Wenn die Höhenkrankheit anklopft

Unser Umkehrpunkt auf 5000 Metern, im Hintergrund der Renjo La

Auf rund 5000 Metern war Schluss. Meine Tochter, die vor mir ging, kippte plötzlich seitwärts weg und spuckte das wenige aus, das sie in den letzten 24 Stunden zu sich hatte nehmen können. Alle Kraft schien aus ihrem Körper gewichen zu sein. Nur gut 300 Höhenmeter fehlten uns zum Renjo La, von dem aus sich uns wahrscheinlich – trotz einiger Wolken – ein unvergleichliches Panorama mit drei Achttausendern geöffnet hätte: Mount Everest, Lhotse, Makalu. Doch plötzlich war der Bergpass unerreichbar fern. Auf zweieinhalb bis drei Stunden schätzte unser nepalesischer Bergführer die Zeit, die meine Tochter in ihrem Zustand noch bis zum höchsten Punkt benötigen würde – wenn sie es überhaupt schaffte. Und dann nochmal 500 Höhenmeter herunter nach Gokyo und eine Nacht auf knapp 4800 Metern.

Allerhöchste Zeit umzukehren. Meine Tochter wäre wahrscheinlich eine heiße Kandidatin für ein (lebensbedrohliches) Höhenhirnödem gewesen. Schließlich zeigte sie klassische Symptome der Höhenkrankheit: Starke Kopfschmerzen (auch im Hinterkopf), Übelkeit, Erbrechen, Hustenreiz, Leistungsabfall. Eigentlich hätten wir schon viel früher die Reißleine ziehen müssen. Doch wer gibt schon gerne ein attraktives Ziel auf? Man will es nicht wahrhaben, greift nach jedem Strohhalm, der Hoffnung verspricht.

Zwölf Tage gespuckt

Am Eingang zum Sagarmatha-Nationalpark

In Monjo, am Eingang zum Everest-Nationalpark, hatten wir noch über die Unvernunft einer Kanadierin unsere Köpfe geschüttelt. „Ich habe zwölf Tage lang gekotzt“, erzählte uns die Mittvierzigerin stolz nach ihrem Trekking zum Everest-Basislager. „Aber ich habe viel über die Kultur Nepals gelernt.“ Wahrscheinlich, so mutmaßte ich, hatte sie sich täglich – wie viele Nordamerikaner – Diamox oder andere Notfall-Medikamente eingeworfen, als Prophylaxe gegen Höhenkrankheit. Diamox ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen nicht unumstritten. So fördert es unter anderem den Harndrang. Man muss bei Einnahme also noch mehr Flüssigkeit zu sich nehmen als ohnehin schon, um das in großer Höhe eingedickte Blut zu verdünnen. Und was tut man in einem wirklichen Notfall, wenn man schon zuvor ein dafür vorgesehenes Medikament regelmäßig eingenommen hat?

Auf und Ab

Akklimatisierungswanderung oberhalb von Thame

Nach der ersten Nacht in Namche Bazaar auf 3440 Meter Höhe klagte meine Tochter über leichte Kopfschmerzen, nach dem Frühstück musste sie sich übergeben. Danach ging es ihr deutlich besser. Möglicherweise, so dachten wir, hatte sie das Porridge nicht vertragen. Am Nachmittag, nach gut vier Stunden Wanderung in einer Lodge in Thame auf 3800 Metern, hing sie erneut über der Kloschüssel. Allerspätestens jetzt war uns klar, dass sich ihr Körper mit der Höhe schwer tat. Aber wir hatten ja noch einen Akklimatisierungstag in Thame vor uns. Nach einer Ibuprofen-Tablette gegen den Kopfschmerz ging es meiner Tochter am nächsten Tag auch spürbar besser. Wir stiegen während einer kleinen Wanderung bis auf 4200 Meter auf. Alles schien wieder im Lot.

Zusätzlicher Tag

Aussichtspunkt mit Blick auf den Sechstausender Kyajo Ri (l.)

Doch keine 24 Stunden später erwies sich dies als Illusion. Kurz vor unserem nächsten Tagesziel, dem Dorf Lungden auf 4380 Metern, musste sich meine Tochter wieder übergeben. Wir beschlossen, unseren ursprünglichen Zeitplan über Bord zu werfen und einen weiteren Akklimatisierungstag einzulegen. Wieder das gleiche Muster: Mit Ibuprofen schlief sie fest und so gut wie schmerzfrei, den Aufstieg am nächsten Vormittag zu einem Aussichtspunkt auf gut 4700 Metern schaffte sie beschwerdefrei. So waren wir optimistisch, dass wir am folgenden Tag auch gemeinsam zum Renjo La würden aufsteigen können.

1200 Meter abgestiegen

Morgenstimmung oberhalb von Lungden

Wir starteten um fünf Uhr morgens im Dunkeln. Nach einer Weile klagte meine Tochter über wieder zunehmende Kopfschmerzen. Nach fast 600 Höhenmetern dann der Zusammenbruch. Wir verabreichten ihr eine halbe Diamox-Tablette – wirklich als Notfallpräparat – und machten uns auf den Abstieg. Die folgende Nacht verbrachten wir erneut in Thame, also 1200 Meter tiefer als unser Umkehrpunkt. Die dickere Luft wirkte bei meiner Tochter Wunder: der Appetit kehrte zurück, und nach elf Stunden tiefem Schlaf waren auch die Kopfschmerzen verschwunden. Sie blieben es auch in den nächsten Tagen, als wir noch zweimal höher als 4000 Meter aufstiegen. Und endlich konnte meine Tochter die faszinierende Bergwelt der Khumbu-Region richtig genießen.

Immer einen Plan B haben

Vater und Tochter vor Everest (l.) und Lhotse (r.)

Im Nachhinein frage ich mich natürlich, was wir hätten anders machen können oder sollen. Ein Akklimatisierungstag in Namche, nachdem sie sich zum ersten Mal übergeben hatte? Dann vielleicht eher ins Gokyo-Tal als zum Renjo La? Oder nicht nur zwei, sondern drei Nächte in Thame oder in Lungden? Wie auch immer, hinterher ist man immer schlauer. Als Tipp kann ich euch aber mitgeben: Nehmt schon die ersten Anzeichen der Höhenkrankheit ernst! Seid nicht zu fixiert auf euer ursprüngliches Ziel, sondern legt euch einen Plan B zurecht! Unserer hat nach der Umkehr prächtig funktioniert. Meine Tochter und ich erlebten noch einige wunderschöne Tage in niedrigerer Höhe, mit vielen tollen Erlebnissen und Eindrücken. Und das Wichtigste: Wir kehrten gesund aus Nepal zurück.

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2 Antworten auf „Wenn die Höhenkrankheit anklopft“

    1. Nein. Ich habe wirklich nach dem Kraftwerk Ausschau gehalten, an das ich mich noch von meinem ersten Besuch im Khumbu im Jahr 2002 zu erinnern glaubte. Aber inzwischen ist Thamo doch sehr groß geworden. Ich vermute, dass der Trekkingpfad nicht mehr am Kraftwerk vorbeiführt.

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