Weiter Wirbel um Schummel-Rettungsflüge in Nepal

Rettungshubschrauber am Everest-Basislager

Der Skandal um angeblich getürkte Rettungsflüge in Nepal schlägt weiter Wellen. Ein Ultimatum des irischen Unternehmens Traveller Assist, das mehrere internationale Reiseversicherungsunter-nehmen vertritt, sorgte für helle Aufregung bei der Regierung in Kathmandu. In einem offenen Brief hatte Traveller Assist angekündigt, dass die von ihnen vertretenen Versicherungen vom 15. Februar an keine Policen mehr für Nepal-Reisen ausstellen würden, falls die Regierung nicht unverzüglich rechtliche Schritte gegen die in den Skandal verwickelten elf Firmen aus der Trekkingbranche und vier Krankenhäuser einleite. Nach einer Krisensitzung der Regierung verwahrte sich Tourismusminister Rabindra Adhikari. „Wir tun alles, um den Versicherungsbetrug niederzuschlagen“, sagte Adhikari der Zeitung „Nepali Times“ und verwies darauf, dass im vergangenen Jahr neue Regeln verfügt und eine Kommission eingesetzt worden seien, um dem illegalen Treiben ein Ende zu setzen. „Danach ist die Zahl der Hubschrauber-Rettungseinsätze gesunken, vor allem der unnötigen. Wir sind deshalb besorgt über die fortdauernden undichten Stellen gegenüber der internationalen Presse und den drohenden Ton dieses Briefs.“

Unterschiedliche Zahlen

Rettungshubschrauber über dem Khumbu-Eisbruch (2014)

Die Regierung kündigte neben einer zügigen Bestrafung der Betrüger auch eine Untersuchung gegen Traveller Assist an. Zudem legte das Tourismusministerium eine Statistik vor, nach der es nach 1532 Rettungsflügen im Frühjahr 2018 im Herbst nur noch 186 gegeben habe. Traveller Assist widersprach umgehend via Twitter: Über 1600 Rettungseinsätze seien in der vergangenen Trekking- und Expeditionssaison im Herbst registriert worden, von denen man selbst 94 abgewickelt habe. Aus Regierungskreisen verlautet, dass die Vorwürfe von Traveller Assist nicht ganz aus der Luft gegriffen seien. Verschiedene Ministerien schöben sich gegenseitig die Verantwortung zu, den Skandal aufzuarbeiten und die Schuldigen zu bestrafen.

Backpulver ins Essen gemischt

Nach der Frühjahrssaison 2018 war ein massiver Versicherungsbetrug aufgedeckt worden. Über Jahre sollen Guides Bergsteiger und Trekkingtouristen schon beim kleinsten Unwohlsein gedrängt haben, in den Rettungshubschrauber zu steigen und sich zur Behandlung zurück nach Kathmandu fliegen zu lassen. Einzelne Bergführer hatten nach Erkenntnissen der Regierung ihren Kunden sogar Backpulver ins Essen gemischt, damit diese Durchfall bekamen und sich anschließend ausfliegen ließen. Die Flüge wurden anschließend als Rettungseinsätze mit den Versicherungen abgerechnet. Helikopter wurden mit Touristen vollgepackt, diese Flüge als Rettungseinsätze für einzelne Trekker oder Bergsteiger mehrfach abgerechnet. Guides und auch Besitzer von Lodges sollen für Rettungsflüge Provisionen kassiert haben.

Bisher nicht eine Anklage

Travel Assist gab an, dass es bei 35 Prozent der Rettungsflüge zwischen Januar und August 2018 nicht mit rechten Dingen zugegangen sei. Den Versicherungen sei damit ein Schaden von rund vier Millionen Dollar entstanden. „Nicht eine einzige Anklage wurde erhoben“, heißt es in dem Brief von Jonathan Bancroft, Geschäftsführer von Travel Assist an die Regierung. Auch im Herbst sei wieder bei rund 15 Prozent der Flüge betrogen worden.

Die Versicherungen, die von Travel Assist vertreten werden, stellen angeblich alljährlich ingesamt rund 100.000 Reise-Policen für Nepal aus. Im vergangenen Jahr besuchten mehr als eine Million Touristen den Himalayastaat. „Wenn unsere Kunden keine Reiseversicherungen mehr für Nepal erteilen, werden bald auch andere Versicherer nachziehen. Das hätte eine verheerende Wirkung auf die Tourismusindustrie Nepals und den Ruf Ihres Landes“, schreibt Bancroft an die Regierung. Für die kommen die Vorwürfe zur Unzeit, hat sie doch erst unlängst eine umfangreiche Werbekampagne für Urlaubsreisen nach Nepal („Visit Nepal 2020“) angestoßen.

Unter Beobachtung

Auch die deutschen Reiseversicherer beobachten die Entwicklung. Ich habe bei der Europäischen Reiseversicherung (ERV) nachgefragt, die mit deutschen Anbietern von Expeditionen und Trekkingsreisen zusammenarbeit, z.B. dem DAV Summit Club oder Amical alpin. „Wir können derzeit keine Betrugsfälle mehr feststellen“, schreibt mir die Versicherung. „Bei der ERV sind Reisen nach Nepal nach wie vor abgesichert. Wir werden die Problematik aber weiterhin genau beobachten.“