Simone Moro: „Das Coronavirus ist wie russisches Roulette“

Simone Moro
Simone Moro

Mal überfällt er seine Opfer, mal schleicht er sich an – der Tod hat viele Gesichter. Im Januar sprang ihm der italienische Bergsteiger Simone Moro gerade noch von der Schippe. Am Achttausender Gasherbrum I in Pakistan stürzte der 52-Jährige 20 Meter tief in eine Gletscherspalte. Seine Partnerin Tamara Lunger aus Südtirol konnte den Sturz mit dem Seil bremsen. Nach zwei Stunden kroch Simone wieder über den Spaltenrand. Beide zogen sich leichte Verletzungen zu, beendeten ihre Winterexpedition und kehrten nach Italien zurück.

Was Moro in seiner Heimatstadt Bergamo in diesem März erwarten würde, konnte er da noch nicht ahnen. Bergamo steht aktuell weltweit stellvertretend für die tödliche Gefahr durch das Coronavirus: In der Provinz um die norditalienische Stadt sterben derzeit täglich zwischen 100 und 120 Menschen an dem Covid-19-Virus. Simone hält sich in Südtirol auf, wo er meine Fragen beantwortet hat.

Simone, die wichtigste Frage in diesen Tagen des Coronavirus zuerst: Wie geht es dir?

Sehr gut, danke. Ich bin derzeit in Auer (15 Kilometer südlich der Stadt Bozen) mit meinem Sohn Jonas und seiner Mutter Barbara. In Bergamo halten sich meine Mutter, mein Bruder, seine beiden Söhne und seine Frau auf. Alle sind wohlauf. Aber ich habe einige Freunde verloren, und andere kämpfen zwischen Leben und Tod.

Du stammst aus der norditalienischen Stadt Bergamo, die von der Corona-Pandemie besonders hart getroffen wurde. Wie hast du die Situation dort erlebt?

Tamara Lunger (l.) und Simone Moro vor ihrem Aufbruch in den Eisbruch am Gasherbrum I

Auch wenn es seltsam klingt, ich bin nicht der Typ, der gerne Leute und Freunde trifft und ein intensives öffentliches Leben führt. Wenn ich Vorträge oder Interviews gebe, treffe ich natürlich Leute, aber ich bin eher ein Einzelgänger.

Das Coronavirus ist wie russisches Roulette, du musst das Glück haben, dem Schuss zu entgehen. Bisher hatten wir dieses Glück. Wir versuchen, in der Nähe des Hauses und weit weg von anderen Personen zu bleiben.

Bergsteiger sind es gewohnt, sehr viel draußen zu sein. Wie ist es für dich, nicht an die frische Luft gehen zu dürfen?

Die Notfallvorschriften erlaubten Profisportlern, alleine draußen zu trainieren. Theoretisch könnte ich also weiter in die Berge gehen. Aber ich mache es nicht, weil ich vermeiden will, andere in die Flucht zu drängen. Ich laufe lediglich zweimal pro Woche auf leichtem Gelände, die übrige Zeit verbringe ich mit Training zu Hause. Klimmzüge, Liegestütze, Bauchmuskel- und Dehnübungen, und so weiter. Ich trainiere drinnen mindestens drei Stunden pro Tag und achte auf meine Ernährung, damit ich auch nicht ein Gramm Körpergewicht zunehme. Da bin ich ziemlich rigoros. Ich bin es gewohnt, drinnen zu trainieren, also ist es für mich kein großes Problem.

In Nepal wurde die Frühjahrs-Klettersaison abgesagt. Und ob die Sommersaison in Pakistan stattfinden kann, steht noch in den Sternen. Welchen Rat kannst du als jemand, der seit einigen Wochen im Corona-Ausnahmezustand lebt, den Menschen im Himalaya und Karakorum geben?

Zweimal in der Woche Lauftraining

Nun, es scheint sicher, dass auch Alaska geschlossen wird, im Karakorum dasselbe, Nepal ist bereits zu, und wahrscheinlich werden bald auch andere Gebirgsketten dicht gemacht. Mein Rat ist, sich fit zu halten, sehr fit, und die eigenen Berge zu besteigen, bis sich die Situation verbessert. Jedes Land wird seine eigene (Corona-) Zeit haben, und jeder wird wahrscheinlich gezwungen sein, 2020 im eigenen Land zu bleiben.

Welche Lehren hast du persönlich aus der Corona-Krise gezogen?

Wenn man berücksichtigt, dass ich mich hauptsächlich auf Winterbesteigungen konzentriere, sollte es eigentlich auf der Hand liegen, dass ich gewohnt bin, zu warten, wochen- und monatelang im Zelt zu bleiben und schwierige Situationen zu bewältigen. Ich mag also die Einsamkeit und bin in der Lage zu warten. Hier ist alles bequemer (als auf Expeditionen), und ich kann drinnen an meiner Kletterwand und im Gelände viel trainieren. Ich arbeite auch an meinem neuen Buch und plane die Zukunft, nicht nur die Klettereien.

P.S.: Der am Coronavirus erkrankte Turiner Bergsteiger Cala Cimenti ist erfreulicherweise auf dem Weg der Besserung. „Mir geht es viel besser, seit vier Tagen habe ich kein Fieber mehr, und die Lungenbeschwerden verschwinden Tag für Tag“, schrieb der 44-Jährige gestern auf Facebook. „Ich würde sagen (Daumen drücken), dass der schwierigste Teil überwunden ist.“

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