Gefährliches Spiel mit dem Bergtourismus in Pakistan

Der 8611 Meter hohe K2 in Pakistan

„Wir öffnen den Tourismus, weil diese drei bis vier Monate wichtig für die Menschen sind, die vom Tourismus leben. Andernfalls wird an diesen Orten die Arbeitslosigkeit steigen“, kündigte Pakistans Ministerpräsident Imran Khan Anfang der Woche überraschend an. Der frühere Cricket-Superstar des Landes, der seit August 2018 Regierungschef ist, nannte dabei ausdrücklich die nördlichen Provinzen Gilgit-Baltistan und Khyber Pakhtunkhwa. Dort liegen die höchsten Berge Pakistans, inklusive der fünf Achttausender K2, Broad Peak, Gasherbrum I, Gasherbrum II und Nanga Parbat.

Die Provinzregierungen, so Khan, würden gemeinsam Regelungen treffen, unter denen die Tourismusindustrie wieder geöffnet werden könne. Das klang fast, als könnte die Sommer-Bergsteigersaison im Karakorum wider Erwarten doch noch gerettet werden – trotz der Coronavirus-Pandemie. Doch in den angesprochenen Regionen regt sich Widerstand.

Infektionskurve steigt

Der Achttausender Broad Peak

„Solange ich hier das Sagen habe, werde ich es nicht zulassen“, sagte der Chef der Provinzregiung von Gilgit-Baltistan, Hafeez ur Rehman, dem Internetportal „The Third Pole“. Ein „kontrollierter Tourismus“, wie ihn sich die Regierung vorstelle, sei unrealistisch. „Es ist eine Sache, so etwas auf dem Papier zu haben, aber eine ganz andere, dies vor Ort umzusetzen“, schimpfte Rehman. „Unser Gesundheitssystem ist einfach nicht gut genug, um die Last zu tragen, wenn die Dinge aus dem Ruder laufen.“

Die Ankündigung von Ministerpräsidenten Khan kam umso überraschender, als die Infektionskurve in Pakistan weiter steigt. Bisher wurden rund 90.000 Fälle registriert – mehr als in China, wo die Pandemie ausgebrochen war. Über 1800 Menschen sind in Pakistan an COVID-19 gestorben. Wie hoch die Dunkelziffer ist, kann niemand sagen.

75.000 Jobs in Gefahr

Träger im Karakorum

Vor diesem Hintergrund ist nicht davon auszugehen, dass die Freigabe des Tourismus dazu führen wird, dass nun sofort wieder ausländische Bergsteiger ins Land strömen. Deren Bedenken sind zu groß. Nicht umsonst haben so gut wie alle ausländischen Veranstalter ihre Expeditionen in Pakistan für diesen Sommer abgesagt oder ins nächste Jahr verschoben.

Vielleicht wird noch der eine oder andere Profibergsteiger im Karakorum auftauchen, um ein geplantes Projekt umzusetzen. Das wird jedoch nichts daran ändern, dass es – wie im Frühjahr an den Bergen Nepals – im Sommer an den Bergen Pakistans ruhig bleiben wird. Nach Angaben von Karrar Haidri, dem Chef des pakistanischen Bergsteigerverbands, stehen wegen der Corona-Krise in den Bergregionen des Landes 75.000 Jobs auf der Kippe.

„Ein Jahr ohne Tourismus ist kein Problem“

Laut Hafeez ur Rehman sind dennoch 90 Prozent der Menschen in Gilgit-Baltistan dagegen, dass Menschen von außerhalb die Region während der Coronavirus-Pandemie besuchen. „Wir haben ein Jahrzehnt ohne Tourismus überlebt, als Terroristen unser Land heimsuchten. Ein Jahr ohne Tourismus wird kein Problem sein“, sagte Rehman. Allzu großes politisches Gewicht haben seine Worte allerdings nicht mehr. Seine Zeit als Provinzregierungschef läuft am 24. Juni ab.

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