Namen von Kletterrouten: Wo hört Flapsigkeit auf und fängt Rassismus an?

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“, schrieb einst der österreichische Philosoph Ludwig Wittgenstein (1889-1951) in seinem berühmten „Tractatus“. Vereinfacht gesagt: Wie wir etwas sagen oder schreiben, ist durchaus von Bedeutung, denn Sprache schafft Wirklichkeit. Das sollte man meiner Meinung nach in der Diskussion um diskriminierende Namen von Kletterrouten bedenken, die im Rahmen der „Black Lives Matter“-Bewegung vor allem in den USA deutlich an Schwung gewonnen hat.

Erstbegeher, die einst bei der „Taufe“ ihrer Routen das N-Wort verwendet haben, sind darum noch nicht zwangsläufig Rassisten – sollten sich aber bewusst machen, dass Rassismus bei der Wortwahl beginnt. Was gestern vielleicht witzig gemeint und flapsig dahinformuliert war, kann heute beleidigen und diskriminieren. Wahrscheinlich hat es das auch schon früher getan, man hat nur nicht darüber geredet.

Von Weißen und Männern dominierter Klub

In der vergangenen Woche trat der angesehene Chefredakteur und Verleger des US-Klettermagazins „Rock and Ice“, Duane Raleigh, zurück – unter bemerkenswerten Umständen. „Wir waren jung und konnten klettern und Risiken genießen, weil wir Freiheiten hatten, die das nicht-weiße Amerika nicht hat. Wir waren Teil einer Kultur, die ich bedauere“, begründete der 60-Jährige seinen Schritt. „Das Privileg der Weißen ließ unsere ‚Brüderlichkeit‘ existieren, und wir konnten unangepasst sein und so gut wie alles ohne Konsequenzen tun. Im Großen und Ganzen existiert der von Weißen und Männern dominierte Klub immer noch weltweit.“ Raleigh entschuldigte sich dafür, dass er als junger Mann einer Route einen Namen mit dem N-Wort gegeben habe.

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Gepostet von Alex Honnold am Freitag, 12. Juni 2020

Die Sensibilität der Szene für das Thema ist nun deutlich stärker als früher. US-Kletterer sprachen sich jetzt zum Beispiel dafür aus, die „N****** Wall“ in der Owens-River-Schlucht im Osten Kaliforniens so lange zu boykottieren, bis der beleidigende Name ersetzt wird. Das Kletterportal „mountainproject.com“ führt eine Liste von „bad names“, Routennamen, die als rassistisch, sexistisch oder auf andere Weise diskriminierend empfunden werden. Die Liste umfasst mittlerweile mehr als 2000 Namen.

Auch deutsche Routen mit dem N-Wort

Kletterfels im Frankenjura

Darunter findet sich auch eine deutsche Route: „Der N**** mit dem Knackarsch“ im Frankenjura. Auf dem Kletterportal „frankenjura.com“ sind zwei weitere Namen mit dem N-Wort („N****kuss“, „Scharfer N****“) vermerkt. Eine vierte Route („Indianer und Bambus-N****“) wurde inzwischen in „Ernie und Bert“ umbenannt. „Auch wenn die Geschichte dazu superlustig war, ist der Name in der heutigen Zeit nicht mehr tragbar“, begründete der Erschließer der Route seinen Entschluss, sie umzutaufen. Nicht mehr tragbar ist aus meiner Sicht auch der Name „Bimboland“ für einen Teil des Klettergebiets nahe dem oberbayerischen Ort Kochel am See. So reden vielleicht Rechtsextremisten, Kletterer sollten es nicht.

DAV: „Wenig Handlungsspielraum“  

Ich habe beim Deutsche Alpenverein nachgefragt, ob man dort nicht die Notwendigkeit sieht, diskriminierende Namen zu ändern. Dem DAV sei es „ein wichtiges Anliegen, für Gleichberechtigung und Vielfalt auf allen Ebenen einzustehen“, antwortete mir Steffen Reich, DAV-Ressortleiter Naturschutz und Kartografie. Der Handlungsspielraum in diesem Fall sei allerdings begrenzt: „Denn erstens werden die Routennamen nicht von uns, sondern von den Erstbegeherinnen und Erstbegehern vergeben. Und zweitens führen wir keine Datenbank und erstellen keine Kletterführer, in denen die diskriminierenden Namen verzeichnet sind und wir sie einfach ändern könnten.“ Der einzig zielführende Weg sei, bei den Autoren und Verlagen sowie Kletterportalen „darauf hinzuwirken, dass die diskriminierenden Namen geändert oder gelöscht werden“.

Ich finde, der DAV sollte dieses Fass dennoch aufmachen. Zumindest, indem er an die Klettergemeinde appelliert, sich vielleicht doch mehr Gedanken über die Routennamen zu machen. Der Grat zwischen lustig und geschmacklos kann sehr schmal sein.