Vor 70 Jahren: Die erste Besteigung eines Achttausenders

Nordwestansicht der Annapurna (links der Hauptgipfel)

„Ich war zutiefst gerührt. Noch nie hatte ich ein solches Glücksgefühl empfunden“, schrieb der französische Bergsteiger Maurice Herzog später über jenen Moment am 3. Juni 1950, als er mit seinem Landsmann Louis Lachenal den 8091 Meter hohen Gipfel der Annapurna erreichte – es war die erste Besteigung eines Achttausenders. Beide verzichteten auf ihrem Weg über die Nordflanke auf Flaschensauerstoff. Der Rückweg vom Gipfel verlief dramatisch.

Am Rande des Wahnsinns

Das Wetter schlug um, Lawinen stürzten talwärts. Herzog und Lachenal konnten sich mit erfrorenen Gliedmaßen kaum noch fortbewegen. Ihre Helfer waren hilflos, weil schneeblind – eine Seilschaft am Rande des Wahnsinns. „Dass es trotzdem gut ausging, ist ein Wunder“, hat mir einmal Reinhold Messner gesagt, als wir über die Annapurna-Expedition 1950 sprachen. „Sie waren nicht nur mit mentalen Kräften gedopt, mit Gipfelwahn, sondern auch mit Antibiotika und anderen Mitteln.“ Die Erstbesteiger überlebten, bezahlten ihren Gipfelerfolg aber mit Fingern und Zehen, die amputiert werden mussten.

Herzog hatte das letzte Wort

Es war eine Zeit, in der Expeditionen zu den höchsten Bergen der Welt noch nationale Prestigeprojekte waren und eher wie militärische Operationen gehandhabt wurden. Expeditionsleiter Herzog war der Kommandant, ohne Wenn und Aber. Er hatte das letzte Wort, Punkt! Alle Expeditionsteilnehmer mussten vorher einen Eid ablegen: „Ich verpflichte mich ehrenwörtlich, dem Expeditionsleiter in allem, was er im Verlauf der Expedition von mir fordern wird, zu gehorchen.“ Die anderen Bergsteiger verpflichteten sich zudem, anschließend keine Berichte über die Erstbesteigung zu veröffentlichen. Das durfte nur Herzog, sein Buch „Annapurna“ wurde zum Bestseller.

Held mit Schönheitsfehler

Maurice Herzog (1919-2012)

In Frankreich wurde Herzog als Volksheld gefeiert. In Chamonix war er Bürgermeister, unter Präsident Charles de Gaulle sogar Sportminister. Und Herzog saß auch im Internationalen Olympischen Komitee. Vor seinem Tod im Jahr 2012 erhielt sein Ruf einige Kratzer. Herzog wurde vorgeworfen, die Leistung seiner Mitstreiter an der Annapurna heruntergespielt zu haben. Seine Tochter Félicité bezeichnete ihn in einem Buch als Lügner und Frauenhelden, der seine Kinder vernachlässigt habe.

Louis Lachenal, dem 1946 mit Lionel Terray die zweite Begehung der Eigernordwand geglückt war, überlebte den Erfolg an der Annapurna nur um fünf Jahre: Im November 1955 stürzte er bei einer Skiabfahrt nahe Chamonix in eine 25 Meter tiefe Gletscherspalte. Lachenal starb an den Verletzungen im Alter von nur 34 Jahren.

7000er nach Annapurna-Erstbesteigern benannt

In Nepal tragen heute zwei Berge die Namen der Annapurna-Erstbesteiger. Die Regierung in Kathmandu gab die beiden Gipfel 2014 zur Besteigung frei. Der 7555 Meter hohe Herzog Peak (auch als Khangsar Khang West bekannt) und der 7140 Meter hohe Lachenal Peak (Gangapurna West) liegen im Gebiet um die Annapurna, an der den beiden Franzosen der erste Gipfelerfolg an einem Achttausender gelang – heute vor genau 70 Jahren.

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