Stau am Everest-Gipfelgrat

Menschenschlange am Everest-Gipfelgrat

Wahrscheinlich wird der 22. Mai demnächst in der Mount-Everest-Rekordliste auftauchen: als der Tag mit den bis dato meisten Gipfelerfolgen. Über 300 (!) Bergsteiger sollen gestern den höchsten Punkt auf 8850 Metern erreicht haben, der Löwenanteil von der nepalesischen Südseite aus.

Unter ihnen war auch Nirmal, genannt „Nims“ Purja, der nach eigenen Angaben um 5.30 Uhr Ortszeit (mit Flaschensauerstoff) am Gipfel stand und dann „trotz heftigen Verkehrs“, wie er auf Facebook schreibt, auch noch gleich den Lhotse anhängte. Um 15.45 Uhr stand er nach eigenen Worten oben, es waren seine Achttausender-Besteigungen Nummer vier und fünf in dieser Saison. Inzwischen ist er im Makalu-Basislager eingetroffen.  Nims will alle 14 Achttausender in nur sieben Monaten besteigen. Sollte ihm auch noch der Makalu gelingen, liegt er im Zeitplan seiner „Mission Possible“, wie er sein Projekt getauft hat .

Wie im Schlussverkauf

Nirmal Purja am Gipfel

Purja veröffentlichte auf Facebook auch ein Bild des Everest-Gipfelgrats, das an einen Morgen im Sommerschlussverkauf erinnert. Eine lange, fast lückenlose Schlange von Gipfelanwärtern zieht sich aufwärts.

Ich erinnere mich noch gut an den Aufschrei, den 2012 die Bilder des deutschen Höhenbergsteigers Ralf Dujmovits von der Menschenschlange in der Lhotse-Flanke auslöste. Als Konsequenz wurde damals nicht etwa die Zahl der Gipfelkandidaten reduziert, sondern man legte einfach zwei Fixseil-Routen parallel nebeneinander und nannte es dann „Gefahrenmanagement“. Das ist am Gipfelgrat selbstverständlich nicht möglich. Laut Gyanendra Shrestra, dem Verbindungsoffizier der Regierung im Basislager, berichteten Bergsteiger am Mittwoch, dass sie am 8749 Meter hohen Südgipfel mehr als zwei Stunden (!) gewartet hätten.

Risiko steigt

Da grenzt es fast schon an ein Wunder, dass am Mittwoch nach bisherigen Erkenntnissen „nur“ ein Todesfall zu beklagen war: Ein 55 Jahre alter Bergsteiger aus den USA starb nahe dem Südgipfel. Es hätten deutlich mehr Tote sein können. Denn das folgende Muster zieht sich durch die Todesfälle der vergangenen Jahre: Die Bergsteiger verlässt nach dem Gipfelerfolg die Kraft, sie werden immer langsamer, ihre Sauerstoffvorräte gehen aus, sie sterben. Wenn die Route dermaßen verstopft ist wie am Mittwoch, steigt dieses Risiko extrem an.  

Ohne Nachfrage kein Markt

Everest-Basislager von oben

Ash Routen, Chef der Abenteuer-Homepage „Explorersweb“ fragte mich heute via Twitter nach meiner Meinung: „Ist es ethisch verantwortbar, wenn Trekking-Agenturen viel Geld von ihren Kunden nehmen, um sie dann solchen gefährlichen Staus in über 8000 Metern auszusetzen?“ Ich finde, man macht es sich zu leicht, den Schwarzen Peter alleine den Veranstaltern zuzuschieben. Sicherlich tragen die Agenturen einen wesentlichen Teil der Schuld an diesen gefährlichen Zuständen. Doch ich appelliere auch an die Selbstverantwortung der Bergsteiger, die eigentlich wissen sollten, worauf sie sich einlassen. Wer sich zu Dumping-Preisen in Expeditionen einkauft, muss sich hinterher nicht wundern, wenn der Spartarif zu Lasten seiner Sicherheit geht. Gäbe es keine Nachfrage nach Billigangeboten, gäbe es auch keinen Markt.

Thema Sicherheit stört

Wobei wir bei der Frage nach der Verantwortung der Regierung wären. Der Verbindungsoffizier im Basislager, verkündete am Montag via Facebook, dass am Mittwoch 297 Menschen den Gipfel erreichen wollten. Man wusste also, was kommen würde und nahm die vorprogrammierten Staus wissentlich in Kauf – inklusive Risiko.

Die chinesisch-tibetischen Behörden auf der Nordseite zeigen, was möglich ist. Sie begrenzten in diesem Frühjahr die Zahl der Permits auf 300. Letztlich gaben sie nur 142 Genehmigungen für ausländische Bergsteiger aus. Weniger Menschen am Berg bedeuten nicht nur weniger Müll (das war die offizielle Begründung der Behörden), sondern auch mehr Sicherheit.

In Nepal wird seit Jahrzehnten über eine Reglementierung am Everest gesprochen, doch es geschieht so gut wie nichts. Mit dem Massen-Bergtourismus lässt sich eben viel Geld verdienen. Das Thema Sicherheit stört da eher. Selbst ein Unglück wie die Eislawine im Khumbu-Eisbruch 2014, die 16 nepalesische Bergsteiger das Leben kostete, führte nicht zu einem Umdenken. 

Sponsor: Revol ohne Flaschensauerstoff am Gipfel

Elisabeth Revol

Auch am heutigen Donnerstag wurden wieder zahlreiche Everest-Gipfelerfolge von Norden und Süden aus gemeldet – wenngleich nicht so viele wie am Mittwoch. Laut einem ihrer Sponsoren bestieg die Französin Elisabeth Revol den Everest heute ohne Flaschensauerstoff. 2018 war Revol als erster Frau eine Winterbesteigung des Nanga Parbat gelungen. Ihr höhenkranker  Teamgefährte Tomasz Mackiewicz war beim Abstieg ums Leben gekommen. Revol hatte gerettet werden können.

Nach übereinstimmenden Berichten hat auch Juan Pablo Mohr heute den Gipfel des Everest ohne Flaschensauerstoff erreicht – als erster Chilene. Vor einer Woche hatte er bereits zusammen mit dem Spanier Sergi Mingote den Lhotse ohne Atemmaske bestiegen.

Zwei Everest-Witwen ganz oben

Furdiki Sherpa (l.) und Nima Doma Sherpa (r.)

Ebenfalls am Donnerstag standen die beiden Sherpani Nima Doma Sherpa und Furdiki Sherpa – mit Flaschensauerstoff – ganz oben. Ihre Ehemänner waren 2013 bzw. 2014 am Everest ums Leben gekommen.  „Wir machen unsere Expedition aus Respekt vor unseren verstorbenen Ehemännern, weil auch sie Bergsteiger waren“, hatte mir Nima Doma im Januar auf meine Frage nach dem Sinn und Zweck ihres Projekts geantwortet. „Wir wollen alle Witwen motivieren.“

Update 23.30 Uhr: Drei weitere Todesfälle werden vom Everest gemeldet: Auf der Südseite starben zwei Inderinnen (eine nahe dem Südgipfel, eine nahe dem Südsattel, beide beim Abstieg vom Gipfel), auf der Nordseite ein Mitglied einer Schweizer Expedition (auf 8,600 Metern, ebenfalls beim Abstieg). R.I.P.

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2 Antworten auf „Stau am Everest-Gipfelgrat“

    1. Wozu? welchen Mehrwert hat ?

      für mich kommt es vor, als könnte es jeder schaffen mit englischer Luft und mit genügend Geld.

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