Gelesen: To Live

25. Januar 2018, am Gipfel des Nanga Parbat, etwa 18.30 Uhr. Nach der Französin Elisabeth Revol erreicht auch der Pole Tomek Mackiewicz den Gipfel. Revol ist die erste Frau, der eine Winterbesteigung des 8125 Meter hohen Gipfels in Pakistan gelingt, Mackiewicz der erste Pole. „‚Eli, was passiert mit meinen Augen? Eli, ich kann deine Stirnlampe nicht mehr sehen. Du bist ein verschwommener Fleck!'“, erinnert sich Revol. „Diese Sekunde dauert eine Ewigkeit. Alles ändert sich. Ich würge und zittere, Angst überwältigt mich. Meine Beine verwandeln sich in Gelee und ich breche zusammen.“ Der Erfolg wandelt sich zum Drama. Am Ende wird nur die Französin gerettet, Mackiewicz stirbt in einer Eishöhle auf 7238 Metern.

Elisabeth Revol schildert in ihrem Buch „To Live“, das jetzt auf Englisch erschienen ist, auf sehr eindringliche Weise das Martyrium beim Abstieg. Wie es ihr gelingt, den schneeblinden und immer schwächer werdenden Tomek über 700 Meter hinunterzuführen. Wie sie vergeblich nach ihrem letzten Lager sucht und schließlich mit ihrem Gefährten in einer Gletscherspalte Zuflucht sucht. Wie Mackiewicz aufhört zu sprechen. Wie sie mit sich ringt und am Ende doch alleine absteigt, den Rettern entgegen. Wie sie in einer Eishöhle eine weitere Biwaknacht übersteht, halluziniert, sich Erfrierungen zuzieht. Wie sie immer hofft, dass nicht nur sie, sondern auch Tomek gerettet wird. Wie sie verzweifelt, als sie realisiert, dass die Hoffnung vergebens ist.

Revol zieht den Leser mit hinein in ihren Überlebenskampf. In ihre innere Zerrissenheit, aus der es kein Entrinnen gibt. „Schuld überwältigt mich, ertränkt mich“, wie Elisabeth schreibt. Sie fragt sich, warum sie überhaupt zum vierten Mal im Winter an diesen Berg zurückgekehrt ist, wo sie es doch eigentlich gar nicht wollte. „Ich fliehe immer weiter vor einer Gesellschaft, die am liebsten für mich entscheiden möchte“, räumt Revol ein. „Ich weiß, dass die Antworten in mir liegen. Ich gehe dort hinauf und lebe authentisch.“

„To Live“ ist ein authentisches Buch, aber auch ein gnadenloses. Gnadenlos traurig. Gnadenlos ehrlich. Gnadenlos packend. Ich kann euch nur empfehlen: Legt euch beim Lesen eine zusätzliche Wolldecke bereit.

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