Dawa Yangzum Sherpa: „Viele Bergsteigerinnen aus Nepal tauchen nach dem Everest wieder ab“

Dawa Yangzum Sherpa hat bereits drei Achttausender bestiegen

Am heutigen Sonntag ist Weltfrauentag. Auch in Nepal. Im Höhenbergsteigen haben nepalesische Frauen weiterhin einen schweren Stand. Die gebürtige Nepalesin Lhakpa Sherpa, die in den USA lebt, steht mit neun Gipfelerfolgen als erfolgreichste Frau am Mount Everest im Guinness-Buch der Rekorde. In diesem Frühjahr will sie von der nepalesischen Südseite aus zum zehnten Mal den Gipfel erreichen. Doch auch die 46-Jährige hat es schwer, Sponsoren zu finden. Um ihr Projekt finanzieren zu können, hat Lhakpa eine Crowdfunding-Aktion gestartet.

Seitdem Pasang Lhamu Sherpa am 22. April 1993 als erste Nepalesin den Gipfel des Everest erreichte (sie starb beim Abstieg am 8749 Meter hohen Südgipfel), gingen nach Angaben der Bergchronik Himalayan Database 66 Besteigungen auf das Konto von Frauen aus Nepal – die Hälfte davon in den vergangenen vier Jahren.

Erste Frau aus Nepal auf dem Makalu

Die 29 Jahre alte Dawa Yangzum Sherpa gehört aktuell zu den bekanntesten Bergsteigerinnen des Himalayastaates. 2012 bestieg sie den Everest von der tibetischen Nordseite aus. 2014 erreichte sie mit ihren Landsfrauen Maya Sherpa und Pasang Lhamu Sherpa Akita den Gipfel des K2. Sie waren die ersten Nepalesinnen auf dem zweithöchsten Berg der Erde. Vor wenigen Tagen präsentierten sie in Nepal das Kinderbuch „Daring to Dream“ (Trau dich zu träumen), das die Geschichte ihres K2-Erfolgs erzählt.

2019 stieg Dawa Yangzum am Everest als Bergführerin einer US-Wissenschaftsexpedition, bei der unter anderem Wetter-Messstationen auf der Route installiert wurden, bis auf eine Höhe von 8450 Metern auf. Sechs Tage später stand sie als erste Frau aus Nepal auf dem Gipfel des Achttausenders Makalu.

Sie lebt in Boulder in den USA und arbeitet für den Expeditionsveranstalter Alpine Ascents International.

Dawa Yangzum, in den vergangenen Jahren ist die Zahl nepalesischer Bergsteigerinnen gestiegen, die sich am Mount Everest versuchten.  Ist das bereits ein Zeichen dafür, dass Frauen im nepalesischen Bergsport eine zunehmende wichtigere Rolle spielen?

Dawa Yangzum Sherpa (Mitte) mit Maya Sherpa (r.) und Pasang Lhamu Sherpa Akita (l.)

Es scheint wirklich so, als steige die Zahl nepalesischer Bergsteigerinnen am Everest stark an. Aber danach tauchen die meisten von ihnen auch wieder ab. Es scheint so, als täten sie es nur für einen Eintrag in ihrem Lebenslauf. Für andere Berge reicht es dann nicht mehr.

Werden Frauen deiner Erfahrung nach inzwischen in der Expeditionsszene als gleichberechtigt und gleichwertig behandelt?

Ich fühle mich respektiert und gleichberechtigt, vielleicht auch, weil ich eine Sherpani bin und in einem anderen Land arbeite. In Nepal wirst du als Frau nicht immer so gut und gleichwertig behandelt. Manchmal fand ich es schon ziemlich hart, zwischen so vielen Männern.

Welche sind die Haupthindernisse für Frauen in Nepal, sich im Bergsport zu engagieren?

In Namche Bazaar mit Blick auf Mount Everest (Mitte) und Lhotse (r.)

Ich denke, wenn Frauen in Nepal in den Bergsport wollen, brauchen sie vor allem die Unterstützung ihrer Familie. Wir leben in Gemeinschaften und einer Gesellschaft, in denen viele beurteilen, was wir tun. Das schreckt viele Frauen ab.

Du hast im Januar im Khumbu einen Kletterkurs für junge Nepalesinnen geleitet. Hast du dabei so etwas wie eine Aufbruchstimmung unter den Teilnehmerinnen gespürt?

Ich dachte immer, als Mentorin müsste ich nur eine Hürde überwinden: ihnen die technischen Fertigkeiten des Kletterns und Bergführens beizubringen. Doch mir wurde klar, dass dies die leichteste Hürde war. Die höheren waren psychologischer, emotionaler und kultureller Natur.

Dawa Yangzum Sherpa (oben, 3.v.l.) mit den Teilnehmerinnen des Kletterkurses

Nachdem wir zwei Wochen zusammen verbracht hatten, war ich froh zu sehen, dass sie nicht nur technisch sicher in den Bergen geworden waren, sondern – viel wichtiger – sich auch psychologisch und emotional weiterentwickelt hatten. Sie waren keine schüchternen und ängstlichen kleinen Mädchen mehr, sondern junge und selbstbewusste Frauen, die bereit zu sein schienen, auch andere Abenteuer im Leben zu bestehen. Diese Veränderung hatte ich so nicht erwartet. Ich habe das Gefühl, dass dies das lohnendste Ergebnis meiner Bemühungen ist. Und ich fühlte mich wirklich gesegnet, dass mir diese Gelegenheit geboten wurde.

Was ist dein nächstes Projekt?

Ich werde zum dritten Mal am Everest als Bergführerin arbeiten – und das liebe ich.

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