K2 im Winter ohne Atemmaske – möglich oder unmöglich?

K2
Der 8611 Meter hohe K2 im Karakorum

„Der niedrigere Luftdruck, der durch die Lage (des Bergs) verursacht wird, und der Winter sind von Nachteil. Trotzdem gehe ich davon aus, dass es möglich ist“, antwortet mir John Burnard West auf meine Frage, ob er eine Winterbesteigung des K2 ohne Flaschensauerstoff für realistisch halte. „Im Idealfall sollten die Bergsteiger an einem Tag gehen, an dem der Luftdruck hoch ist.“

Zuletzt war ja in der Szene heftig diskutiert worden, ob die mögliche erste Winterbesteigung des zweithöchsten Bergs der Erde in diesem Jahr ohne Flaschensauerstoff zu erfolgen habe – wie mit Ausnahme des Mount Everest bei allen Wintererstbegehungen der Achttausender. Dabei ging es in erster Linie um Fragen der Bergsteigerethik. Aber wie steht es mit der Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt ein Bergsteiger in der Lage ist, im Winter ohne Atemmaske auf den K2 zu steigen? Ist es physiologisch überhaupt möglich? Höher als der Russe Denis Urubko und der Pole Marcin Kaczkan im Jahr 2003 kamen noch niemals Bergsteiger im Winter am K2: Die beiden erreichten auf der Nordseite des Bergs eine Höhe von 7650 Metern – ohne Flaschensauerstoff.

Auf dem Ergometer auf 7440 Metern

John B. West

Um die Frage zu klären, hatte ich mich an John B. West gewendet. Der 93-jährige emeritierte Professor der Universität von Kalifornien in San Diego ist eine lebende Legende der Höhenmedizin. Wer nach Informationen über körperliche Leistungsfähigkeit in sehr großer Höhe sucht, stößt eher früher als später auf den Namen John B. West.

Der gebürtige Australier, der seit langem in San Diego lebt und auch die US-Staatsbürgerschaft hat, nahm als Physiologe bereits vor 60 Jahren an der „Silver Hut“-Expedition im Khumbu-Gebiet in Nepal teil. Sie wurde von Everest-Erstbesteiger Edmund Hillary geleitet und dauerte von September 1960 bis Juni 1961. Das internationale Team aus insgesamt 21 Wissenschaftlern und Bergsteigern verbrachte den Winter in einer eigens dafür konstruieren silbernen Sperrholz-Hütte, die mit Schaumstoff isoliert war. Sie wurde auf dem Mingbo-Gletscher auf 5800 Meter Höhe aufgebaut – in Sichtweite der 6814 Meter hohen Ama Dablam, deren Erstbesteigung im Rahmen der Expedition gelang. Der Versuch, auch den Makalu zu besteigen, scheiterte. Doch West und Michael Ward testeten am Makalu La auf 7440 Metern die Sauerstoffaufnahme ihrer Körper – mit einem zerlegbaren Fahrrad-Ergometer.

Eine Flasche Champagner auf Ang Rita Sherpa

Im Herbst 1981 leitete West eine US-Forschungsexpedition zum Mount Everest, bei der fünf Teammitglieder den Gipfel erreichten und einer von ihnen – der Arzt und Bergsteiger Chris Pizzo – auf 8849 Metern auch physiologische Tests ausführten. Eines der Ergebnisse (ich empfehle euch dazu Wests Youtube-Vorlesung unten): Selbst wenn man berücksichtigt, dass es Menschen gibt, deren Körper im Vergleich zu anderen besser mit Hypoxie klarkommen, liegt eine Besteigung des Mount Everest ohne Flaschensauerstoff im physiologischen Grenzbereich. Irgendwann fehlt eben auch das Mindestmaß an Sauerstoff, das nötig ist, damit Organe und Gehirn funktionstüchtig bleiben. Nicht umsonst werden Höhen über 8000 Meter als Todeszone bezeichnet, weil der Körper unweigerlich abbaut und deshalb ein zu langer Aufenthalt dort oben tödlich endet. Andere setzen die Grenze schon bei 7000 Metern.

West und Co. ermittelten, dass der Sauerstoffpartialdruck – der Druck, mit dem der Sauerstoff in die Lungen gedrückt wird – am Gipfel des Everest nur ein Drittel so hoch ist wie auf Meereshöhe. Die Wissenschaftler wiesen auch darauf hin, dass der barometrische Druck im Winter in der Regel niedriger sei. Die erste Winterbesteigung des Everest ohne Atemmaske durch Ang Rita Sherpa am 22. Dezember 1987 sei eine „bemerkenswerte Leistung“, schrieb John B. West später. „Ich schulde ihm eine Flasche Champagner.“

Auf Luftdruck achten

Auf die große Bedeutung des schwankenden Luftdrucks bei Everest-Besteigungen ohne Flaschensauerstoff machte kürzlich, wie berichtet, auch ein internationales Wissenschaftler-Team um den britischen Klimaforscher Tom Matthews aufmerksam. So müsse ein Bergsteiger beim niedrigsten bisher festgestellten Druck gefühlt fast 750 Meter höher steigen als jemand, der beim höchsten ermittelten Druck unterwegs sei – wegen der unterschiedlichen Menge an Sauerstoff, die in die Lungen gepresst werde und damit auch die Leistungsfähigkeit beeinflusse.

Tim Matthews und Baker Perry
Klimaforscher Tim Matthews (l.) und Baker Perry (© Freddie Wilkinson/National Geographic)

„Zum eigenen Schutz sollten Bergsteiger, die im Winter ohne zusätzlichen Sauerstoff klettern, die Prognosen des Luftdrucks am Gipfel genau im Auge behalten“, schrieb mir Matthews. Das geschehe bisher noch nicht routinemäßig: „Bergsteiger entscheiden normalerweise aufgrund der Windgeschwindigkeit, ob sie zum Gipfel aufbrechen. Wir haben aber gezeigt, dass der niedrigste Luftdruck (und damit die geringste Sauerstoffverfügbarkeit) nicht generell mit den stärksten Winden zusammenfällt.“

Dem Wind schutzlos ausgesetzt

K2 mit Windfahne (2004)

Am K2 dürften die Bergsteiger im Winter in der Regel beides vorfinden: niedrigen Luftdruck und starke Winde. „Manchmal ist der K2 höher als der Everest“, sagt Matthews mit Blick auf die Luftdruckverhältnisse am zweithöchsten Berg. Der K2 liegt acht Breitengrade weiter nördlich als der Everest, und vom Äquator aus nimmt der Luftdruck in großer Höhe Richtung Pol ab. Während der Everest nach Südwesten hin durch die Lhotse-Südwand und den Nuptse etwas windgeschützt ist, steht der K2 außerdem weitgehend frei und ist den meist aus westlicher oder südwestlicher Richtung kommenden Winterstürmen schutzlos ausgesetzt.

Und es stellt sich ein weiteres Problem. Während am Everest bis hinauf zum Südsattel auf knapp 8000 Metern mehrere Wetterstationen Informationen in Echtzeit liefern, ist die Wetterdaten-Lage am K2 eher dürftig. Forschungsexpeditionen waren dort eher eine Seltenheit. Eine italienisch-pakistanische Expedition, die im Sommer 2014 eine Wetterstation im Basislager aufstellte, baute sie hinterher wieder ab. Im vergangenen Winter brachte der Spanier Alex Txikon zu seinem (gescheiterten) Versuch am K2 für das Basislager eine mobile Wetterstation mit.

Die nächste Station, die automatisch und permanent Wetterdaten übermittelt, liegt im Camp Urdukas am Baltorogletscher, auf 4000 Metern, 18 Kilometer Luftlinie vom K2 entfernt. Vom Berg selbst gibt es keine Informationen über Temperatur, Windstärke oder Luftdruck – bis die Bergsteiger die Verhältnisse am eigenen Leib spüren.

Ich habe John B. West auch gefragt, wie hoch ein Mensch theoretisch unabhängig von der Jahreszeit ohne Flaschensauerstoff klettern kann, wenn man seine physiologischen Grenzen berücksichtigt? „Darauf gibt es keine eindeutige Antwort“, sagt der Wissenschaftler: „Ich vermute: nicht viel höher als auf den Mount Everest.“

P.S. Angeblich wollen am Sonntag wieder Bergsteiger am K2 in die Abruzzi-Route einsteigen, um weitere Fixseile zu legen.

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