Heute vor 70 Jahren: Hermann Buhl gelingt die Erstbesteigung des Nanga Parbat

Hermann Buhl im Jahr 1953
Hermann Buhl im Jahr 1953

Hermann Buhl ist ein Dickkopf. Es schert ihn in diesen ersten Juli-Tagen 1953 nicht, dass unten im Nanga-Parbat-Basislager der Expeditionsleiter Karl Maria Herrligkoffer mehrfach zur Umkehr bläst. Der Deutsche mag ja als Geldbeschaffer und Organisator von Expeditionen taugen, aber nicht als Bergsteiger.

Im Gegensatz zu Buhl, der mit 28 Jahren in Topform ist: 1952 hat der Österreicher in den Alpen die Nordostwand des Piz Badile als Erster im Alleingang durchstiegen, im Februar die Watzmann-Ostwand, ebenfalls solo und im Winter. Und jetzt sieht er eine gute Chance, dem Nanga Parbat aufs Haupt zu steigen, diesem Achttausender in Pakistan, den die Nazis zum „deutschen Schicksalsberg“ er- und verklärt hatten.

1225 Höhenmeter und über sechs Kilometer Distanz liegen noch zwischen dem höchsten Lager und dem Gipfel. Als sein Zeltpartner Otto Kempter nicht zur vereinbarten Zeit zum Aufbruch bereit ist, stapft Buhl alleine los – ohne Flaschensauerstoff. „Es ist sternenklar, die Mondsichel leuchtet herunter und wirft silbernes Licht auf den vor mir aufstrebenden Grat, es ist windstill, doch klar“, schreibt Buhl später.

Biwak im Stehen

Rakhiot-Flanke des Nanga Parbat
Die Rakhiot-Flanke des Nanga Parbat – Buhl stieg von links über das „Silberplateau“ auf

Er erwartet, dass sein Gefährte zu ihm aufschließen wird, registriert dann aber, dass Kempter aufgibt. Buhl weiß nun, dass er es nur allein oder gar nicht schaffen wird. Immer weiter steigt er auf, ignoriert einfach, dass seine Kräfte schwinden. Der pure Wille treibt ihn hinauf.

In den frühen Abendstunden des 3. Juli 1953 erreicht Buhl schließlich den höchsten Punkt auf 8125 Metern. „Ich bin mir der Bedeutung des Augenblicks nicht bewusst, fühle auch nichts von Siegesfreude, komme mir gar nicht als Sieger vor. Ich bin nur froh, dass ich heroben bin und all diese Strapazen vorläufig ein Ende haben.“

Doch da täuscht sich Buhl. Das eigentliche Martyrium steht ihm noch beovr. Auf einem kleinen Felsvorsprung stehend verbringt er die Nacht. Buhl schluckt Tabletten gegen Erfrierungen und das Aufputschmittel Pervitin, um nicht einzuschlafen. 41 Stunden nach seinem Aufbruch kehrt er mit letzter Kraft zum obersten Lager zurück. Eine unglaubliche Energieleistung. Buhl sieht aus, als sei er in zwei Tagen um Jahre gealtert.

Tod an der Chogolisa

Das Gipfeltrapez der Chogolisa
Das Gipfeltrapez der Chogolisa

1995 werden japanische Bergsteiger für denselben Weg 39 Stunden brauchen, trotz moderner Ausrüstung und genauer Wegkenntnis. „Damit wird klar, dass Buhl seiner Zeit um mindestens 50 Jahre voraus war“, sagte mir Reinhold Messner einmal, als ich ihn nach Buhls Leistung am Nanga Parbat fragte. „Für einen normalen Bergsteiger war das, was Buhl gemacht hat, nicht überlebbar.“

Der Erstbesteiger des Nanga Parbat wird nur 32 Jahre alt. Als Buhl am 27. Juni 1957 mit Kurt Diemberger über den Gipfelgrat des Siebentausenders Chogolisa im Karakorum steigt, bricht unter ihm eine Wechte ab. Buhl stürzt in den Tod.

Wenige Tage zuvor hat er mit seinen österreichischen Landsleuten Diemberger, Fritz Wintersteller und Marcus Schmuck den Achttausender Broad Peak erstbestiegen: im kleinen Team, ohne Hochträger, wieder ohne Flaschensauerstoff – seinerzeit eine Revolution im Höhenbergsteigen. Wie am Nanga Parbat war Buhl auch dort seiner Zeit weit voraus.

P.S.: Ich habe diesen Text bereits vor zehn Jahren einmal veröffentlicht. Ich musste so gut wie nichts ändern. Buhls Leistung bleibt eine für die Ewigkeit.

Eine Antwort auf „Heute vor 70 Jahren: Hermann Buhl gelingt die Erstbesteigung des Nanga Parbat“

  1. Das waren noch echte Helden. Respekt! Wenn ich die aktuelle Entwicklung dort sehe wird mir schlecht. In diesen Regionen inkl. Solukhumbu und Annapurna hätte man vor 15 Jahren klare Regeln aufstellen müssen. Kein Plastik (nur eigene oder lokal käufliche Flasche mit Filter), keine neuen Hotels, keine Heli-Flüge (nur Rettungsflüge und absolut limitierte Materialflüge mit Pflicht zur Müllentsorgung auf jedem Rückflug) All das hätte man dort zum Wohl der lokalen Bevölkerung mit Permits regeln können aber man hat sich für die Gier entschieden und für die langfristige Naturzerstörung. Das Gleiche gilt für die großen US Nationalparks. Voll auf Massentourismus und Insta-Werbung. Traurig. Respect Nature!

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