Steve Swenson nach Erstbesteigung des Link Sar: „Vielleicht mein Schwanengesang“

Link Sar

Ordnung auf meinem Schreibtisch, auch dem digitalen, gehört wahrlich nicht zu meinen Stärken. Meist quillt mein Desktop über von verwendeten Bildern und Dokumenten – bis ich irgendwann den Überblick verliere und endlich den digitalen Papierkorb fülle. Zu einem „Ladenhüter“  auf meinem Bildschirm schien sich das nebenstehende Bild des Link Sar von Steve Swenson zu entwickeln. Zwei Jahre lang lag es unbenutzt da. Allerdings nicht wie bei den meisten anderen Dateien wegen meiner Schludrigkeit, sondern weil ich fest davon überzeugt war, dass ich es noch brauche würde. Jetzt ist es soweit. Den US-Amerikanern Swenson, Mark Richey, Graham Zimmerman und Chris Wright gelang in diesem Sommer die Erstbesteigung des technisch extrem schwierigen 7041 Meter hohen Link Sar im Norden Pakistans.

Neun Tage in der Wand

Chris Wright in einer Mixed-Passage

Das Team um Expeditionsleiter Graham Zimmerman stieg Anfang August im Alpinstil durch die Südostwand auf den Gipfel. Das Quartett benötigte für den Aufstieg vom vorgeschobenen Basislager auf 4600 Metern zum Gipfel sechs Tage und anschließend noch einmal drei Tage für den Abstieg. Karakorum-Routinier Steve Swenson beschrieb die Route als „eine der schwierigsten, die ich jemals geklettert habe“. Was sie so schwierig gemacht habe, wollte ich von dem 65-Jährigen wissen.  „Vom Basislager bis zum Gipfel waren es 3400 Meter“, antwortet Steve, „und oberhalb von 5000 Metern war das Klettern steil, technisch anspruchsvolles Mixed-, Eis-, Schneeklettern auf sehr komplexem Gelände.“

Besseres Essen, bessere Taktik, besseres Wetter

Zahlreiche Expeditionen zuvor waren am Link Sar erfolglos geblieben. 2015 gelang den Briten Jon Griffith und Andy Houseman die Erstbesteigung des 6934 Meter hohen Westgipfels, den Hauptgipfel erreichten jedoch auch sie nicht.

Richey, Swenson und Wright (v.l.n.r.) in einer Schneehöhle

Steve Swenson hatte sich 2001 erstmals am Link Sar versucht (mit George Lowe, Joe Terrevecia, Steve Larson, Andy Tuthill und Eric Winkelman), war damals aber ebenso am schlechten Wetter gescheitert  wie bei seinem nächsten Anlauf 2017 zusammen mit Graham Zimmerman und Chris Wright.

Der Schlüssel zum jetzigen Erfolg sei das „solidere vorgeschobene Basislager auf 4600 Metern“ gewesen, schreibt mir Steve. Die meiste Zeit über habe ihr Koch dort für besseres Essen gesorgt. „Vom Basislager auf 3500 Metern war der Weg einfach zu weit und hätte für die Wetterfenster, die uns zur Verfügung standen, zu viel Zeit in Anspruch genommen. Außerdem hatten wir 2019 einfach besseres Wetter als 2017.“

Kandidaten für nächsten Piolet d’Or

Steve ist mit allen Wassern des Karakorum gewaschen. Mehr als  30 Expeditionen liegen hinter ihm. So bestieg er 1990 ohne Flaschensauerstoff den K2,  über den Nordgrat auf der chinesischen Seite des Bergs. Für die Erstbesteigung des 7518 Meter hohen Saser Kangri II im Jahr 2011 wurden Swenson, Mark Richey und Freddie Wilkinson mit dem Piolet d’Or ausgezeichnet, dem „Oscar der Bergsteiger“. Der dürfte ihm und seinen Mitstreitern nun für den Coup am Link Sar erneut winken.

Gefühl für richtige Strategie

Steve Swenson

Swenson und der inzwischen 61 Jahre alte Richey waren neben dem deutlich jüngeren Expeditionsleiter Zimmerman (33 Jahre) und Wright (36 Jahre) die „Oldies“ im erfolgreichen Link-Sar-Team. Ich habe Steve nach seinem Geheimnis gefragt, wie er es schafft, in einem Alter, in dem sich andere zur Ruhe setzen, weiter sportliche Höchstleistungen am Berg zu bringen. „Ich habe das Glück, dass ich mit 65 Jahren so gute junge Partner habe, die mich immer noch gerne mitnehmen“, antwortet Swenson. „Aufgrund meiner langjährigen Erfahrung kann ich eine Menge dazu beitragen, die richtige Strategie zu entwickeln, den Berg zu besteigen. Aber die harte Führungsarbeit erledigen die jungen Kerle.“ Er trainiere weiter hart, sagt Steve. „Aber vielleicht wird der Link Sar zu meinem Schwanengesang für so große und schwierige Klettereien“.

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