Anja Blacha hat ihr Ziel für diese Frühjahrssaison erreicht. Wie berichtet, erreichte die 35 Jahre alte deutsche Bergsteigerin vor anderthalb Wochen den Gipfel des 8516 Meter hohen Lhotse – ohne Flaschensauerstoff und ohne Sherpa-Begleiter.
Für Anja war es der 13. Achttausender, den sie ohne Atemmaske bestieg. Jetzt fehlt Blacha nur noch die 8027 Meter hohe Shishapangma in ihrer Sammlung. In diesem Frühjahr hätte sie diesen Berg nicht besteigen können, da die chinesisch-tibetischen Behörden in dieser Saison keine ausländischen Bergsteigerinnen und Bergsteiger ins Land ließen.
Vor der Heimkehr aus Nepal hat Anja Blacha meine Fragen beantwortet.
Anja, einen ganz herzlichen Glückwunsch zu deinem 13. Achttausender ohne Atemmaske. Wie ist es dir am Gipfeltag am Lhotse ergangen?
Vielen Dank. Ich habe an meinem Gipfeltag von recht gutem Wetter und Schneebedingungen profitiert, in denen ich langsam, aber stetig vorangekommen bin. Die einzige Widrigkeit waren kleine Eis-, Schnee- und Steinschläge, die durch manch herabsteigenden Bergsteiger gelöst wurden und das Couloir heruntersprangen. Aber niemand wurde davon in bedeutender Weise getroffen.

Du warst erneut ohne Flaschensauerstoff und Sherpa-Unterstützung unterwegs. Wo würdest du den vierthöchsten Berg der Erde in puncto Herausforderung und Schwierigkeit unter den 13 Achttausendern einordnen, auf denen du nun schon gestanden hast.
Am Lhotse wird einem gewissermaßen der rote Teppich ausgerollt. Man profitiert von der Infrastruktur des Everest. Praktisch jeder Meter ist mit Seilen versichert oder klar abgesteckt, schwierigere Passagen werden rasch entweder passiv durch die Vielzahl der Bergsteiger mit tiefen Tritten vereinfacht oder aktiv durch Leitern entschärft, Lager 2 ist wie ein vorgeschobenes Basislager.

Die Route ab Lager 4 ist sehr direkt und wettergeschützt, was den Gipfeltag einfacher macht als an ähnlich hohen Bergen wie dem Kangchendzönga oder Makalu.
Du hattest im letzten Jahr erwogen, den Lhotse an den Everest anzuhängen – was aufgrund des damals kurzfristig vorgezogenen Saisonendes nicht mehr möglich war. Wie waren die Verhältnisse im Khumbu-Eisbruch, im Western Cwm und in der Lhotseflanke diesmal, verglichen mit dem Frühjahr 2025?
Die Route durch den Eisbruch, das Western Cwm und den Bergschrund (oberste Gletscherspalte am Fuß der Lhotsewand) war schon letztes Jahr sehr gut; dieses Jahr war sie sogar noch geradliniger und einfacher. An der Lhotseflanke habe ich keine nennenswerten Unterschiede erkannt.
Welche Erfahrung nimmst du vom Lhotse mit nach Hause?
Die Passivität der meisten Bergsteiger und Expeditionsleiter hat mich am meisten überrascht. Nahezu keiner hat sich darum bemüht, sich ein eigenes Bild vom Eisbruch zu machen, nachdem die Arbeiten dort über lange Zeit niedergelegt worden waren.

Selbst als über die EOA (der nepalesische Verband der Expeditionsveranstalter) koordiniert eine kleine Gruppe aus Sherpas zum Scouten zusammengestellt wurde, haben die wenigsten Expeditionsleiter entsprechend qualifizierte und incentivierte (durch einen gezielten Anreiz motivierte) Sherpas zur Lagebeurteilung und Lösungsfindung nominiert.
Aus wiederum fehlendem Engagement, das Seilfixieren über das Mindestmaß hinaus zu unterstützen, wurde das Gros eines frühen Wetterfensters verpasst und stattdessen in Kauf genommen, dass eine große Anzahl an Bergsteiger gleichzeitig das nächste Wetterfenster nutzt.
Für mich war diese Erfahrung aus Politik und Passivität, gepaart mit der auch von mir hohen Erwartungshaltung an und Nutzung der Infrastruktur, in erster Linie eine Erinnerung, mehr Selbstständigkeit im Denken und Handeln an den Berg zu bringen.
P.S. Am vergangenen Samstag erreichte die Slowakin Lenka Polackova im gleichen Stil wie Anja Blacha den Gipfel des Lhotse, also ohne Flaschensauerstoff und ohne Sherpa-Begleiter.
Am heutigen Mittwoch stand Kristin Harila ohne Atemmaske auf dem 8849 Meter hohen Gipfel des Mount Everest – in Begleitung von Mingtemba Sherpa und Dukpa Sherpa, die Flaschensauerstoff nutzten. Damit holte sich die Norwegerin die sogenannte „Triple Crown“, indem sie in dieser Saison erst den Nuptse (ohne Maske), dann den Lhotse (mit Maske) und jetzt den Everest (ohne Maske) bestieg. Mingtemba führte sie bei allen drei Aufstiegen.
