Herbert Hellmuth: Mit 180 Meter Seil im Rucksack auf den K 2

Herbert Hellmuth auf dem Gipfel des K 2

„Ich habe noch nie so viel Angst gehabt wie an diesem Berg“, sagt Herbert Hellmuth über den K 2 im Karakorum in Pakistan. Am 25. Juli stand er um drei Uhr morgens, noch im Dunkeln, auf dem 8611 Meter hohen Gipfel des zweithöchsten Bergs der Erde – und wollte so schnell wie möglich wieder herunter: „Am Gipfel wehte ein richtig kräftiger Wind, und es war dementsprechend kalt: ohne Windchill zwischen minus 30, minus 35 Grad. Wenn dann noch der Wind pfeift, bist du schnell bei minus 40, minus 50 Grad. Dann machst du, wenn die Kamera nicht eingefroren ist, schnell zwei Bilder und schaust, dass du so schnell wie möglich wegkommst.“

Lager 4 unterhalb des Flaschenhalses

Vor allem der so genannte „Flaschenhals“, eine schmale Rinne auf rund 8000 Metern unter einem Hängegletscher, habe ihm Angst eingeflößt, erzählt mir Herbert: „Du stehst unter diesem Serac und siehst vor dir Eisbrocken so groß wie Autos. Und du weißt genau, dass sie vor Kurzem heruntergefallen sind.“ Es sei ihm gelungen, seine Angst „beiseitezuschieben“, sagt der 50-Jährige. Er habe ja keine Alternative gehabt. „Ich habe mir gedacht: Die anderen sind gestern auch dort hochgelaufen. Da wird schon nichts passieren.“  

Rockzipfel Nims Purja

Herbert zurück im Basislager

Dennoch blieb das mulmige Gefühl. 2018 hatte Herbert am Achttausender Kangchendzönga in Nepal Marco Confortola kennengelernt. Der italienische Bergsteiger hatte zehn Jahre zuvor eine der größten Tragödien am K 2 überlebt: 2008 waren im Gipfelbereich innerhalb zweier Tage elf Bergsteiger ums Leben gekommen. „Marco hat uns einiges erzählt, unter anderem, dass damals eine Eislawine ein Fixseil durchtrennt hat“, sagt Hellmut. „Deswegen habe ich in meinem Rucksack 180 Meter eines 4-mm-Seils zum Gipfel getragen. Damit wusste ich: Wenn irgendetwas passiert, kann ich mich abseilen.“ Das war nicht nötig. Hellmuth kehrte unversehrt ins Basislager zurück.

Ein erster Gipfelversuch eine Woche zuvor war noch gescheitert. Viele Teams waren daraufhin abgereist. „Wir waren enttäuscht. Auch wir haben gedacht, dass es nicht möglich ist“, erzählt Herbert. Er und die anderen, die geblieben seien, hätten auf die Ankunft des Nepalesen Nirmal Purja gewartet.

Nims Purja (4.v.l.) und sein Project-Possible-Team

„Wir wussten: Wenn Nims mit seinem Team anreist, dann wird er wirklich alles unternehmen, um hochzukommen. Da hängt so viel Publicity dran, da ist so viel Druck dahinter. Die sprengen, wenn es sein muss, den Berg weg. Sie machen jedenfalls irgendwas, um dort raufzukommen. Das war der Rockzipfel, an dem wir uns festgehalten haben.“ Nims, der in diesem Jahr bereits elf der 14 Achttausender bestiegen hat, zündete zwar keine Sprengladung, bahnte aber mit seinen Gefährten auch das letzte Wegstück zum Gipfel. In den Spuren der Nepalesen stiegen später mehr als 20 weitere Bergsteiger zum höchsten Punkt, darunter auch Herbert Hellmuth und Anja Blacha.

Mit 40 noch Anti-Sportler und Workaholic

Im Aufstieg zum K 2 (im Hintergrund der 8000er Broad Peak)

Herbert war der siebte deutsche Bergsteiger auf dem Gipfel des K 2, Anja die erste deutsche Frau. Für Hellmuth war es bereits der vierte Achttausender-Erfolg. Vor zehn Jahren hätte er dies nicht für möglich gehalten. „Ich war der absolute Anti-Sportler. Bis zu meinem 40. Lebensjahr hatte ich nicht mal ein Fahrrad“, erzählt der gelernte Handwerker und Immobilienverwalter aus Bamberg. „Ich habe fünf Schachteln Zigaretten am Tag geraucht und 80 Stunden die Woche gearbeitet.“ Dann, so Herbert, habe er realisiert, „dass es so nicht weitergeht, dass der Körper sich irgendwann rächen wird, dass das Leben endlich ist“. Der Familienvater – er hat eine 16-jährige Tochter und einen elfjährigen Sohn – begann zu laufen, auch in den Bergen. „Dann kam mir irgendwann die Idee: Warum gehst du nicht auf den Everest? Das machen andere doch auch. Am Anfang erschien es mir unerreichbar, aber es galt, das Ziel abzuarbeiten.“

2013 auf dem Everest

2013 auf dem Mount Everest

2009 bestieg Hellmuth den Aconcagua (6962 Meter) , den höchsten Berg Südamerikas, 2011 mit dem Manaslu (8163 Meter) seinen ersten Achttausender und schließlich 2013 über die nepalesische Südseite den Mount Everest, den höchsten Berg der Erde (8850 Meter). 2018 stand Herbert im zweiten Anlauf – der erste ein Jahr zuvor war auf 8000 Metern gescheitert – auf dem Kangchendzönga, dem dritthöchsten aller Berge (8586 Meter). Und jetzt auch auf dem K 2, im dritten Versuch nach 2015 und 2016. An allen vier Achttausendern nutzte Hellmuth Flaschensauerstoff. Darauf zu verzichten, komme für ihn nicht in Frage, sagt Herbert. „Das Risiko, zum Beispiel von Erfrierungen, ist mir zu hoch.“ Die Gipfel-Sammlung der „Seven Summits“ , der höchsten Berge aller Kontinente, hat er auch schon komplett.

Die drei höchsten …

Abstieg vom K 2

Mit seinem Erfolg am K 2 hat Hellmuth nun als zweiter Deutscher nach Ralf Dujmovits (der als bisher einziger Bundesbürger auf allen 14 Achttausendern stand) die drei höchsten Berge der Welt bestiegen. „Für mich selbst ist das nicht so extrem wichtig“, sagt Herbert. „Die drei höchsten …“ Er zögert einen Augenblick, bevor er weiterredet: „In meinem normalen Leben interessiert das, ehrlich gesagt, keinen Menschen. 99 Prozent wissen nicht mal, was der Kangchendzönga ist. Und jetzt laufe ich durch meine Stadt, und die Leute fragen mich: Warst du wieder am Everest? Denen ist nicht mal klar, dass der K 2 und der Everest zwei unterschiedliche Berge sind.“

Der K 2, sagt Hellmuth, sei für ihn sein bisher schwierigster Berg gewesen, „auch vom Kopf her. Ich hatte mit seiner Gefährlichkeit zu kämpfen. Als ich wieder unten im Basislager war, habe ich mir geschworen: Nie mehr auf einen Achttausender!“ Einen Monat später ist er sich da schon nicht mehr ganz so sicher. „Das werden wir im nächsten Frühjahr sehen, wenn meine Kumpel anrufen und sagen: Geh doch mit!“, sagt Herbert und lacht. „Aber momentan habe ich kein Interesse.“

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