Samen vom Mount Everest

Tibetische Nordseite des Mount Everest

Da hat es der alte Hermann Maximilian Carl Ludwig Friedrich zu Solms-Laubach doch tatsächlich in die chinesischen Staatsmedien geschafft, mehr als 100 Jahre nach seinem Tod. Chinesische Wissenschaftler hätten auf der Nordseite des Mount Everest auf rund 6200 Metern die Samen verschiedener Pflanzen gesammelt, hieß es in den Berichten – so hoch wie noch niemals zuvor, angeblich ein weiterer Everest-Rekord. Die Samen sollten nun getrocknet, gereinigt, gezählt und in einer Samenbank der chinesischen Akademie der Wissenschaften für wild vorkommende Pflanzensorten gelagert werden. Unter den gesammelten Samen seien auch solche von Solms-laubachia himalayensis, hieß es.

Nie im Himalaya gewesen

Der Botaniker Hermann zu Solms-Laubach

Die Pflanze wurde nach dem deutschen Botaniker zu Solms-Laubach benannt, der von 1842 bis 1914 lebte. Der Direktor des botanischen Gartens in Göttingen muss eine ziemliche Koryphäe gewesen sein: Der Zusatz Solms-laubachia taucht jedenfalls in fast 50 Pflanzennamen auf. Der Wissenschaftler kam in der Welt herum, war etwa auf der indonesischen Insel Java, im Himalaya aber definitiv nicht. Trotzdem trägt das Kreuzblütengewächs, das im westlichen Himalaya, in Nepal und in Tibet vorkommt, seinen Namen. Unter dem Synonym Ermania himalayenis hat es die Pflanze auch ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft – in der Kategorie „Höchste blühende Pflanze“: 1955 sei sie auf 6400 Metern am Siebentausender Kamet im indischen Himalaya gefunden worden, heißt es dort.

Everestianus und khumbuensis

Was am Everest wächst

So ganz stimmt das nicht. Bereits 1935 und 1952 hatten Bergsteiger auf der Nordseite des Mount Everest und auch im Khumbu auf der Südseite in etwa 6400 Meter Höhe blühende Pflanzen gepflückt. Wissenschaftler gaben ihnen später Namen, in denen die Fundorte verewigt wurden, wie beim Kreuzblüter Lepidostemon everestianus oder dem Primelgewächs Androsace khumbuensis.

Möglicherweise werden Bergsteiger am Everest bald sogar in noch größeren Höhen Blumen pflücken können. Der Klimawandel sorgt mit seinen immer höheren Temperaturen nicht nur dafür, dass die Gletscher schwinden, sondern auch dafür, dass sich die Vegetation weiter nach oben ausbreitet. Wahrscheinlich vorne mit dabei: Solms-laubachia himalayensis, das widerstandsfähige Pflänzlein mit dem Namen eines vor mehr als 100 Jahren verstorbenen Botanikers, der mit Bergen nichts am Hut hatte.