Thomas Huber vor seiner Expedition ins Choktoi: „Offen für alle Berge“

Thomas Huber (r.) mit Yannick Boissenot (l.) und Simon Gietl

„Ich gehe nicht in die Berge für Social Media, ich gehe in die Berge um bergzusteigen“, sagt mir Thomas Huber. „Ich bin da ‚Old School’“. Der 52-Jährige, der ältere der beiden „Huberbuam“, will erst nach der Rückkehr aus dem Karakorum berichten, wie es ihm und seinen beiden Gefährten ergangen ist. Am Montag bricht er mit dem 34 Jahre alten Südtiroler Simon Gietl und dem Franzosen Yannick Boissenot nach Pakistan auf. Es geht, so viel verrät Huber, wieder zu den Bergen am Choktoi-Gletscher. Über das genaue Ziel will Thomas nicht reden. Im Sommer 2018 hatte sich das Trio – damals noch ergänzt um Rainer Treppte – dort die noch nicht durchkletterte Nordwand des 7145 Meter hohen Latok I vorgenommen, wegen der großen Lawinengefahr aber nicht einsteigen können.

Thomas, kann man sagen, dass die Berge am Choktoi-Gletscher inzwischen so etwas wie dein zweites Wohnzimmer geworden sind?

Latok-Gruppe und Ogre (r.)

Ich mag das Choktoi unglaublich gerne. Und es ist mein Charakter als Bergsteiger, dass ich immer wieder an Orte zurückkehre, die ich schon kenne. Ich sage zwar immer, ich bin ein Entdecker, aber dann kehre ich doch irgendwie immer „nach Hause“ zurück, wie jetzt zum Choktoi. Um das Jahr 2000 war es der Biafo-Gletscher, dann war es das Yosemite, wo ich inzwischen 15-mal war. Sonst habe ich von den USA wenig gesehen. Mit Patagonien ist es dasselbe. Es gäbe noch so viele andere Orte der Welt, wo es Sachen zu entdecken gibt, aber irgendwie brauche ich das nicht. Das Choktoi ist so unglaublich, es hat so eine Energie, mir geht es dort richtig gut. Deshalb fahre ich da wieder hin.

Was macht denn für dich den besonderen Reiz des Gebiets aus?

Thomas Huber am Latok I (2015)

Es sind unglaubliche Berge: die Latok-Gruppe, die Ogre-Gruppe, die mich mein Bergsteiger-Leben lang begleitet haben. Sie stehen da in einem unglaublichen Rondell, es wie ein Amphitheater, drumherum noch bizarre Sechstausender. Man muss nicht unbedingt auf einen Siebentausender klettern. Wir fahren hin, sind voller Erwartungen und offen für alle Berge.

Du ziehst – wie im Vorjahr – mit Simon Gietl und dem französischen Kameramann Yannick Boissenot los? Was zeichnet die beiden aus?

Yannick ist nicht nur ein Kameramann, sondern auch ein außerordentlicher Kletterer. Wir sind als Team unterwegs. Wir verstehen uns mega gut, wir haben denselben Humor, und ich glaube, wir werden viel zu lachen haben. Der Humor ist manchmal der Schlüssel für eine Expedition, wenn man so lange fernab der Zivilisation unterwegs ist. Bis auf die Versorgungsträger, die ab und zu vorbeikommen werden, werden wir vermutlich sechs Wochen lang keine Menschen sehen.

Wie wichtig ist für dich die richtige Atmosphäre im Team?

Das ist das A und O. Wenn die Atmosphäre nicht stimmt, musst du die Expedition eigentlich abbrechen. Es hat bei mir schon ein paar Mal bei Expeditionen nicht gestimmt, und dann fahre ich lieber früher heim. Wenn man mit jemand unterwegs ist, der nicht wirklich will, kann man ihn auch nicht zwingen. Und die Stimmung ist dann nicht so gut, dass man an die Grenze gehen kann.

Nordwand des Latok I

Mit 40 hast du mal in einem Interview gesagt: „Meine Familie lebt davon, dass ich aufs Schlachtfeld gehe und den Herkules spiele.“ Inzwischen bist du 52. Musst du immer noch den Herkules spielen?

Das war damals sehr plakativ. Es ist schon lustig. Man sagt irgendwann mal einen Schwachsinn und wird immer wieder zitiert. Grundsätzlich muss man einfach sagen: Wir gehen in eine lebensbedrohliche Situation, unbestritten, und du hast einiges zu bestehen. Aber wir bestehen, weil für uns das Leben mehr wert ist als jeder Berg. Klar, wir haben das Glück, dass wir das, was wir am liebsten tun, zum Beruf machen dürfen. Und jetzt einmal anders ausgedrückt: Wir tun das Schönste auf der Welt und können damit auch noch unsere Familien ernähren.

2016 hattest du einen schweren Sturz, bei dem du dir einen Schädelbruch zugezogen hast. Da hast du Riesenglück gehabt. Hat dich diese Erfahrung verändert?

Ich bin demütig geworden. Ich hatte viel Glück. Ich bin so dankbar, dass ich lebe. Ich habe gebetet und mich dafür bedankt, dass ich einen Schutzengel hatte und alles gut gegangen ist. Die Einstellung zum Bergsteigen hat sich dadurch nicht geändert. Für uns Alpinisten gilt doch: Seitdem wir in den Bergen unterwegs sind, hat niemand sein Leben aktiv aufs Spiel gesetzt. Ja, wir haben das Risiko gesucht, aber in der bewussten Wahrnehmung des Risikos tust du das Richtige, um zu überleben. In jedem steckt dieser Überlebensinstinkt. Solange ich weiß, dass es gefährlich ist, werde ich alles daran setzen, das Risiko, so weit es geht, zu minimieren – auch an den schwierigsten Wänden der Welt.

Update September 2019: Thomas Huber und Co. sind mit leeren Händen, aber körperlich unversehrt aus dem Choktoi-Tal zurückgekehrt. Grund für den Abbruch der Expedition war das durchgehend warme Wetter im Karakorum. So wurde das Basislager des Trios von einer Schlammlawine getroffen. „Wir stellten fest, dass die bereits gefährlichen Berge unter diesen Umständen tödlich waren“, bilanzierte Thomas hinterher auf Facebook. Sie gaben ihren Plan auf, den 6946 Meter hohen Latok III zu besteigen.