Coronavirus in großer Höhe – ein „weißer Fleck“

Stupa Boudhanath in Kathmandu

Auch Nepal schottet sich wegen der Corona-Krise ab. Im ganzen Land wurde für zunächst eine Woche die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Vor die Tür darf seit heute nur noch, wer unbedingt zur Arbeit, einkaufen oder einen Arzt aufsuchen muss. Die Grenzen nach Indien und China bleiben geschlossen, nur Warentransporte dürfen passieren. Der Luftraum über Nepal ist für internationale und Inlandsflüge gesperrt. Eine Ausnahme gilt für Flugzeuge der Sicherheitskräfte.

Eine vergleichbare Ausgangssperre war am Montag auch in der pakistanischen Provinz Gilgit-Pakistan in Kraft getreten, um eine schnelle Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern. In der Provinz liegen alle fünf Achttausender Pakistans – in Nepal weitere acht der 14 höchsten Berge der Welt, von denen zwei (Mount Everest und Cho Oyu) eine tibetische und einer (Kangchendzönga) eine indische Seite haben. Die Shishapangma liegt komplett in Tibet.

Die Bergregionen haben gemeinsam, dass die medizinische Infrastruktur dort unterentwickelt ist. Dass Corona-Tests wirklich bis in die entlegenen Täler des Himalaya und des Karakorum vordringen, erscheint eher unwahrscheinlich. Schwer erkrankte Menschen müssten in die größeren Städte transportiert werden, um dort intensivmedizinisch betreut werden zu können.

Chronische Bronchitis als Risikofaktor

Das Dorf Thame im Khumbu-Gebiet

Ich habe mich gefragt, ob das Coronavirus in Regionen sehr großer Höhe möglicherweise ein „leichteres Spiel“ hat, weil der Organismus durch die dünne Luft ohnehin stark beansprucht ist. „Darüber weiss niemand weltweit etwas. Es liegen keine Daten vor“, antwortet mir Professor Thomas Küpper, ein international renommierter Höhenmediziner von der Universität Aachen. „Die Einheimischen in großer Höhe sind wenn überhaupt, dann indirekt gefährdet: Wegen der Lebensumstände – Holzfeuer in den Häusern, daher besonders Frauen betroffen – haben die meisten eine COPD (chronische obstruktive Lungenerkrankung), und diese ist ein Risikofaktor bei Corona.“

Auf die höhere Anfälligkeit der lokalen Bevölkerung für chronische Bronchitis, verstärkt durch die kalte, trockene Luft in großer Höhe, weist auch Dr. Ulf Gieseler hin. Der Internist und Kardiologe aus Heidelberg ist selbst Bergsteiger und Expeditionsarzt und engagiert sich in der Deutschen Gesellschaft für Berg- und Expeditionsmedizin (BExMed).

„Sperrung sinnvoll“

Trekking in Nepal (hier im Dolpo)

Gieseler warnt Bergfreunde davor, die Pandemie auf die leichte Schulter zu nehmen. „Mit einer Coronainfektion auf Trekking oder Expedition zu fahren, weil man vorher halt noch symptomlos war, wäre für den Betroffenen und das Basislager fatal. In der Höhe heilen selbst banale Infekte wie Schnupfen, Husten oder Bronchitis und Durchfall nur sehr schwer aus, wenn überhaupt“, schreibt mir der Arzt. „Höhenbergsteigen geht immer mit einer Abnahme der Immunabwehr des Körpers einher. Ich denke, eine Coronavirus-Infektion würde in der Höhe oft einen tödlichen Verlauf nehmen. Daher ist die Sperrung der Gebiete für Trekkings und Expeditionen sehr sinnvoll.“

Gehören Bergsteiger oder Wanderer, die in großer Höhe schon einmal an einem lebensbedrohlichen Höhenlungenödem (HAPE) litten, zur Corona-Risikogruppe? „Wenn ein HAPE ganz ausgeheilt ist, was üblicherweise der Fall ist, dann besteht eigentlich kein Grund, ein erhöhtes Corona-Risiko anzunehmen“, antwortet Professor Küppers. Dieser Meinung ist auch Dr. Gieseler. „Zumindest sehe ich da heute keinen Zusammenhang. Aber dazu gibt es natürlich bisher keinerlei Daten.“ Noch ist das neuartige Coronavirus auch in der Höhenmedizin ein weitgehend weißer Fleck. 

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