine Gruppe von 50 Sherpas auf den Weg Richtung Gipfel. Tramp, 1,90 Meter groß und rund 100 Kilogramm schwer, wird in einer extra für ihn angefertigten Kraxe für Erwachsene hinaufgeschleppt, zwei Sherpas vorne, einer hinten. Alle zehn Meter werden die Sherpas ausgetauscht. Damit Tramp nicht zappelt, ist ihm ein Beruhigungsmittel injiziert worden. Wie ein nasser Sack hängt er in der Kraxe und dämmert dem Gipfel entgegen. „What the f…! Ich bin der Präsident“, murmelt er in seine Maske.

Böse Überraschung

Blick auf Mount Everest (l.) und Lhotse

Stunden später nähert sich die seltsame Seilschaft dem Gipfel des Mount Everest. Doch was ist das? Am höchsten Punkt auf 8850 Metern sind Kameras aufgebaut – eine Liveübertragung des chinesischen Fernsehens! Präsident Xo Pengpeng – ein Berater hatte ihm empfohlen, den Everest über die tibetische Nordseite zu besteigen, um sein Image aufzupolieren – posiert auf dem Gipfel. Die Kameras schwenken auf die Gruppe um Tramp.

Nachdem sich der US-Präsident aus seiner Kraxe geschält hat, reißt er sich wütend die Maske vom Kopf. „What the f… machst du denn hier? Das ist mein Everest!“, brüllt er Xo an und geht auf ihn los. Bevor er den chinesischen Staatschef mit einem Faustschlag zu Boden strecken kann, sacken Tramp jedoch die Beine weg. Die extrem dünne Luft fordert ihren Tribut. Schnell stülpen die Sherpas Tramp wieder die Atemmaske über. Xo schüttelt nur den Kopf.

Zurück in Washington

Oval Office im Weißen Haus

Eine Woche nach der Wahl. Tramp versammelt seinen Beraterstab im Oval Office. Er ist nicht länger Präsident. Die grotesken Bilder des chinesischen Staatsfernsehens, live vom Gipfel des Mount Everest gesendet und in alle Welt verbreitet, haben ihm auch die letzte theoretische Chance genommen, das Ruder noch herumzureißen. Tramp hat eine krachende Wahlniederlage kassiert. Und dass obwohl er es noch rechtzeitig zurück in die USA geschafft hatte: als Passagier eines Tandem-Paragliderflugs nach Lager 2, mit dem Helikopter nach Kathmandu und von dort aus an Bord der Air Force One nach Washington.

Tramp verabschiedet sich mit einem Handschlag von jedem seiner Mitarbeiter. Als er bei dem Berater ankommt, der die Idee der Everest-Besteigung hatte, wird er noch einmal laut. „What the f…! F…… Everest!“, brüllt Dagobert Tramp. „Du bist gefeuert!“