Dujmovits zu Purjas K2-Wintererfolg ohne Atemmaske: „Neun Zeugen am Gipfel“

Nirmal Purja auf dem Gipfel des K2
Nirmal Purja auf dem Gipfel des K2

Mit oder ohne Atemmaske? Zwei Tage lang rätselte die Bergsteigerszene darüber, ob jemand aus dem zehnköpfigen nepalesischen Team, dem am Samstag die erste Winterbegehung des K2 gelang, ohne Flaschensauerstoff aufgestiegen sei. Anfragen blieben unbeantwortet. Am Montagabend meldete sich dann Nirmal „Nims“ Purja auf seiner Homepage und in den sozialen Netzwerken zu Wort.

Obwohl er eigentlich nicht ausreichend akklimatisiert gewesen sei und von seinem ersten Anstieg Erfrierungen davongetragen habe, sei er beim Gipfelvorstoß ein „kalkuliertes Risiko“ eingegangen und habe auf Flaschensauerstoff verzichtet, schrieb der 37 Jahre alte Ex-Soldat des britischen Gurkha-Regiments: „Mein Selbstvertrauen, das Wissen um die Kraft meines Körpers, meine Fähigkeiten und meine Erfahrung von der Besteigung der 14 Achttausender ermöglichten es mir, mit den anderen Teammitgliedern mitzuhalten und sogar zu führen.“ Der Job, den K2 im Winter ohne Flaschensauerstoff zu besteigen, sei erledigt, so Nims.

Was sind „faire Mittel“?

K2
Der 8611 Meter hohe K2 im Karakorum

2019 hatte Purja weltweit für Schlagzeilen gesorgt, als er in sechs Monaten alle 14 Achttausender bestieg – mit einem starken Sherpa-Team im Rücken und mit Atemmaske. Er habe damals oberhalb von 8000 Metern bewusst Flaschensauerstoff benutzt, schrieb Nims jetzt im Rückblick: „Es war meine Entscheidung, und ich hatte meine Gründe und mein eigenes Ethos.“

Und er kritisierte jene Bergsteiger, die im Vorfeld den Stil der Nepalesen am K2 kritisiert hatten: „Es gibt viele Fälle, in denen Bergsteiger für sich Gipfelerfolge ohne Flaschensauerstoff reklamierten. Dabei nutzten sie aber den Weg, die wir gespurt hatten, und die Fixseile, die wir gelegt hatten. Einige von ihnen sind im inneren Zirkel der Bergsteiger sehr bekannt. Was wird als faire Mittel eingestuft?“ Für ihn selbst, so Purja, habe das nie eine große Rolle gespielt: „Die Natur und die Berge sind für jeden da. Du triffst deine eigene Entscheidung!“  

„Biest von Herausforderung“

Das erfolgreiche K2-Gipfelteam
Das erfolgreiche K2-Gipfelteam

Mit seiner Erklärung überraschte Nims offenbar die neun Sherpas, die mit ihm den Gipfel des K2 erreicht hatten und damit für eine Premiere gesorgt hatten: Erstmals gelang einem nepalesischen Team eine Wintererstbesteigung eines Achttausenders. Der zweithöchste Berg war der letzte verbliebene der 14 Achttausender, der – bis zum vergangenen Samstag dahin noch nie in der kalten Jahreszeit bestiegen worden war.

Eigentlich habe man Nims‘ Besteigung ohne Flaschensauerstoff erst bei einer Pressekonferenz in Islamabad verkünden und dabei auch den Kritikern antworten wollen, sagte Mingma Gyalje Sherpa der Zeitung „Kathmandu Post“. Der 34-Jährige hatte vor der Expedition als einziger Nepalese erklärt, den K2 ohne Atemmaske besteigen zu wollen, entschied sich dann am Berg aber doch anders: Oberhalb von Lager 4 auf 7600 Metern nutzte er Flaschensauerstoff.

Obwohl am Gipfeltag wenig Wind geweht habe, sei es mit minus 50 Grad Celsius extrem kalt gewesen, sagte der Sherpa der „Kathmandu Post“: „Von den zehn (Bergsteigern, die am Gipfel waren) sind nur zwei in gutem Zustand, acht haben Erfrierungen erlitten. Ich kann nicht in Worte fassen, wie hart der Samstagabend war. Er hat wirklich die Grenzen der Sherpas ausgetestet.““ Er selbst und einige andere seien kurz davor gewesen aufzugeben, seien dann aber doch weiter aufgestiegen, so Mingma Gyalje. Nirmal Purja bezeichnete den Winteraufstieg auf den K2 als „ein Biest von einer Herausforderung“.

Dujmovits: „Das Wort des Alpinisten lasse ich stehen“

Ralf Dujmovits

Ralf Dujmovits – der bisher einzige Deutsche, der alle 14 Achttausender bestiegen hat, mit Ausnahme des Mount Everest allesamt ohne Flaschensauerstoff – hatte Ende Dezember die Stildiskussion mit angestoßen. Ich habe bei dem 59-Jährigen nachgefragt.

Ralf, du hast im Vorfeld gesagt, eine Wintererstbesteigung des K2 mit Flaschensauerstoff wäre eine „gestohlene“. Wie beurteilst du nun den Erfolg des nepalesischen Teams, in dem Nims nach eigenen Worten ohne Atemmaske aufstieg?

Ich habe Nirmal und dem ganzen Team nach Bekanntwerden der Zusatzsauerstoff-freien Besteigung durch Nimsdai gratuliert. Im Winter zum Gipfel des K2 aufzusteigen war mit Sicherheit eine ganz harte Nuss. Obwohl ich nach all den lückenhaften und oftmals sensationsheischenden Informationen seiner 14-Achttausender-Aktion das Vertrauen zu Nimsdai etwas verloren hatte, lasse ich das Wort des Alpinisten stehen und freue mich, dass er es mit neun Zeugen am Gipfel geschafft hat.

Unabhängig vom aktuellen Geschehen am K2, wäre es nicht inzwischen sinnvoll und ehrlicher, bei Aufstiegen ohne Flaschensauerstoff – ähnlich wie Expeditionen im ewigen Eis – zwischen „unsupported“ und „supported“ zu unterscheiden? Schließlich nutzen inzwischen viele Bergsteiger, die ohne Atemmaske aufsteigen, am Berg auch die Infrastruktur, für die Bergsteiger mit Atemmaske gesorgt haben. 

Das ist schon lange überfällig. Mehr als 90 Prozent aller Besteigungen würden damit aus der „Unsupported“-Kategorie rausfallen. Das Problem ist natürlich, dass mancher/manche gerne „unsupported“ aufsteigen würde, aber durch die kommerziellen Expeditionen Fixseile angebracht werden und man fast nicht umhinkommt, diese zu benutzen. Das Sicherste ist immer noch, auf einer Seite des Bergs unterwegs zu sein, wo kein Normalweg nach oben führt. Dort kann man sich fast 100 Prozent sicher sein, „unsupported“ unterwegs sein zu können.