Sophia Danenberg: „Zahl schwarzer Bergsteiger wird exponentiell steigen“

Auf dem höchsten Punkt der Erde im Mai 2006

Beinahe hätte sie das Gipfelfoto vergessen. Als Sophia Danenberg am 19. Mai 2006 um sieben Uhr morgens gemeinsam mit den Brüdern Panuru und Mingma Chhiring Sherpa den Gipfel des Mount Everest erreichte, waren sie allein auf dem Dach der Welt. Es sei windig gewesen, nur die Gipfel der umliegenden Bergen hätten sich über die Wolkendecke erhoben, erinnerte sich Sophia kürzlich in einem Interview des US-Technologieportals „GeekWire“: „Es ist seltsam, wirklich über allem zu stehen. Ich war jedoch total darauf fokussiert, wieder nach unten zu kommen. Wäre Panuru nicht gewesen, hätte ich wahrscheinlich vergessen, ein Foto zu machen.“ Die Afroamerikanerin war die erste schwarze Bergsteigerin auf dem Gipfel des Mount Everest – was sie erst am Berg erfuhr.

Danenberg wuchs in Chicago auf. An der renommierten Universität Harvard schloss sie ihr Studium in Umweltwissenschaften und Public Policy mit Auszeichung (Magna Cum Lauda) ab. In ihrer Studienzeit erwachte ihre Liebe zum Bergsteigen. Im November 2005, ein halbes Jahr vor ihrer Everest-Besteigung, stand sie auf dem Gipfel der nahegelegenen Ama Dablam (6814 Meter). Neben dem Everest bestieg Sophia drei weitere der Seven Summits, der höchsten Berge aller Kontinente: den Aconcagua (6962 Meter, Südamerika), den Denali (6194 Meter, Nordamerika) und den Kilimandscharo (5895 Meter, Afrika).

Heute lebt die 48-Jährige in Seattle. Für den US-Luftfahrtkonzern Boeing analysiert sie die internationale Umweltpolitik und hält Kontakt zu internationalen Unternehmen und Organisationen. Im Rahmen meiner Berichte über die „Black Lives Matter“-Bewegung in den USA habe ich Sophia einige Fragen geschickt.

Sophia, du hast 2006 als erste schwarze Bergsteigerin den Gipfel des Mount Everest erreicht. Was hat dich damals dorthin gezogen?

Sophia Danenberg

Im Jahr 2006 plante ich eine Expedition zu einem anderen Berg, dem (8.188 Meter hohen) Cho Oyu, der normalerweise nach dem Monsun (im Oktober/November) bestiegen wird. Ein Expeditionsanbieter organisierte jedoch in jenem Jahr eine Besteigung im Vor-Monsun (Mai/Juni), die ich in Erwägung zog. Also rief ich im Januar diese und einige andere Agenturen an, um mit ihnen über ihre Dienstleistungen zu sprechen.

Als ich das Unternehmen International Mountain Guides anrief, fragte mich der Besitzer nach meinen Kletterzielen und Erfahrungen und schlug dann vor, mich doch am Everest zu versuchen. Er meinte, ich könnte am Everest mindestens bis Lager 4 gelangen, was in etwa der Höhe des Cho Oyu entspräche. Und dann hätte ich die Chance auf den Gipfel, wenn alles gut liefe. Ich hatte nur etwa zwei Wochen, um mich zu entscheiden.

Fühltest du dich im Basislager und am Berg aufgrund deiner Hautfarbe als Exotin?

Das Basislager ist unglaublich divers und international, daher ist es kaum möglich, sich exotisch zu fühlen. Allerdings fiel ich in jenem Jahr im Basislager aus dem Rahmen: nicht nur wegen meiner braunen Hautfarbe, sondern auch, weil ich klein war und eine Frau. Einige Leute vermuteten, ich käme vielleicht aus Indien oder Südasien. Ein Sherpa sagte sogar, er habe gedacht, ich könnte eine Nepalesin sein, außer dass ich „besseres Haar“ hätte (was lustig war, denn Sherpanis haben sehr schönes Haar; aber ich schätze, er stand auf lockige Haare).

War es dir damals überhaupt bewusst, dass vorher noch keine schwarze Frau den Everest bestiegen hatte?

Ich war mir nicht sicher, aber einige der Bergführer, die schon lange am Everest gearbeitet hatten, erzählten es mir, nachdem ich am Berg eingetroffen war.

Wie waren die Reaktionen hinterher? Eine Konfettiparade gab es nicht, oder?

Leidenschaft für die Berge

Die meisten aus meinem Freundeskreis und meiner Familie waren einfach nur froh, dass ich noch lebe. Abgesehen von meinem (jetzt Ex-) Mann klettert niemand in meiner Familie, deshalb waren sie voller Sorge und dachten, ich sei ein bisschen verrückt. Ein Freund in Connecticut, wo ich damals lebte, war freiberuflicher Journalist und wollte einen Artikel über mich für die große Lokalzeitung dort schreiben, aber sie lehnten die Geschichte ab.

Etwa zwei Monate später erzählte meine Schwester in Chicago einem ihrer Bekannten von mir. Er schrieb als Autor für den „Chicago Reader“ und fragte, ob er mich interviewen könne. Dieser Artikel (mit dem Titel „Up Everest, Quietly“) war der erste größere Medienbericht über meine Everest-Besteigung.

Heute gibt es zwar mehr schwarze Bergsteigerinnen und Bergsteiger bei Expeditionen an den höchsten Bergen der Welt, aber sie sind doch immer noch eher die Ausnahme. Worauf führst du das zurück?

Bergsteigen als Hobby ist eine Herausforderung. Es kostet viel Geld und Zeit. Es ist keine Sportart wie American Football, Basketball, Baseball oder Fußball, die man im Fernsehen sieht und die einen eines Tages reich und berühmt machen könnte. Im Gegenteil, es verschlingt so viel Zeit, dass es deinem Studium oder deiner Karriere schaden kann, wenn du davon regelrecht besessen wirst. Du machst es also nur, wenn du ein echtes Interesse an dieser Erfahrung hast – aber wie entwickelst du dieses Interesse, wenn du es noch niemals gesehen hast, vielleicht sogar nicht einmal ausprobiert hast, wandern zu gehen? Als ich jung war, waren sich die meisten Schwarzen, die ich kannte, gar nicht des Bergsteigens bewusst, hatten aber dennoch irgendwie ein Interesse daran.

Die Leute vergessen zudem gerne, dass Regierungen vor noch gar nicht langer Zeit eine extrem rassistische Politik betrieben. Die Apartheid (in Südafrika) endete erst, als ich ein Teenager war. Die „Jim-Crow-Gesetze“ in den USA (sie schrieben 1877 die Trennung zwischen Weißen und Schwarzen in den Südstaaten fest und wurden erst 1965 abgeschafft) gab es noch, als mein Vater ein Teenager war. Es braucht mehr als eine Generation, um dieses Niveau des systemischen Rassismus zu überwinden. Und Veränderungen spielen sich dann zuerst in grundlegenderen Teilen der Gesellschaft (Arbeit, Schule, Beziehungen) ab.

Es ist deshalb nicht überraschend, dass ein Hobby wie das Bergsteigen hinterherhinkt. Ich glaube jedoch, dass es in den nächsten 10, 15 Jahren immer mehr und mehr schwarze Bergsteiger geben wird. Und da mehr schwarze Menschen es tun und ihren Kindern und ihrem Umfeld beibringen werden, erwarte ich, dass die Zahl schwarzer Bergsteiger exponentiell steigen wird.

Hast du persönlich am Berg auch Diskriminierung erfahren müssen?

Delegierte auf internationalen Konferenzen

Wahrscheinlich, aber sie war wohl so geringfügig, dass ich sie nicht registriert habe. Man gewöhnt sich daran, viele Dinge einfach zu ignorieren. Ich erlebte eine eklatantere Diskriminierung in der Kletterszene, wenn ich vom Berg weg war, wenn ich meine Kletterklamotten und meine Ausrüstung abgelegt hatte. Die häufigste Form war, dass ständig angenommen wurde, ich sei keine Kletterin oder bestenfalls eine Anfängerin. Ich dachte zunächst, dass alle Kletterer jene, die sie nicht kennen, so behandeln.

Erst als ich bereits jahrelang geklettert war, merkte ich, dass ich anders behandelt wurde. Meine weißen männlichen Kletterpartner waren es, die registrierten, dass ich anders behandelt wurde und die sich an meiner Stelle darüber ärgerten. Während ich es gar nicht anders kannte, waren sie sich bewusst, wie sie selbst normalerweise behandelt wurden, und konnten so den Unterschied erkennen. Es gab sogar eine Zeit, in der ich meinem Freund das Klettern beibrachte, und in der jeder annahm, er würde mich unterrichten, obwohl ich ganz eindeutig führte.

Denkst du, dass die aktuellen Proteste gegen Rassismus, nicht nur in den USA, auch eine Auswirkung auf den Bergsport haben werden?

Die weltweite Unterstützung ist erstaunlich. Ich bin vorsichtig optimistisch, dass wir in den USA an der Schwelle zu grundlegenden Veränderungen stehen. Ich denke, dass dies auch Auswirkungen auf den Bergsport haben muss, weil die Gleichheit aller für so viele Menschen unterschiedlicher Hautfarbe eine Priorität geworden ist. Und viele von ihnen sind oder werden noch Bergsteiger. Viele junge Aktivisten arbeiten schon jetzt dafür, den Outdoorsport integrativer, einladender und sozialer zu gestalten.

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