David Göttler: „Ohne Flaschensauerstoff bist du ein wenig Exot“

Göttler oberhalb von Lager 3 in der Lhotseflanke

Am Mount Everest sind die ersten beiden Toten der Frühjahrssaison zu beklagen. Am Südsattel auf 7900 Metern wurde heute ein indischer Bergsteiger tot in seinem Zelt aufgefunden, allem Anschein nach starb er in der Nacht an der Höhenkrankheit. Er hatte am Donnerstag den Gipfel auf 8850 Meter erreicht. Derweil wurde die Suche nach einem 39 Jahre alten Iren eingestellt, der seit gestern vermisst wird. Beim Abstieg vom höchsten Punkt war er auf eine Höhe von etwa 8300 Metern ausgerutscht und abgestürzt. Es gibt keine Hoffnung mehr, ihn lebend zu finden. Der Wind im Gipfelbereich hat aufgefrischt und macht eine weitere Suche vorerst unmöglich.

Während des ersten Schönwetterfensters der Saison erreichten mehr als 100 Bergsteiger den Gipfel des Everest, allesamt mit Flaschensauerstoff. Im vergangenen Jahr war laut der Bergsteigerchronik „Himalayan Database“ unter 802 Bergsteigern, die auf dem Dach der Welt standen, nur einer, der ohne Atemmaske erfolgreich war: der 32 Jahre alte Sonam Finju Sherpa.

Auch in diesem Frühjahr verzichten nur sehr, sehr wenige Kletterer auf Flaschensauerstoff. Einer von ihnen ist – wie berichtet – der deutsche Profibergsteiger David Göttler. Der 40-Jährige hat seine Akklimatisierung abgeschlossen und wartet jetzt im Basislager auf einen günstigen Zeitpunkt für seinen Gipfelversuch ohne Atemmaske.

David, es kursieren Luftbilder vom Everest-Basislager. Das sieht nicht mehr wie ein Lager aus, sondern wie eine Zeltstadt. Wie lebt es sich dort? 

Everest-Basislager von oben

Hier lebt es sich gut. Ich muss sagen, es ist sauberer als in manch anderen Basislagern! Und im Vergleich zu 2012 oder 2009 fühlt es sich für mich genau gleich an von der Anzahl der Menschen hier. 

Fühlst du dich unter Hunderten von Bergsteigern, die fast alle den Everest mit Flaschensauerstoff besteigen wollen, als Exot?

Ein wenig.

Wie reagieren die Leute, wenn du ihnen erzählst, dass du ohne Atemmaske rauf willst? 

Die Menschen reagieren unterschiedlich. Manche mit Verwunderung, manche mit Ehrfurcht, andere mit Unverständnis.

Nahe dem Südsattel

Du warst bereits zweimal über 7000 Metern, einmal bis knapp unter den Südsattel, einmal bis Lager 3 in der Lhotse-Flanke. Wie hat dein Körper reagiert? 

Das erste Mal hat sich zäh angefühlt, aber es war okay. Das zweite Mal war gut, da bin ich an einem Tag vom Basislager bis nach Lager 3 hinauf und wieder hinunter gestiegen.

Das erste Wetterfenster hat sich geschlossen, mehr als 100 Besteigungen wurden bisher gezählt. Das bedeutet, die Mehrheit wartet noch. Wie sieht dein Plan aus, den Massen aus dem Weg zu gehen – ein Muss, da du ohne Flaschensauerstoff ja schnell unterwegs sein musst? 

David Göttler

Es ist lustig, weil ich bis jetzt immer fast alleine auf der Route war. Manchmal habe ich mich gefragt: Wo sind denn alle?  Ich versuche einfach, zu anderen Tageszeiten oder versetzt zu gehen:  Als etwa alle von Lager 3 nach 4 gestiegen sind, war ich von Lager 2 nach 3 unterwegs. An einem Gipfeltag wird das natürlich schwer. Ich hoffe einfach, dass an einem Tag relativ spät in der Saison schon möglichst viele mit ihrer Expedition fertig sind und ich am Ende einfach Glück habe, an den entscheidenden Stellen nicht zu lange warten zu müssen. Wir werden sehen.

P.S. Auch am Achttausender Makalu gab es weitere Todesfälle. Ein indischer Bergsteiger wurde tot in seinem Zelt aufgefunden, ein anderer Inder, der am Donnerstag den Gipfel auf 8485 Metern erreicht hatte, wird vermisst.

Update 18. Mai: Der 35 Jahre alte Bulgare Ivan Tomov, der am Donnerstag den 8000er Lhotse ohne Flaschensauerstoff bestiegen hatte, starb einen Tag später unterhalb von Lager 4 an einem Höhenhirnödem. R.I.P.