Eigentlich sollen die Mitglieder der „Young Alpinist Group“ aus Großbritannien und Irland nur erste Erfahrungen in den großen Gebirgen der Welt sammeln. Zwei von ihnen ist jetzt jedoch im Norden Pakistans bereits ein echter alpinistischer Coup gelungen.
Der Brite James Price und der Ire George Ponsonby eröffneten Ende Oktober am 6673 Meter hohen Aikache Chhok im Alpinstil eine 3000 Meter hohe schwierige Route über den noch nie begangenen Nordwestgrat und stiegen dann über die ebenfalls noch jungfräuliche Südwestwand ab.
Viel improvisiert
Der Sechstausender liegt abgeschieden im Batura-Massiv, in der Hunza-Region, ganz im Westen des Karakorum. Er hat weitere Namen, je nachdem, von welcher Seite er betrachtet wird. So heißt er von Süden aus Sia Chhish. Über diese Seite war drei Italienern 1983 – ebenfalls im Alpinstil – die Erstbesteigung des Bergs gelungen. Es war die einzige bislang dokumentierte Besteigung dieses Sechstausenders.
Die Nordseite des Bergs war bergsteigerisches Neuland. „Die Wand ist 3000 Meter hoch, und wir hatten keinerlei Informationen über sie. Wir hatten lediglich auf Google Earth nachgeschaut und eine Route ausgeguckt, die vielversprechend aussah“, erzählt mir James nach seiner Rückkehr aus Pakistan am Telefon. „Jeder Tag, jede Seillänge war ein Fragezeichen. Wir mussten unsere Strategie ständig anpassen.“
Blankeis und schlechtes Wetter
Price und Ponsonby hatten in einigen Passagen ihres Aufstiegs mit Blankeis zu kämpfen. „Zu den Verlusten gehörten zwei teilweise gebrochene Eisschrauben und ein durch das steinharte Gletschereis ruinierter Pickel“, schreiben James und George in ihrem Expeditionsbericht für die Young Alpinist Group.
Als sie nach sieben Tagen endlich den Gipfelgrat erreichten, schlug auch noch das Wetter um. „Da wir absolut keine Lust mehr auf Klettern hatten, vom Wind gepeitscht wurden und die Sichtverhältnisse miserabel waren, bauten wir schnell das Biwakzelt auf und sprangen hinein, um das schlechte Wetter über Nacht abzuwarten. James sicherte an diesem Abend noch eine Seillänge an der Gipfelwechte“, schreibt George.
Am nächsten Morgen hatte sich das Wetter beruhigt. Die beiden Bergsteiger stiegen zum höchsten Punkt auf, ihr Höhenmesser zeigte 6673 Meter. Auch der Abstieg durch die ebenfalls noch nie begangene Südwestwand hatte es in sich. An mehr als 20 Stellen mussten sich Price und Ponsonby von Seracs oder über steile Felspassagen abseilen. Nach neun Tagen erreichten sie schließlich müde, aber glücklich das Basislager.
„Fühlt sich an wie eine andere Welt“
„George und ich mussten unser Herz in die Hand nehmen, um den Gipfel zu erreichen und auch wieder herunterzukommen. Wir hatten viele technische Probleme zu lösen, mussten auch leiden, aber all das sind bereichernde Momente, die dazugehören“, sagt mir James.
„Jetzt sind wir wieder zurück im normalen Leben und bei der normalen Arbeit. Es fühlt sich an wie eine andere Welt. Aber ich bin froh, dass wir so eine großartige Expedition hatten. Sie wird mir noch lange in Erinnerung bleiben.“
Der 28 Jahre alte Price und der ein Jahr ältere Ponsonby waren zuvor erst einmal zusammen geklettert: im Winter an den Grandes Jorasses in den französischen Alpen. Sie hatten dort gut harmoniert – wie auch jetzt im Karakorum. „Wir treffen auf die gleiche Weise Entscheidungen (am Berg) und sind sehr ähnlich motiviert“, sagt James. „Wir sind beide sehr entspannt und gelassen in den Bergen. Das macht uns zu einem guten Team.“
Ihre Route, deren Schwierigkeitsgrat sie mit M7, AI5, A2+ angaben, tauften sie „Secrets, Shepherds, Sex & Serendipity“ (Geheimnisse, Hirten, Sex und glücklicher Zufall). Die Idee dazu kam ihnen, als sie sich mit den anderen Expeditionsmitgliedern bei schlechtem Wetter im Basislager ein Scherz-Drehbuch ausdachten.
Neben James und George hatten mit Sinead Thin, Gemma Robertson und Anna Soligo drei Bergsteigerinnen der Young Alpinist Group zum Expeditionsteam gehört. Ihren Versuch einer Erstbesteigung des im selben Tal gelegenen, 5900 Meter hohen Munocho Peak hatten Thin, Robertson und Soligo auf gut 5600 Metern abgebrochen.
Mentor Tom Livingstone
Im Young Alpinist Club werden junge, ambitionierte Bergsteigerinnen und Bergsteiger jeweils drei Jahre lang im Alpinstil geschult und auch finanziell unterstützt. Geldgeber sind der britische Alpine Club, das British Mountaineering Council und die Mount Everest Foundation sowie drei Unternehmen aus der Bergausrüstungsbranche. Wer das Programm des Young Alpinist Clubs durchlaufen hat, schlüpft in die Mentorenrolle für die nächsten Kader.
So war der frühere Absolvent Tom Livingstone Mentor der aktuellen Gruppe, die auf Expedition im Karakorum war. Tom wird Anfang Dezember gemeinsam mit dem Slowenen Ales Cesen mit dem Piolet d’Or geehrt, dem „Oscar der Bergsteiger“: für ihre Erstbegehung des Westgrats am 7952 Meter hohen Gasherbrum III im Karakorum im Herbst 2024.

James Price und George Ponsonby sind mit ihrer Erstbegehung am Aikache Chhok heiße Kandidaten für die Auszeichnung im kommenden Jahr. Für Price war es seine fünfte Expedition in den Bergen Pakistans. „Das war definitiv die schwierigste Route, die ich im Karakorum geklettert bin“, bilanziert James. „Ich würde sagen, es war meine bislang eindrucksvollste Besteigung, eine der schönsten, die ich jemals versucht habe. Es fühlt sich an, als hätte alles bis jetzt auf diese Besteigung hingeführt.“





