Everest-Stau: „Ich hätte mir einen Polizisten gewünscht“

Mariam Ktiri nahe dem Everest-Basislager

Gesehen hat die ganze Welt die Menschenschlange am Mount-Everest-Gipfelgrat, Mariam Ktiri stand drin. Am 22. Mai hatte die Deutsch-Marokkanerin den Gipfel des höchsten Bergs der Erde bereits in der Nacht erreicht, um 2.35 Uhr Ortszeit. Beim Abstieg geriet sie in den Stau, der durch Nirmal Purjas Bild öffentlich wurde und weltweit für Schlagzeilen sorgte. „Schon kurz unterhalb des Gipfels sind uns die Massen entgegengekommen. Viele der Leute waren extrem langsam. Man sah, dass sie völlig erschöpft waren. Es hat uns rund anderthalb Stunden gekostet, den Hillary Step hinter uns zu bringen“, erzählt mir Mariam. „Gott sei Dank hatte ich noch genügend Sauerstoff. Mein Sherpa hat das andauernd geprüft. In diesem Moment hätte ich mir gewünscht, dass ein Polizist die Leute stoppt und sagt: ‚Wartet, bis die, die von oben kommen, runtergeklettert sind! Alles andere macht keinen Sinn.‘“

„Komische Stimmung“

Mariam am Gipfel

Ktiri war mit dem US-Expeditionsveranstalter „Climbing The Seven Summits“ (CTSS) unterwegs. Bereits am Vortag war die Gruppe oberhalb von Lager 3 in einen „wahnsinnigen Stau“ geraten, wie Mariam berichtet.  Nach ihren Worten warteten dann am Südsattel zusätzlich einige Teams auf ihre Gipfelchance, die eigentlich schon an diesem Tag hatten aufsteigen wollen, wegen des schlechten Wetters aber darauf verzichtet hatten: „Da herrschte eine komische Stimmung.“ Wegen der vielen Gipfelanwärter hätten die CTSS-Bergführer beschlossen, schon zwischen 17.30 und 18.30 Uhr aufzubrechen und nicht erst, wie sonst üblich, gegen 21 Uhr.

„Wir hatten Vollmond, ein schönes Licht. Es war so ruhig, ich hörte nur meinen Atem“, beschreibt Mariam ihren Aufstieg. „Es war magisch.“ Und extrem kalt – so kalt, dass große Emotionen bei ihr kaum aufkamen, als sie den höchsten Punkt auf 8850 Metern erreichte. „Ich dachte: Wow, jetzt bin auf dem höchsten Punkt der Erde, unglaublich!“, erinnert sich Ktiri. „Aber ich hatte gleichzeitig im Kopf: Ich muss konzentriert bleiben, ich muss noch absteigen.“

Schon im Khumbu-Eisbruch am kurzen Seil

Menschenschlange am Everest-Gipfelgrat (am 22. April)

Kurz nachdem sie mit ihrem Sherpa nach unten aufgebrochen war, folgte im Stau die Ernüchterung. „Ich dachte: Wir sind so früh gestartet, wir haben nicht mal richtige Pausen gemacht. Wir sind einfach konzentriert den Berg hoch gestiegen, um diese Situation zu vermeiden. Und jetzt auf dem Rückweg bin ich damit konfrontiert“, sagt Mariam. „Ich war wütend, dass die Leute nicht rational denken. Ich habe versucht, denen, die mir entgegenstiegen, per Handzeichen zu signalisieren: Bitte wartet! Aber sie haben darauf nicht reagiert.“

Das Hauptproblem am Everest, findet Ktiri, seien jene, die aufgrund mangelnder alpinistischer Erfahrung eigentlich nicht dort sein dürften. „Da waren einige, die null Ahnung hatten. Ich habe Leute gesehen, die schon im Khumbu-Eisbruch von ihren Sherpas am kurzen Seil geschleppt wurden. Wenn einer schon an dieser Stelle nicht selbstständig laufen kann, hat er dort eigentlich nichts verloren und muss umkehren.“ Mariam plädiert dafür, dass die Veranstalter Leistungstests einführen, um die bergsteigerischen Fähigkeiten zu überprüfen. „Die Leute mit null Ahnung sind ein Risiko für alle: für sich – okay, das ist ihr Problem – aber auch für die anderen.“

Lhotse angehängt

Im Lhotse-Couloir

Einen Tag nach ihrem Gipfelerfolg am Everest bestieg Ktiri mit ihrem Sherpa auch noch den benachbarten 8516 Meter hohen Lhotse. „Ich bin so froh, dass ich den Lhotse noch gemacht habe“, erzählt Mariam. „Das war nach der Enttäuschung des Staus auf dem Everest-Rückweg wie eine Belohnung. Am Lhotse waren am 23. Mai vielleicht ein Dutzend Bergsteiger unterwegs. Das war einfach schön – abgesehen von der Leiche (eines früher dort verstorbenen Bergsteigers),  die ein paar Meter unter dem Gipfel sitzt.“

Mit dem Tod war die Deutsch-Marokkanerin schon beim Anstieg zum Everest konfrontiert worden. In der Lhotse-Flanke hatte Ktiri die Leiche des Bulgaren Ivan Tomov passiert, der wenige Tage zuvor offenbar an einem Höhenhirnödem gestorben war. „Es sah aus, als ob er sich die Landschaft anschaue. Ich war geschockt.“ Das Gefühl verstärkte sich, als ihr wenig später eine Gruppe Sherpas entgegenkam, die einen Körper heruntertrugen. „Sein Fuß hat mich berührt, er war hart wie Stein. Da wurde mir klar, dass es ein Toter war“, erzählt Mariam. „Danach bin ich ziemlich langsam geworden.“ Auch wenn sie psychisch mitgenommen gewesen sei, habe sie nicht daran gedacht umzukehren, sagt Ktiri. Sie sei auf ihr großes Ziel fokussiert gewesen.

Seven Summits innerhalb von zwölf Monaten

Mit Everest-Rekordhalter Kami Rita Sherpa (24 Aufstiege)

Mit dem Everest-Gipfelerfolg komplettierte Mariam ihre Sammlung der „Seven Summits“, der höchsten Gipfel aller Kontinente. Und das innerhalb eines Jahres: Vor dem höchsten Berg Asiens hatte Mariam den Denali (Nordamerika, 6194 Meter, 28. Mai 2018) bestiegen, den Elbrus (Europa, 5642 Meter, 13. August 2018), den Kilimandscharo (Afrika, 5895 Meter, 24. September 2018), den Mount Vinson (Antarktis, 4897 Meter, 16. Dezember 2018), den Aconcagua (Südamerika, 6962 Meter, 12. Januar 2019) und die Carstensz-Pyramide (Ozeanien, 4884 Meter, 23. Februar 2019).

Mariam hat einen marokkanischen und einen deutschen Pass: „Ich identifiziere mich mit beiden Ländern. Das eine ist meine Heimat, das andere mein Adoptivland.“ Ktiri wuchs in der marokkanischen Stadt Casablanca auf. Mit knapp 18 Jahren kam sie zum Studium nach Deutschland, nach Augsburg. Danach lebte die Unternehmensberaterin zwölf Jahre lang in München. Dort fand sie zum Bergsteigen. „Was macht man in München? Man geht in die Berge“, erzählt Ktiri. „Mit der Zeit sind meine Ambitionen größer geworden.“ Seit Ende vergangenen Jahres lebt sie in Bern in der Schweiz. „Hier sind die Berge näher und höher. Das war für die Akklimatisierung einfach effizienter.“

Arabischen Frauen Mut machen

„Träume haben und verwirklichen“

Die Seven Summits seien für sie „bis jetzt das Projekt meines Lebens“ gewesen, sagt Mariam. „Auf mentaler Ebene hat es mich sehr, sehr stark gemacht. Ich habe bewiesen: Wenn man ein Ziel vor Augen hat und es konzentriert, vor allem diszipliniert verfolgt, findet man auch immer einen Weg, es zu erreichen. Das gilt nicht nur für die Berge, sondern auch für das Privat- oder Berufsleben.“ Was sie in dem „stark männer-dominierten Bereich“ Bergsteigen erreicht habe, solle auch anderen arabischen Frauen Mut machen, sagt Ktiri: „Der Islam, unsere Kultur ist die eine Sache, die wir respektieren können. Aber wir dürfen auch große Träume haben und uns verwirklichen.“

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