Annapurna-Rettung: Wunder mit Fragezeichen

Hubschrauberrettung am langen Seil

Viele sprechen von einem „kleinen Wunder“ an der Annapurna. Mehr als 43 Stunden lang überlebte der malaysische Bergsteiger Wui Kin Chin auf einer Höhe von 7500 Metern – allein gelassen, ohne Zelt, ohne Flaschensauerstoff, ohne Wasser. Am Donnerstag wurde er dann bei einem Suchflug vom Hubschrauber aus entdeckt. Ein vierköpfiges nepalesisches Rettungsteam – Nirmal Purja, Mingma David Sherpa, Galgen Sherpa und Gesman Tamang – wurde in Lager 3 auf 6500 Metern abgesetzt, stieg bei starkem Wind zu Chin auf, leistete Erste Hilfe und brachte ihn dann tief in der Nacht hinunter nach Lager 3.

Von dort wurde der 49-Jährige gestern nach einem Zwischenstopp im Basislager in ein Krankenhaus in Kathmandu geflogen. Nach Angaben der Ärzte traf er dort in kritischem Zustand ein: mit niedriger Körpertemperatur und niedrigem Puls sowie Erfrierungen an Händen und Füßen. Dass er noch lebt, hat er der großartigen Leistung des Rettungsteams, inklusive der Hubschrauber-Piloten von „Simrik Air“, zu verdanken.

Die vier Retter

Chin war am Mittwoch als vermisst gemeldet worden. Der Malaysier hatte zu 32 Bergsteigern gehört, die am Dienstag den Gipfel der Annapurna auf 8091 Metern erreicht hatten. Darunter waren 17 Climbing Sherpas. So stellten sich mir zunächst einmal zwei Fragen: Wie konnte es passieren, dass er alleine zurückblieb? Kümmerte sich niemand um ihn? Ich nahm Kontakt zum Veranstalter „Seven Summit Treks“ geschickt, zu dessen Kunden Chin gehörte.

„Sherpa blieb lange bei Chin“

Wui Kin Chin bei der Einlieferung ins Krankenhaus

Schon während des Anstiegs habe Chin Probleme gehabt, antwortete mir Vorstandsmitglied Chhang Dawa Sherpa: „Beim Abstieg war er dann total schwach, unfähig, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Sein persönlicher Sherpa versuchte alles, um gemeinsam mit ihm weiter abzusteigen, aber es gelang ihm nicht.“ Der Sherpa sei lange bei Chin geblieben. Auch ihm sei es dann schlecht gegangen, auch er habe Erfrierungen davongetragen, schreibt Dawa. Als der Flaschensauerstoff ausgegangen sei, habe der Sherpa beschlossen, ins Basislager abzusteigen, um Hilfe zu holen. Nach noch unbestätigten Berichten stürzte der Sherpa beim Abstieg und verletzte sich dabei an der Wirbelsäule. Es bleibt zu hoffen, dass er keine bleibenden Schäden davonträgt.

Offene Fragen

Chhang Dawa Sherpa will nach eigenen Worten im Krankenhaus mit Wui Kin Chin über die Geschehnisse am Gipfeltag sprechen, sobald es dem Malaysier besser geht. Es bleiben noch viele Fragen offen – etwa diese: Warum stieg Chin überhaupt bis zum höchsten Punkt auf und niemand bewegte ihn zur Umkehr, wenn es ihm schon beim Anstieg schlecht ging? Bekam keiner der anderen 30 Bergsteiger beim Abstieg mit, dass Chin in Not geriet? Warum hatte der Sherpa, der bei seinem Kunden blieb, kein Funkgerät bei sich, um früher Alarm zu schlagen?

Nirmal Purja vor dem Rettungseinsatz

Update, 21.45 Uhr: Nirmal Purja, einer der Retter, erhebt schwere Vorwürfe gegen
Global Rescue “, das Rettungsunternehmen, bei dem sich Chin eingekauft hatte. Die dramatische Zuspitzung der Lage, so „Nims“ auf Facebook, hätte verhindert werden können, wenn das Unternehmen schneller gehandelt hätte: „Nachdem ich erfahren hatte, dass Dr. Chin vermisst wurde, habe ich mein Team und einige der stärksten Mitglieder der Expedition in Lager 4 zurückgehalten, um Dr. Chin zu retten. Wir warteten darauf, vom Hubschrauber aus zusätzlichen Sauerstoff zu erhalten, damit wir damit beginnen konnten, auf dem Berg nach ihm zu suchen. (Das ist alles, was seine Versicherung tun musste: einfach sechs Flaschen Sauerstoff nach Lager 4 abzulassen, wo ich mit meinem Rettungsteam auf Standby war.) Mir wurde gesagt, das Rettungsunternehmen habe die Nothilfe verweigert. Ich konnte mein Team nicht länger in dieser extremen Höhe halten, das hätte ihr Leben gefährdet.“

Eine Antwort auf „Annapurna-Rettung: Wunder mit Fragezeichen“

  1. Sehr geehrter Hr. Nestler,
    dort oben herrschen andere Gesetzmäßigkeiten. Unsere Betrachtungsweise vom Sofa aus, trifft den Kern der Sache nicht.
    Ich habe gestern mit Dawa gesprochen, sie sollten nochmals mit ihm Kontakt aufnehmen, dann kommen neue Erkenntnisse zum Vorschein
    Peter

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