Manaslu-Debatte: Wann ist ein Gipfel ein Gipfel?

„True Summit“ des Manaslu

Kaum liegt ein Thema auf der Schnellkochplatte der sozialen Medien, kochen die Emotionen hoch. Die einen werden in den Himmel gelobt, die anderen in die Hölle verbannt. Hier die strahlenden Helden, dort die finsteren Schurken. Je drastischer die Formulierung, desto mehr Herzchen, Daumen hoch und klatschende Hände. Die Bergsteiger-Szene macht da keine Ausnahme. Jüngstes Beispiel: die Debatte über den „True Summit“ des Achttausenders Manaslu.

Am Montag erreichten Mingma Gyalje Sherpa und Co. – mit Flaschensauerstoff – den (aller)höchsten Punkt auf 8163 Metern, ganz am Ende des Gipfelgrats. Und schon werden auf Twitter und Co. alle anderen Bergsteiger, die an einem der nahe gelegenen und etwas niedrigeren Vorgipfel des Manaslu umdrehten, als „Betrüger“ und „Lügner“ abgestempelt. Andere wettern gegen die „Himalayan Database„, in der die Gipfelerfolge an den hohen Bergen Nepals erfasst werden. Die Chronik sei „nicht länger die Referenz für Achttausender“, heißt es.

Vorgipfelerfolge

Gipfelgrat des Manaslu

Es lohnt sich, erst einmal tief durchzuatmen und sich mit kühlem Kopf dem Thema zu nähern. Dass die meisten der inzwischen mehr als 2200 vom Manaslu vermeldeten Gipfelerfolge eigentlich „Vorgipfelerfolge“ waren, ist eigentlich seit mindestens seit zwei Jahren bekannt. 2019 veröffentlichten der deutsche Chronist Eberhard Jurgalski und andere Mitstreiter – darunter Tobias Pantel von der Himalayan Database – einen Bericht, in dem sie belegten, dass die große Mehrheit der Manaslu-Bergsteiger nicht am allerhöchsten Punkt auf 8163 Metern war.

Das gilt nicht nur für kommerzielle Teams, sondern auch für Topbergsteiger. Von 35 der 44 Bergsteigerinnen und Bergsteiger, die auf allen 14 Achttausendern standen, seien inzwischen die Gipfelpunkte bekannt, ließ Jurgalski im vergangenen Mai auf 8000ers.com wissen. Nur sechs davon hätten den Hauptgipfel des Manaslu erreicht. 25 seien auf zwei nahe gelegenen Vorgipfeln gewesen, die innerhalb einer „Toleranzzone“ lägen, bei der man den Berg als bestiegen erachten könnte. Diese Vorgipfel sind drei bis sechs Meter niedriger als der Hauptgipfel.

Kniffliger Zustieg

Der gestrige „True Summit“-Erfolg von Mingma Gyalje Sherpa und Co. war also nicht nur eine feine, sondern auch im engsten Wortsinn außergewöhnliche, sprich unübliche Leistung am Manaslu. Das Video, das der Chef des Expeditionsveranstalters Imagine Nepal selbst veröffentlichte, und Drohnenaufnahmen, die im Netz kursieren, zeigen, warum bisher die meisten nicht bis dorthin vordrangen: Der Zustieg ist wirklich „knifflig“, wie Mingma schon vorher treffend bemerkt hatte. Sein Team wich vom Grat in die steile Bergflanke aus, um von dort aus den höchsten Punkt zu erreichen.

„Ich habe versucht, über den Grat zu gehen und es war möglich. Aber ich fürchtete, dass die Verankerung die Kunden nicht halten würde, wenn sie Fehler machen sollten“, erklärt mir Mingma seine Routenwahl. „Also bin ich etwa zehn Meter nach unten abgestiegen, habe gequert und bin dann direkt zum Gipfel gegangen – was ein sehr guter Weg für alle Kletterer war und dazu sehr sicher.“

Neue Parameter?

Mingmas Weg über die Flanke rechts

Wann gilt der Manaslu nun als bestiegen? „Wir können die Geschichte nicht neu schreiben und allen, die den ‚real summit‘ nicht erreicht haben, den Gipfel nehmen“, sagt mir Billi Bierling von der Himalayan Database. „Aber unser Team wird darüber diskutieren, wie wir in Zukunft damit umgehen. Möglicherweise werden wir die Parameter ändern.“ Die 2018 verstorbene, legendäre Elizabeth Hawley, die in den 1960 Jahren die Chronik gegründet hatte, sei übrigens weniger streng gewesen, so Billi: „Miss Hawley hat früher sogar Punkte unterhalb der Gipfelwechte als Gipfelerfolge akzeptiert.“

Den Vorwurf von Kritikern im Netz, die Himalayan Database habe 2016 eine Kategorie „Vorgipfel“ eingeführt, in den Folgejahren aber auf diese Differenzierung verzichtet, weist Billi zurück: „Im Herbst 2016 waren viele an einem noch weiter vorgelagerten Punkt, der deutlich niedriger ist als die anderen Vorgipfel. Deshalb haben wir damals darauf hingewiesen.“ Laut der Chronik lag der Punkt, den damals 161 Bergsteigerinnen und Bergsteiger erreichten, auf 8125 Metern, also 38 Meter niedriger als der Hauptgipfel.

Dienstleister, nicht Richter

Billi Bierling

Die 54 Jahre alte deutsche Bergsteigerin und Journalistin weist darauf hin, dass ihr Team auf die ehrlichen Angaben der Expeditionsveranstalter und Bergsteiger angewiesen sei. „Wenn wir merken, da ist etwas faul, gehen wir der Sache natürlich auch auf den Grund“, sagt Billi. „Aber wir sind keine Richter. Wir bieten einen Service für die Bergsteiger-Community. Wir nehmen nur die Zahlen auf und vergeben keine Zertifikate.“

Allein die schiere Masse an Gipfelanwärtern mache es unmöglich, alle Angaben zu überprüfen, so Bierling. So habe sich ihr Team nach der Rekordzahl an Permits für den Mount Everest im vergangenen Frühjahr neben den eigenen Recherchen auch auf die Zahlen des Tourisministeriums verlassen müssen. „Und wenn ich jetzt die langen Listen vom Manaslu sehe, wird mir ganz schwindlig. Es ist gar nicht mehr möglich, dass wir alle physisch interviewen.“

Bierling spricht von „herausfordernden Zeiten“ – nicht nur wegen des großen Andrangs an den Achttausendern. „Heute liegt, auch durch die sozialen Medien, viel mehr Druck auf den Leuten. Sie wollen unbedingt den Gipfel erreicht haben. Und dann verbiegen sie vielleicht auch manchmal ein bisschen die Wahrheit.“ Etwa wenn es um „Heli-Doping“ geht, wenn sich also, wie auch am Manaslu geschehen, Bergsteiger mit dem Hubschrauber ins Hochlager oder zurück ins Basislager fliegen lassen, um zeit- und kraftraubende Etappen zu überspringen. „Wir werden in Zukunft auch eine Rubrik „aviation assisted“ (luftfahrttechnisch unterstützt) haben“, sagt Billi, die seit 2004 ehrenamtlich für die Himalayan Database arbeitet. Bierlings kleines Team ist nicht um seine komplizierte Aufgabe zu beneiden. Schon gar nicht, wenn es dann auch noch Kritik aus den sozialen Netzwerken hagelt.

Update 20.30 Uhr: Nach übereinstimmenden Berichten gab es am Manaslu den ersten Todesfall der Herbstsaison. Ein 37 Jahre alter Kanadier sei gestern während des Anstiegs auf rund 7800 Metern gestorben, offenbar nach einer Herzattacke, hieß es.

Eine Antwort auf „Manaslu-Debatte: Wann ist ein Gipfel ein Gipfel?“

  1. Was für eine eigentümliche Gesellschaft, in der wir leben.
    Ich selbst habe 14 Expeditionen in aller Herren Länder durchgeführt. Einige Gipfel habe ich erreicht, andere wiederum nicht. Ob 30 Meter unterhalb oder nicht, wen interessiert´s?
    Ich mache es doch ausschließlich für mich. Muss kein Geld damit verdienen. Nicht ausschließlich der Gipfel ist wichtig, sondern ebenso Land und Leute. Der Gipfel ist immer ein Bonus. Mal gelingt es, mal nicht. Wie sagte es Anderl Heckmeier: „Das Erlebnis zählt..“ Doch in einer Gesellschaft von Egoisten ist für Verlierer kein Platz. Doch lieber ein „Verlierer“ mit einem großen Herzen, gepaart mit Hilfsbereitschaft, Vergebungsbereitschaft und Empathie, als ein „Gewinner“, der nur an sich und seine Selbstdarstellung denkt.
    Was zählt am Ende? Wie viele Gipfel ich im Leben erreicht habe? Oder dass ich für meine Familie, für den Nächsten da bin und wenn ich gehe, dass man mich als einen gütigen und hilfsbereiten Menschen vermisst.

Kommentare sind geschlossen.