Mingma Gyalje Sherpa: „Der China-Boom am Everest wird auch wieder abflauen“

Xia Boyu (3.v.l.) auf dem Gipfel des Everest

Die Frühjahrssaison am Mount Everest und den anderen Achttausendern in Nepal rollt an. Am Everest haben die Icefall Doctors, ein Team von acht spezialisierten Sherpas, damit begonnen, die Route durch den Khumbu-Eisbruch zu legen und mit Leitern und Seilen zu sichern. Einige Anbieter kommerzieller Expeditionen haben bereits Mitarbeiter Richtung Basislager geschickt, um alles für die Ankunft der Kunden im April vorzubereiten.

Wie in den vergangenen Jahren wird auch in diesem Frühjahr mit einer großen Zahl chinesischer Everest-Gipfelaspiranten gerechnet. Der Markt im „Reich der Mitte“ boomt: Unter den betuchteren Chinesen ist Bergsteigen in. Mingma Gyalje Sherpa, Chef des nepalesischen Veranstalters „Imagine Nepal“, hat das Potential schon früh erkannt. Seit Jahren führt er Chinesen auf die Gipfel der höchsten Berge der Erde. 2018 verbuchte sein Unternehmen Gipfelerfolge an fünf Achttausendern: Everest, Lhotse, Kangchenzönga, Manaslu und Broad Peak. Unter den Everest-Besteigern war auch der doppelt beinamputierte Chinese Xia Boyu.

Mingma selbst hat bereits zwölf der 14 Achttausender bestiegen, elf davon ohne Flaschensauerstoff. Lediglich der Gasherbrum II in Pakistan und die Shishapangma in Tibet fehlen ihm noch in seiner Sammlung. Fünfmal stand er auf dem 8850 Meter hohen Gipfel des Everest. Ich habe ihn nach seinen Einschätzungen zum China-Boom an den Achttausendern gefragt.

Mingma, du leitest auch in diesem Frühjahr eine Expedition zum Mount Everest. Werden auch diesmal chinesische Bergsteiger zu deinem Team gehörten?

Mingma Gyalje Sherpa

Ja, ich werde ein Team am Everest haben, das aus chinesischen, anderen asiatischen und europäischen Ländern kommt. Aber für die Zukunft sehe ich eher schwarz. In den vergangenen beiden Jahren sind in China, Nepal und anderen Ländern viele neue Reiseanbieter dazugekommen, die sich speziell an chinesische Kunden richten und diesen riskanten Job zu sehr niedrigen Preisen und mit wenig Dienstleistung anbieten. Große Berge zu besteigen, ist kein Witz, hier geht es um das Leben von Menschen. Es erfordert Hingabe sowie gute und qualifizierte Arbeitskräfte, um einen sicheren Aufstieg zu ermöglichen. Ich möchte diese Dienstleistung nicht zu einem günstigen Preis anbieten, indem ich unerfahrenes Personal mitnehme, das mich und meine Kunden in Schwierigkeiten bringt.

Es fällt auf, dass die Zahl der chinesischen Kunden bei kommerziellen 8000er-Expeditionen in den vergangenen Jahren drastisch zugenommen hat. Worin siehst du die Gründe?

Mount Everest (l.)

Derzeit ist China der größte Markt für Nepal. Das gilt auch für Pakistan, die Seven Summits und viele anderen Klettereien überall auf der Welt. Ich denke, es ist nur ein Trend. Es gab auch eine Zeit, in der überall polnische Kletterer auftauchten, dann kamen die Japaner, die Russen, die Koreaner. Heute sehen wir im Himalaya nur noch selten polnische, koreanische, japanische oder russische Expeditionen. Aktuell sind die Chinesen wirklich auf jedem Berg. Aber in vier bis sechs Jahren wird die Zahl wahrscheinlich wieder sinken, dann kommen wieder Bergsteiger aus einem anderen Land.

Die sozialen Medien, das Fernsehen und die Zeitungen vermitteln das Glücksgefühl beim Klettern, schöne Landschaften, Menschen, die mit Schnee spielen, Bergsteiger, die sich mit ihrem Sport einen Namen machen und berühmt werden. Das schafft eine Art Neid, und die Zahl der Amateurbergsteiger nimmt zu. Wenn dieselben Medien zeigen würden, wie sich Menschen verausgaben, um sich einen großen Namen zu machen und Ruhm zu erwerben, wie sie ihre Lebenszeit und ihr Geld am Berg verschwenden, was mit den Familien geschieht, wenn eines ihrer Mitglieder am Berg stirbt, dann würde das Ganze nicht so zunehmen. Ein weiterer Grund für die drastische Steigerung ist das Sponsoring. Doch das wird in Zukunft nachlassen. Die meisten Marken werden kein Geld mehr für Sponsoring ausgeben, um ihr Banner immer und immer wieder auf den Gipfel des Everest tragen zu lassen.

Unterscheiden sich nach deiner Erfahrung chinesische Kunden in ihrer Bergsteiger-Mentalität von jenen aus anderen Ländern?

Basislager auf der nepalesischen Südseite des Everest

Ich arbeite schon seit fünf Jahren mit chinesischen Bergsteigern. Ich habe das Gefühl, dass die meisten von ihnen in großer Höhe körperlich sehr gut drauf sind, was mich überrascht. Sie benötigen häufig nicht so viel Zeit zur Akklimatisierung wie Bergsteiger aus anderen asiatischen Ländern. Ein Problem bei der Arbeit mit Chinesen besteht jedoch in der Sprache, denn nur wenige können Englisch sprechen. Mental sind sie einsichtig und sehr engagiert, bei dem was sie tun. Bevor sie zum Everest kommen, absolvieren sie Kurse für Eis- und Felsklettern und gehen an Sechs-, Sieben- und Achttausender.

Wie sieht es mit ihren bergsteigerischen Fähigkeiten aus?

Ich habe einige chinesische Freunde, die zu den Besten gehören und die ich um ihre Kletterkünste beneide. Aber die meisten Bergsteiger im Himalaya träumen nur davon, den Everest zu besteigen. Danach verabschieden sie sich wieder vom Bergsteigen. Ein positiver Trend in China ist, dass die Everest-Träumer erst einmal mit einem Sechstausender beginnen, dann gehen sie zum 7546 Meter hohen Mustagh Ata im Westen Chinas, anschließend zum Manaslu und schließlich zum Everest. Fast 90 Prozent der Chinesen, die den Manaslu besteigen, siehst du in einem, zwei oder drei Jahren am Everest wieder. Deshalb arbeite ich ganz gerne mit Chinesen zusammen.

Westliche Veranstalter berichten, dass viele chinesische Bergsteiger bereits in niedrigen Höhen zur Sauerstoffflasche greifen. Hast du das auch beobachtet?

Das kann man zwar nicht verallgemeinern. Aber ja, es gibt Chinesen, die schon auf 6000 Metern zu Sauerstoff greifen, um möglichst schnell aufzusteigen und dann wieder in ihren geschäftigen Lebensalltag zurückzukehren.

Existiert eigentlich in China eine Bergsteigerszene, in der man sich kennt und Ideen und Erfahrungen austauscht?

Ja, definitiv.

Gibt es in China auch Profibergsteiger wie in westlichen Ländern?

Ich kann nur sagen, dass es einige chinesische Kletterer gibt, die zu den besten der Welt gehören.  

Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Was ist aus deinem Traum geworden, den Everest ohne Flaschensauerstoff zu besteigen?  

Mingma auf dem Gipfel des K 2 (2017)

Den Everest ohne Sauerstoff zu besteigen, ist keine große Sache, wenn ich alleine unterwegs bin. Aber Jahr für Jahr nehme ich eben ein Team mit, um das ich mich kümmern muss. Bei allen meinen Everest-Aufstiegen habe ich jeweils nur eine Sauerstoffflasche benutzt. In jedem Jahr gibt es irgendein Problem am Everest, und um das Leben unserer Kunden nicht zu gefährden, müssen wir dann schnell handeln. Ich werde meinen Everest ohne Sauerstoff 2020 angehen, vielleicht wird das meine letzte Everest-Besteigung sein.