Streit um Tengkangpoche-Erstbegehung entschärft

Tengkangpoche
Tengkangpoche (rechts der Nordostpfeiler)

Es erinnert mich ein wenig an den eingeführten Videobeweis beim Fußball. Spontane Freude im Stadion über einen Torerfolg ist kaum noch möglich, weil im Hinterkopf immer der Gedanke lauert: Hoffentlich nimmt der Video-Schiedsrichter den Treffer nicht noch zurück.

Beim Bergsteigen gibt es zwar keinen solchen Referee, dennoch denke ich bei Erfolgsmeldungen immer häufiger: Das klingt ja ganz toll, aber vielleicht sollte ich erst mal abwarten, bevor ich begeistert reagiere. Die sozialen Medien tragen entscheidend zu dieser Zurückhaltung bei. Um es drastisch zu formulieren: Kaum ist eine Sau auf dem Markt, wird sie auch schon mit lautem Getöse durchs Dorf getrieben – und lässt sich nur schwer wieder einfangen.

So geschah es auch, nachdem Tom Livingstone gestern bekanntgegeben hatte, dass ihm und seinem britischen Landsmann Matt Glenn die Erstbegehung des technisch anspruchsvollen Nordostpfeilers des 6487 Meter hohen Tengkangpoche gelungen sei. Wenig später erschien auf dem Portal „Evening Sends“ ein Artikel unter dem Titel: „Wildern am Tengkangpoche: Eine ’schmierige‘ Erstbegehung“.

Vertrauen missbraucht?

Tom Livingstone (r.) und Matt Glenn vor dem Nordostpfeiler des Tengkangpoche

Darin wurde aus einer Mail Toms an den Kanadier Quentin Roberts und den US-Amerikaner Jesse Huey zitiert. Die beiden Bergsteiger hatten am Tengkangpoche nach einem gescheiterten Versuch im unteren Teil des Nordostpfeilers ein Materialdepot für einen nächsten Anlauf angelegt. Tom informierte Quentin und Jesse darüber, dass Matt und er sich daraus einige Energieriegel und zwei Portionen gefriergetrocknetes Essen – Verfalldatum schon überschritten oder kurz davor – sowie zwei rostige Gaskartuschen genommen hätten.

Außerdem hätten sie sich zwei Haken, zwei Steigklemmen und eine Trittleiter ausgeborgt, die sie nun gerne in Thame, dem Dorf nahe dem Tengkangpoche, oder in Kathmandu für Roberts und Huey zurücklassen würden. Livingstone bedankte sich in der Nachricht bei den beiden Kletterern für „all die Informationen“, die sie ihnen über den Pfeiler gegeben hätten.

Roberts warf Livingstone daraufhin eine „seltsame Ethik“ vor: „Ich hätte nicht so viel über die Route preisgegeben, wenn ich wirklich gedacht hätte, dass jemand sie versuchen würde.“ Im Netz wurden Livingstone und Glenn nach der Veröffentlichung des Artikels als „Diebe“ beschimpft: nicht nur von Ausrüstung, sondern auch von Ideen.

Gegenseitige Vorwürfe

Auf dem Gipfelgrat

Livingstone widersprach. Er sei 2019 mehrfach mit Roberts geklettert. „Ich war immer ganz ehrlich zu ihm und habe von Anfang an in Bezug auf meine Planungen für eine Reise nach Nepal gesagt, dass ich mich neben anderen Bergen auch für den TKP (Tengkangpoche) als mögliches Ziel interessiere“, schrieb Tom. Er entschuldigte sich dafür, dass er und Matt sich aus dem Depot Lebensmittel und Gas genommen sowie die Ausrüstungsgegenstände geliehen hätten, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen. „Wir bedauern dies und werden die Sachen, wie bereits angeboten, vollständig ersetzen.“

Den Vorwurf mangelnder Ehrlichkeit und Ethik wollten Livingstone nicht stehen lassen, sondern gab ihn an Roberts und Huey zurück. Es sei unfair, gleich an die Öffentlichkeit zu gehen, statt das direkte Gespräch zu suchen. Außerdem habe Roberts selbst mit falschen Karten gespielt. Quentin habe öffentlich mehrfach erklärt, den Tengkangpoche ohne Haken besteigen zu wollen, so Livingstone. Im Materialdepot hätten jedoch ein Handbohrer und Haken gelegen.

Livingstone kritisierte zudem (in meinen Augen zu Recht) die schlechte Angewohnheit vieler Bergsteiger, an den Bergen des Himalaya Depots für mögliche spätere Expeditionen anzulegen: „Ich kenne viele, viele Bergsteiger, die ihre Ausrüstung auf dem Berg zurückgelassen und versprochen haben zurückzukehren, aber aus einer Vielzahl von Gründen nie zurückgekehrt sind.“

Schlechte Kommunikation

Nach Angaben Quentins hat er inzwischen mit Livingstone und Glenn über ihren Streit gesprochen. Sie hätten festgestellt, „dass so vieles davon auf eine schlechte Kommunikation zwischen uns zurückzuführen ist“, schrieb Roberts heute auf Instagram. „Wenn Leidenschaft im Spiel ist, ist es besonders wichtig, dass wir uns klar ausdrücken. Wir waren offensichtlich nicht klar genug, und das hat dazu geführt, dass es zwei Seiten der gleichen Geschichte gibt. – Wir sollten uns alle daran erinnern, dass gute Menschen dumme Dinge tun.“ Die Sache sei völlig aus dem Ruder gelaufen. Roberts appellierte an alle: „Bitte, bitte, beruhigt euch wieder.“ Dem kann ich nur beipflichten. Aber die Freude ist trotzdem irgendwie dahin. Schade.