Henry Todd mag vielleicht nicht der größte Kletterer seiner Zeit gewesen sein, aber er war unbestritten ein Original.
„Als Expeditionsleiter, Bergsteiger und später als Lieferant von Flaschensauerstoff für Bergsteiger war Henry eine Säule der Himalaya-Kletterer-Community“, schreibt die deutsche Bergsteigerin, Journalistin und Chronistin Billi Bierling in ihrem Nachruf in der Himalayan Times. „Er unterstützte unzählige Menschen in Nepal und Pakistan und ermöglichte es vielen, sich den Traum zu erfüllen, auf den höchsten Gipfeln der Welt zu stehen.“
Todd starb am vergangenen Montag in seiner Wahl-Heimat Kathmandu im Alter von 80 Jahren – an den Folgen eines Schlaganfalls, nachdem er wenige Tage zuvor am Herz operiert worden war.
Vom Gefängnis in die hohen Berge
Todd wurde im März 1945 in Schottland geboren. Weil seine Eltern bei der Royal Air Force tätig waren, verbrachten er und seine beiden Brüder einen Großteil ihrer Jugend in Singapur. Nach der Rückkehr nach Großbritannien arbeitete Todd unter anderem für eine Versicherung. Die ersten Schlagzeilen, die er machte, waren unrühmlicher Natur. Todd gehörte in den 1970er Jahren zu einer Gang, die in großem Stil illegal LSD-Tabletten produzierte und vertrieb. Die Polizei nahm den Drogenring 1977 aus. Todd wurde zu 13 Jahren Haft verurteilt, von denen er sieben absaß.
Als er freikam, stürzte er sich ins Klettern und Bergsteigen. Seine erste Expedition führte ihn in den indischen Himalaya – der Auftakt zu einer langen Karriere an den höchsten Bergen der Welt. Mit seinem in Edinburgh beheimateten Unternehmen Himalayan Guides wurde Henry zu einer festen Größe im kommerziellen Bergsteigen. Die Bergsteiger-Chronik Himalaya Database listet für ihn 61 Expeditionen auf, allein 19 zum Mount Everest.
Nie auf dem Gipfel des Everest
Den höchsten aller Gipfel erreichte Todd selbst nicht, er konzentrierte sich meist darauf, die Expeditionen zu leiten. Höher als 8300 Meter kam er am Everest nie. Und damals, im Frühjahr 2000, stieg er auch nur so weit auf, um einen höhenkranken und halluzinierenden Kunden aus Serbien nach unten in Sicherheit zu bringen.

Zweimal bestieg Todd den Cho Oyu, einmal ohne Flaschensauerstoff (1996), einmal mit (2002). 2009 stand er – mit Atemmaske – auf dem Gipfel des Manaslu beziehungsweise dem Punkt, den damals fast alle fälschlicherweise für den höchsten hielten.
Spitzname „Toddfather“

Henry war auch in den Bergen eine schillernde Figur, zahlreiche Anekdoten ranken sich um ihn. Der 1,90 Meter große Schotte galt als impulsiv und ehrgeizig, er hasste es zu verlieren.
„Er ist ein großartiger Kerl, und er ist ein schrecklicher Kerl, je nachdem, wer er gerade sein möchte“, sagte einmal ein Kunde im US-Magazin Outside über Todd. Andere betonten, dass Henry seine Teammitglieder außergewöhnlich gut motivieren konnte, sodass sie am Berg über sich selbst hinauswuchsen.
Todd scherte sich nicht um Konventionen, bot Everest-Expeditionen auch für Leute mit kleineren Geldbeuteln an. Der Preis dafür: große Gruppen, wenig Luxus. „Es ist ein Haufen Leute dabei, und die Fahrt ist etwas holprig, aber wenn du durchhältst, kommst du ans Ziel“, sagte ein anderer von Todds Kunden.
Henry war ein Tüftler und Organisator. Er arbeitete alte Atemmasken aus sowjetischen Armeebeständen für Bergsteiger-Zwecke um und entwickelte ein System, um leere Sauerstoffflaschen wieder aufzufüllen. Er besorgte die schmalen Alu-Leitern, die benötigt wurden, um die Spalten im Khumbu-Eisbruch zu überqueren, und organisierte das Verlegen der Fixseile.
Todd war im Basislager omnipräsent – was ihm den Spitznamen „Toddfather“ eintrug, in Anspielung auf den Mafia-Filmklassiker „The Godfather“ (Der Pate).
Mentor einheimischer Bergsteiger
Todds Weg kreuzte sich mit dem vieler Himalaya-Legenden wie Anatoli Boukreev aus Russland und Jerzy Kukuczka aus Polen oder auch jenen der Briten Doug Scott, Chris Bonington und Stephen Venables. Promis aus anderen Bereichen wie Musiker der Band Pink Floyd, Hollywood-Schauspieler und Nobelpreis-Gewinner gehörten ebenfalls zu seinem Bekanntenkreis. Doch Standesdünkel waren Henry fremd. Ohne viel Aufhebens darum zu machen, unterstützte er zahlreiche nepalesische Bergsteiger und ihre Familien.
Zum Beispiel Kaminuru Sherpa. Insgesamt 23-mal ging der Einheimische aus dem Bergsteiger-Dorf Pangboche im Everest-Gebiet mit Todd auf Expedition. Beide beendeten 2019 – nach rund vier Jahrzehnten gemeinsamer Unternehmungen – ihre Karrieren.
„Unsere Freundschaft und Partnerschaft hat jede Herausforderung überstanden. Ich bin Henry zutiefst dankbar für sein Vertrauen, seine Mentorenschaft und seine unerschütterliche Freundschaft“, schreibt Kaminuru auf Facebook. „Henry Todd war nicht nur Expeditionsleiter, sondern sorgte auch für den Lebensunterhalt vieler Familien in Pangboche, und dafür werde ich ihm immer dankbar sein.“
„Veränderte unzählige Leben“
Todds Familie brachte es in ihrer Mitteilung über Henrys Tod so auf den Punkt: „Im Laufe seines Lebens veränderte er unzählige Leben und half anderen dabei, ihre Träume zu verwirklichen. Sein Temperament und sein Engagement für die Berge und die Menschen um ihn herum werden niemals in Vergessenheit geraten.“ An diesem Samstag gibt es in Kathmandu eine Trauerfeier für Todd, anschließend wird sein Körper im Tempelbezirk Pashupatinath eingeäschert.



