Pakistanischer Vater will mit Zwölfjähriger auf den Achttausender Broad Peak

Selena Khawaja
Selena Khawaja

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Kinder gehören nicht auf Achttausender. Und das meine ich ohne Wenn und Aber. Ich habe fünf Kinder großgezogen – und dies nicht im Stile eines übervorsichtigen „Helikopter“-Vaters, der seine Sprösslinge immer in dicke Watte packt. Aber ich frage mich: Wie nur können Eltern ihre Kinder bewusst der Todesgefahr an einem Achttausender aussetzen? Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Und so schüttle ich auch jetzt wieder den Kopf.

Die erst zwölf Jahre alte Pakistanerin Selena Khawaja ist gemeinsam mit ihrem Vater auf dem Weg zum Broad Peak. In diesem Sommer wollen sie den 8051 Meter hohen Berg im Karakorum besteigen. Sollte Selena den höchsten Punkt erreichen, wäre sie der jüngste Mensch, der jemals auf einem Achttausender stand.

Mit zehn Jahren auf einem Siebentausender

Das Mädchen lebt mit ihrem 61 Jahre alten, alleinerziehenden Vater in der pakistanischen Stadt Abbottabad, auf rund 1250 Metern Meereshöhe, 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Islamabad. Als sie sechs Jahre alt war, nahm ihr Vater sie erstmals mit in die Berge, mit acht begann sie zu klettern. „Sie war erstaunlich gut im Bergsteigen“, erinnert sich Yousaf Khawaja. „Als sie den Miranjani (einen knapp 3.000 Meter hohen Berg nahe Abbottabad) in kurzer Zeit hinauf- und wieder abstieg, erkannte ich, dass sie das Potenzial hatte, eine große Bereicherung für das Land zu werden.“

Mit neun bestieg Selena den 5765 Meter hohen Quz Sar Peak. 2019 stand sie als Zehnjährige auf dem 7027 Meter hohen Spantik im Karakorum. „Ich liebe es, Berge zu besteigen. Ich kann die Freude nicht erklären, die ich empfinde, wenn ich auf dem Gipfel bin. Es ist, als würde man die Welt beherrschen“, sagte Selena damals.

Nach dem Broad Peak auf den Everest?

Selena und Yousaf Khawaja
Vater mit Tochter am Gipfel (2018)

Die pakistanischen Medien feiern sie seitdem als „Mountain Princess“ (Prinzessin der Berge). Geht es nach Yousaf Khawaja, wird Selena nach dem Broad Peak auch auf den Mount Everest besteigen: im Frühjahr 2022. „Damit werden wir einen weiteren Rekord nach Hause bringen: Selena als jüngster Mensch, der jemals den Everest bestiegen hat, und ich als ältester pakistanischer Vater“, sagte er schon vor zwei Jahren, nach der Besteigung des Siebentausenders Spantik. Die Finanzierung sei das einzige Hindernis, schob er jetzt nach.

Mit dieser Einschätzung liegt er falsch, es gibt noch ein anderes Hindernis: In Nepal gilt bereits seit 2002 – anders als in Pakistan – für Expeditionen ein Mindestalter von 16 Jahren. Auch die chinesisch-tibetischen Behörden erklärten im Jahr 2010, dass sie künftig keine Everest-Permits mehr an Personen unter 18 Jahren ausgeben würden. 2014 machten sie allerdings eine Ausnahme: für die Inderin Malavath Poorna. Sie wurde mit 13 Jahren und elf Monaten das jüngste Mädchen, das jemals den höchsten Punkt der Erde erreichte.

Tyler Armstrong wollte 2016 auf den Everest, durfte aber nicht

Sie war nur einen Monat älter als 2010 der US-Amerikaner Jordan Romero, der ebenfalls über die Nordseite aufgestiegen war und nach wie vor als jüngster Mensch auf dem Everest in den Rekordlisten steht. 2016 wollte der zwölfjährige Tyler Armstrong aus USA den höchsten Berg der Erde besteigen. Die Chinesen verweigerten ihm das Permit.

Keine Erfahrungswerte für Höhenkrankheit bei Kindern

Die Altersbeschränkungen in Nepal und Tibet seien sinnvoll, sagt Ulf Gieseler. Der Internist und Kardiologe aus Heidelberg ist selbst Bergsteiger und Expeditionsarzt und engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin (BExMed). „Die Reaktion auf die Höhe ist nicht vorhersagbar. Kinder haben öfter Infekte als Erwachsene. Und wir wissen, dass Infekte in der Höhe schwerer abheilen und ein zusätzliches Risiko für ein Höhenlungenödem sind“, schreibt mir Gieseler.

Broad Peak

„Höhenerkrankungen bei Kindern einzuschätzen, ist für medizinische Laien sehr schwierig. Wie damit umgehen, welche Medikamente und in welcher Dosierung, wenn sie nötig wären? Da gibt es kaum Erfahrungen, da Kinder in solchen Höhen kaum anzutreffen sind.“ Zudem sei die Psyche von Kindern nicht vergleichbar mit jener von Erwachsenen. „Bei Sturm, Kälte und der Ausgesetztheit am Gipfelgrat kommt ein Kind schnell an seine Grenzen.“

Herz, Lunge und Muskeln noch im Wachstum

Auf einen Viertausender in den Alpen, so Gieseler, könne man Kinder ab etwa 14 Jahren mitnehmen – aber nur, wenn die An- und Abstiege „nicht zu schwer und lang“ seien: „Mehrere Wochen in großen Höhen bis 8000 Meter sind aus meiner Sicht abzulehnen, denn die Muskulatur, das Herz und die Lunge befinden sich noch in der Wachstumsphase.“

Auch der Weltverband der Bergsteiger und Kletterer (UIAA) warnt davor, Kinder zu großen Höhen auszusetzen. Die medizinische Kommission der UIAA empfiehlt den Erwachsenen, sich zwei Fragen zu stellen: „Werden sich die Kinder dort wohl fühlen? Dient der Trip eher dem Ego der Eltern auf Kosten der Bedürfnisse des Kindes?“