Das Wunder vom Mount Everest: Dawa Sherpa lebt

Dawa Sherpa (l.) nach seiner Odyssee im Everest-Basislager
Dawa Sherpa (l.) nach seiner Odyssee im Everest-Basislager (© Temba Tsheri Sherpa/facebook.com)

Er hat überlebt – sechs Tage ohne Lebensmittel, ohne Flaschensauerstoff, ohne Hilfe. Nach nepalesischen Medienberichten entdeckten heute früh Ortszeit Mitarbeiter des Sagarmatha Pollution Control Commitee (SPCC) den bis dahin vermissten Dawa Sherpa, auch Hillary Sherpa genannt, nahe dem so genannten Crampon Point im Khumbu-Eisbruch – an der Stelle nahe dem Basislager, an der die Bergsteiger, die auf den Mount Everest wollen, ihre Steigeisen anlegen.

Dawa kroch, völlig entkräftet und mit Erfrierungen an beiden Händen, Richtung Basislager. Mit dem Hubschrauber wurde der 52-Jährige ins Krankenhaus nach Kathmandu geflogen. Dawas Zustand sei stabil, erklärten die Ärzte.

Seine Familie hatte bereits die mehrtägige Trauerzeremonie für den vermeintlich verstorbenen Bergsteiger eingeleitet. Dass Dawa seine einwöchige Odyssee am Everest überlebt hat, ist nicht weniger als ein Wunder.

Aus einer Rast wurde eine Odyssee

Am vergangenen Freitag – dem Tag, als die Everest-Saison offiziell für beendet erklärt wurde – befanden sich noch zwei Sherpas und zwei Kunden des nepalesischen Anbieters Himalayan Traverse im Abstieg vom Südsattel. Auf etwa 7500 Meter Höhe habe sich Dawa auf einen Stein gesetzt und ihm gesagt, er solle vorgehen, berichtete vor zwei Tagen der Brite Chris Thrall auf Instagram. Er sei der Aufforderung des Sherpas gefolgt, weil er angenommen habe, dass dieser wieder schnell zu ihm aufschließen werde, so Thrall.

Südseite des Mount Everest
Nepalesische Südseite des Mount Everest (2002)

Doch Dawa tauchte weder während einer mehrstündigen Rast in Lager 3 auf 7300 Metern noch am Tag darauf in Lager 2 auf 6400 Metern auf. Der Brite schilderte, er habe dem anderen Kunden, einen polnischen Bergsteiger, beim Abstieg helfen müssen. Dieser habe unter Erfrierungen an den Fingern gelitten und keinen Flaschensauerstoff mehr gehabt, er selbst nur noch eine halbe Flasche.

Dawa wurde aufgegeben

Als sie in Lager 2 eingetroffen seien, hätten sie per Funk ihre Lage geschildert und seien aufgefordert worden, durch den Khumbu-Eisbruch abzusteigen, sagt Thrall. Eine Rettungsaktion für Dawa Sherpa wurde zunächst nicht eingeleitet, auch keine Suche nach ihm per Hubschrauber. Um es ganz deutlich zu sagen: Dawa wurde aufgegeben.

Erst am 3. Juni, am sechsten Tag nach seinem Verschwinden, stieg ein Rettungshubschrauber auf, um nach ihm zu suchen – ohne Erfolg. Zu diesem Zeitpunkt befand sich Dawa Sherpa nach eigenen Angaben bereits im Khumbu-Eisbruch und versuchte verzweifelt, einen Weg durch das Spaltenlabyrinth zu finden. Er winkte, doch die Hubschrauberbesatzung sah ihn nicht.

Die Leitern über die großen Spalten des Eisbruchs waren bereits abgebaut worden. Dass Dawa es in seinem Zustand trotz der vielen Gletscherspalten bis fast zum Basislager auf rund 5300 Metern schaffte, ist eine unglaubliche Leistung.

Familie will Verantwortliche verklagen

Mitarbeiter des SPCC stützen den völlig entkräfteten Dawa Sherpa
Mitarbeiter des SPCC stützen den völlig entkräfteten Dawa Sherpa (© Temba Tsheri Sherpa/facebook.com)

Seine Ehefrau Damu Sherpa kündigte nach Angaben des Portals The Tourism Times eine Klage gegen alle an, die dafür verantwortlich seien, dass ihr Mann in der Todeszone sich selbst überlassen worden sei.

Die Familie habe sofort, nachdem Dawa vermisst gemeldet worden sei, die Behörden um Hilfe gebeten, sei aber auf taube Ohren gestoßen. „Stell dir vor, ein Ausländer – nicht Dawa – würde allein auf dem Everest zurückgelassen werden, wie würde man darauf reagieren?“, fragt Damu.

Eine berechtigte Frage, die nach einer Antwort geradezu schreit. Und es gibt viele weitere Fragen, die aufgearbeitet werden müssen, damit sich so ein Fall wie Dawas nicht wiederholt. Etwa diese: Warum stieg überhaupt noch jemand so spät Richtung Gipfel, wo der Termin des Saisonendes doch öffentlich kommuniziert worden war? Was war mit dem zweiten Sherpa der Gruppe von Himalayan Traverse? Warum schlug die Agentur nicht umgehend Alarm und bestand auf einer Rettungsaktion? Warum reagierten die Behördenvertreter im Basislager nicht? Waren sie überhaupt noch dort?

Dass Dawa Sherpa noch lebt, ist einzig seinem unglaublichen Überlebenswillen zu verdanken – und sehr, sehr viel Glück. Hätte er beides nicht gehabt, wäre er das sechste Todesopfer dieser Frühjahrssaison am Mount Everest geworden.

Update 5. Juni: Inzwischen hat sich auch der polnische Kunde geäußert und schwere Vorwürfe gegen den Veranstalter Himalayan Traverse erhoben. „Ich habe ernsthafte Zweifel an dem Unternehmen, das diese Expedition organisiert hat. Alles, einschließlich des Gipfelvorstoßes, war verspätet und schlecht organisiert“, sagte Mariusz Chmielewski gegenüber der Zeitung Kantipur. Es habe so gut wie keine Kommunikation gegeben, außerdem zu wenig Lebensmittel, Wassern und Flaschensauerstoff.

Dawa Sherpa sagte laut nepalesischen Medienberichten, er habe bei seinem Abstieg lediglich einige Kekse gegessen, die andere Bergsteiger in Lager 3 zurückgelassen hätten. Nahe Lager 1 sei er in eine Spalte gerutscht und habe dort mehr als zwei Tage lang festgesessen. Weil es in die Spalte hineingeschneit habe, habe er sich schließlich selbst befreien können.

Offenbar war Dawa eigentlich nur für Arbeiten im Basislager verpflichtet worden. Den Mount Everest habe er zuvor noch nie bestiegen, heißt es.

Ein Kommentar

  1. Und im nächsten Jahr geht der ganze Wahnsinn wieder von vorne los , der Mensch lernt einfach nichts dazu , das Gehirn wird abgeschaltet !!

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