Auf rund 7400 Metern war Endstation. Nach knapp zehn Stunden Aufstieg entschied sich Tyler Andrews, seinen Versuch am Mount Everest abzubrechen und wieder abzusteigen. „Das Tempo ist langsamer als geplant, der Schnee ist schlechter geworden, und es ist schwieriger, alleine zu spuren“, hieß es auf seiner Homepage.
Der 35 Jahre alte Langstreckenläufer aus den USA will den Everest ohne Flaschensauerstoff besteigen – und das schneller als irgendwer jemals zuvor. Die bisherige Marke für einen Gipfelerfolg ohne Atemmaske von der nepalesischen Südseite aus steht bei 20 Stunden und 24 Minuten, beansprucht 1998 von dem nepalesischen Bergsteiger Kaji Sherpa.
Vierter Versuch
In der vergangenen Frühjahrssaison war der von vielen Medien gehypte sogenannte „Wettlauf auf den Everest“ zwischen Andrews und Karl Egloff – er hat einen Schweizer und einen ecuadorianischen Pass – Ende Mai am Wetter gescheitert. Egloff, der ohne Sauerstoff loslief, drehte auf der mit Fixseilen bis zum Gipfel gesicherten Route bei Lager 3 auf rund 7300 Metern um, Andrews etwa auf Höhe des sogenannten Balkons (8400 Meter). Tyler hatte wegen des stürmischen Wetters bereits vor seinem Start im Basislager beschlossen, entgegen seinem ursprünglichen Plan im oberen Bereich des Bergs eine Atemmaske zu nutzen. Es war Andrews‘ dritter vergeblicher Versuch der Frühjahrssaison.
Vorakklimatisiert angereist
Tyler war erst am gestrigen Montag im Everest-Basislager eingetroffen. „Ich lebe in Ecuador, auf 3000 Metern Höhe, trainiere fast täglich auf 4700 Metern und nutze zu Hause ein hypoxisches Gerät, mit dem ich quasi ein Training auf 9000 Metern simulieren kann“, sagte er in einem Interview mit Nadine Regel in der Zeitschrift „Bergundsteigen“: „So kann ich möglichst akklimatisiert anreisen, ohne viele Nächte in extremer Höhe verbringen zu müssen. Die meide ich bewusst.“

Er sehe sich nicht als Elitebergsteiger, so Tyler: „Ich bin Läufer durch und durch, das war mein erster Sport, meine erste Liebe, und das prägt meine Herangehensweise. Ich bringe meine Ausdauer in die Berge mit und will sehen, wie weit ich damit komme.“ Den Manaslu bestieg er 2024 vom Basislager aus ohne Atemmaske in neun Stunden und 52 Minuten – über die mit Fixseilen gesicherte Normalroute. Er sei auf die Infrastruktur des kommerziellen Bergsteigens angewiesen, sagt Andrews. „Vor 30 Jahren wäre es für mich undenkbar gewesen, den Everest zu versuchen.“
Aktuell ist außer ihm nur das Expeditionsteam des polnischen Ski-Bergsteigers Andrzej Bargiel vor Ort – verstärkt um zwei „Icefall Doctors“. Bargiel, ebenfalls ohne Flaschensauerstoff unterwegs, erreichte im Rahmen seiner Akklimatisierung inzwischen den Südsattel auf fast 8000 Metern und fuhr von dort mit Skiern ab. Wie umfangreich die Route oberhalb des Khumbu-Eisbruchs mit Fixseilen gesichert ist, wurde bisher nicht kommuniziert.
Schnellste Besteigung umstritten
In der Bergsteiger-Chronik „Himalayan Database“ wird Kaji Sherpas Everest-Aufstieg im Eiltempo aus dem Herbst 1998 nach wie vor als „disputed“, sprich umstritten geführt. Andere Bergsteiger, die damals ebenfalls am Everest unterwegs waren, bezweifelten, dass Kaji wirklich den höchsten Punkt auf 8849 Metern erreicht habe.
Als Besteigung ohne Flaschensauerstoff wurde der Gipfelerfolg in der Chronik auch nicht gelistet: Kaji hatte von seinen beiden Sherpa-Begleitern, die mit Atemmaske unterwegs waren, im Abstieg zwischen dem Everest-Südgipfel (8749 Meter) und dem Südsattel (7906 Meter) Flaschensauerstoff erhalten.
Zuvor hatte das Guinness-Buch der Rekorde den Franzosen Marc Batard als schnellsten Mann ohne Atemmaske auf dem Everest geführt. Er hatte im Herbst 1988 den höchsten Berg der Erde in 22,5 Stunden bestiegen und sowohl beim Auf- als auch beim Abstieg auf Flaschensauerstoff verzichtet.


