Gesucht: Der Everest-Pinocchio-Test

Ach, wären doch alle Everest-Bergsteiger Pinocchios. Dann wäre es ganz einfach, die Lügner von jenen zu unterscheiden, die die Wahrheit sagen. Wir bräuchten nur – wie bei der legendären Titelfigur von Carlo Collodis Kinderbuch – zu beobachten, ob ihre Nasen länger geworden sind, und schon hätten wir die Übeltäter ertappt. Auch in diesem Frühjahr wären wieder einigen Bergsteigern am Everest längere Nasen gewachsen.

So behaupteten die Inderin Vikas Rana und ihre Landsmänner Shobha Banwala und Ankush Kasana, am 26. Mai um 10.30 Uhr morgens den höchsten Punkt auf 8850 Metern erreicht zu haben. Nach Informationen der Zeitung „The Himalayan Times“  wurde das Trio jedoch nur rund zwei Stunden später bereits gut 3300 Meter tiefer gesichtet: zurück im Basislager. Um dies zu schaffen, hätten ihnen Flügel wachsen müssen. Andere Bergsteiger berichteten, das Trio sei nicht über Lager 3 auf rund 7150 Metern hinausgekommen. Am 26. Mai wehte zudem am Gipfel des Everest ein starker Wind. Erst einen Tag später erreichte wieder ein größeres Team den höchsten Punkt.

Fälschung per Photoshop

Original (l.) und Fälschung (r.)

Auch hinter dem vermeldeten ersten Everest-Gipfelerfolg einer Frau aus dem indischen Bundesstaat Kaschmir steht ein Fragezeichen. Das vermeintliche Gipfelfoto, das die 26 Jahre alte Nahida Manzoor dem nepalesischen Tourismusministerium vorlegte, erwies sich als ziemlich amateurhafte Photoshop-Fälschung eines Gipfelbildes einer anderen indischen Bergsteigerin. Manzoor bezeichnete entsprechende Presseberichte als „falsche Propaganda“. Sie könne beweisen, dass sie am 22. Mai am Gipfel gewesen sei.

In diesem Punkt erhielt die Inderin Unterstützung vom Expeditionsveranstalter Transcend Adventures, mit dem sie unterwegs war. Es gebe Augenzeugen für Manzoors Gipfelerfolg, teilte das Unternehmen mit. So sei der indische Bergsteiger Sharad Kulkami nur wenige Meter hinter ihr aufgestiegen und habe sie auf dem höchsten Punkt gesehen. „Sie und ihr Sherpa haben kein Gipfelfoto gemacht, warum wissen nur sie“, distanzierte sich Transcend Adventures allerdings vorsichtig von der Kundin. „Wir waren weder informiert noch uns dessen bewusst, mit welchen Mitteln Nahida Manzoor ihr Gipfelzertifikat erhalten hat.“

Ohne ihren Sherpa am Gipfel?

Nahida mit Gipfelurkunde und (vermeintlichem) Gipfelfoto

Gestern legte Manzoor via Facebook ihre eigene Version des Geschehens vor: Wegen des hohen Verkehrs im Gipfelbereich (an jenem Tag machte Nirmal Purja sein Bild von der Menschenschlange auf dem Everest-Grat) sei ihr und ihrem Sherpa der Sauerstoff knapp geworden. Ihr Sherpa habe beschlossen, ihr seine etwas vollere Flasche zu überlassen und sie alleine das letzte Stück vom Hillary Step zum Gipfel gehen zu lassen. Um 9.30 Uhr sei sie oben angelangt, habe sich aber nicht lange aufgehalten, sondern sei schnell wieder zu ihrem Sherpa abgestiegen. „Deshalb habe ich kein Gipfelfoto von mir gemacht und kenne auch niemanden persönlich, der ein Bild von mir geschossen hat“, schrieb Manzoor.

Weil ihr Gipfelzertifikat auf sich habe warten lassen, sei sie am 12. Juni erneut nach Nepal gereist. Dort sei ihr dann das vermeintliche Gipfelbild zugeschickt worden. „In der hellen Aufregung habe ich weder das Bild überprüft, noch versucht, die Quelle zu verizifieren“, so Manzoor. Stattdessen habe sie es an die Behörden weitergereicht, in der Hoffnung, nun schnell das Gipfelzertifikat zu erhalten. „Ich habe meinen Gipfelerfolg nicht vorgetäuscht. In meiner Seele bin ich eine wahre Bergsteigerin und würde niemals über so etwas Lügen verbreiten“, beteuert die Inderin.

Leider gibt es keinen Pinocchio-Test, mit dem wir ganz leicht erkennen könnten, ob sie die Wahrheit sagt. Aber bei dem Andrang, der am 22. Mai am Gipfel herrschte, sollte sich doch wohl ein Bild finden lassen, auf dem Manzoor zu erkennen ist – wenn sie denn oben war.

„Keine ehrliche Kletterkultur“

Kuntal Joisher ist frustriert

Der Fall erinnert an 2016, als sich das indische Ehepaar Dinesh und Tarakeshwari Rathod mit manipulierten Bildern die Everest-Urkunden erschlichen hatte. Später waren den beiden die Zertifikate wieder entzogen und sie für zehn Jahre von allen Bergen Nepals verbannt worden.

Kuntal Joisher, einer der bekanntesten Bergsteiger Indiens – er bestieg bisher drei Achttausender: Manaslu (2014), Everest (2016) und Lhotse (2018) – , äußerte sich in einem Facebook-Kommentar angesichts der neuen Vorfälle frustriert: „Ich glaube, wir als Führende der indischen Klettergemeinde sind in unseren Bemühungen gescheitert, für eine positive, ehrliche Kletterkultur zu sorgen. Wir alle müssen noch härter arbeiten, noch mehr Leute erreichen und eine Everest-Szene in Indien schaffen, auf die alle stolz sein können.“

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