Wenn die dünne Luft am Mount Everest dicker wird

Wetterstation Everest Balcony mit Team
Die höchste Wetterstation der Welt – am Everest-„Balkon“ (© Mark Fischer/National Geographic)

Hat der vermaledeite Klimawandel, der weltweit für Probleme sorgt, am Mount Everest vielleicht auch einen positiven Nebeneffekt? Ein Team um den Klimaforscher Tom Matthews von der englischen Universität Loughborough errechnete, dass eine Erderwärmung um zwei Prozent im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter dafür sorgt, dass am höchsten Punkt der Erde aufgrund des höheren Luftdrucks durchschnittlich rund fünf Prozent mehr Sauerstoff in die Lunge gelangen kann. Super, mag jetzt mancher Bergsteiger denken, der den Everest ohne Flaschensauerstoff besteigen will. Doch Vorsicht! So einfach ist es nicht. Die Sache hat einen Haken.

Tom Matthews gehörte im Frühjahr 2019 zu einer Everest-Wissenschaftsexpedition, an der mehr als 30 Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Bereichen teilnahmen. Das Team um Matthews installierte Wetterstationen entlang der Normalroute auf der nepalesischen Südseite des Bergs: am Basislager, in Lager 2 auf 6400 Metern, auf dem Südsattel auf knapp 8000 Metern und sogar am sogenannten „Balkon“, einem kleinen Plateau auf 8430 Meter Höhe. Die von dort anschließend empfangenen Daten wurden ebenso ausgewertet wie Everest-Wetterdaten aus den vergangenen 40 Jahren.  

Virtuell 750 Meter höher

Die Wissenschaftler weisen darauf hin, dass zwar mit mehr Sauerstoffverfügbarkeit am Gipfel zu rechnen sei, die Druckverhältnisse im Jahresverlauf aber erheblich schwanken. Das führe dazu, dass ein Bergsteiger beim niedrigsten festgestellten Druck gewissermaßen fast 750 Meter höher steigen müsse als jemand, der beim höchsten ermittelten Druck unterwegs sei – wegen der unterschiedlichen Menge an Sauerstoff, die in die Lungen gepresst werde und damit auch die Leistungsfähigkeit beeinflusse.

Ausgewertet wurden auch die bisher rund 200 erfolgreichen Everest-Aufstiege ohne Flaschensauerstoff. Die meisten davon (81,7 Prozent) gelangen im Mai, die zweitmeisten im Oktober (11,1 Prozent) – in beiden Monaten liegt der Luftdruck gewöhnlich in drei Viertel der Zeit über dem Jahresmittel (331 Hektopascal). Bei Ang Rita Sherpas Gipfelerfolg im April 1985 wurde der bisher niedrigste Luftdruck ermittelt (329 hPa), bei Reinhold Messners Solo im August 1980 der höchste (340 hPa). Virtuell habe der Sherpa damit rund 150 Meter höher steigen müssen als der Südtiroler.

Nicht nur auf den Wind achten!

Tim Matthews und Baker Perry
Klimaforscher Tom Matthews (l.) und Baker Perry (© Freddie Wilkinson/National Geographic)

Laut der Studie sind die Druckschwankungen im Winter deutlich höher – und können auch sehr kurzfristig eintreten. Während des Aufstiegs, der in der Regel vier Tage dauere, könnten die Verhältnisse im Winter von „nicht unähnlich einem Tag im Mai („viel“ Sauerstoff, relativ gesehen) bis zu extrem wenig verfügbarem Sauerstoff (direkt an der Schwelle zur physiologischen Grenze des Menschen – und damit extrem herausfordernd und gefährlich)“ reichen, schreibt mir Tom Matthews. „Zum eigenen Schutz sollten Bergsteiger, die im Winter ohne zusätzlichen Sauerstoff klettern, die Prognosen des Luftdrucks am Gipfel genau im Auge behalten.“ Das geschehe bisher noch nicht routinemäßig: „Bergsteiger entscheiden normalerweise aufgrund der Windgeschwindigkeit, ob sie zum Gipfel aufbrechen. Wir haben aber gezeigt, dass der niedrigste Luftdruck (und damit die geringste Sauerstoffverfügbarkeit) nicht generell mit den stärksten Winden zusammenfällt.“

Subtiler Vorteil

Blick vom Everest-Südsattel Richtung Aufstiegsroute
Blick vom Everest-Südsattel Richtung Aufstiegsroute (© Mariusz Potocki/National Geographic)

Dass der Klimawandel einen Aufstieg ohne Atemmaske auf den Mount Everest leichter mache, glaubt Matthews nicht. Dass mehr Sauerstoff zur Verfügung stehe, sei „subtil im Vergleich zu den täglichen wetterbedingten Veränderungen“, schreibt der britische Wissenschaftler, der im Frühjahr 2019 selbst bis zum „Balkon“ auf gut 8400 Metern aufstieg. „Auf jeden Fall kann die Klimaerwärmung auf andere Weise den Aufstieg zum Mount Everest erschweren (oder gefährlicher machen).“

So könnten wärmere Temperaturen für mehr Schneefall in großer Höhe und damit höhere Lawinengefahr sorgen. Das Eis im Khumbu-Eisbruch könne schneller fließen und das Risiko steigen, dass dort Seracs zusammenbrechen oder Verankerungen der Bergsteiger aus dem Eis herausschmelzen. Und an einigen Hängen könne der Schnee verschwinden und der Fels hervortreten, was einen Anstieg schwerer mache. „Vieles davon ist Spekulation“, so Tom Matthews, „aber es ist sicherlich plausibel, dass die Besteigung des Everest mit der Erwärmung des Klimas schwieriger (oder gefährlicher) wird – nicht einfacher.“ 

P.S.: Die Wetterstation am Everest-„Balkon“ hörte, warum auch immer, im Januar 2020 auf, Daten zu übermitteln. Die anderen Stationen funktionieren weiterhin einwandfrei. Ihre Messwerte können hier abgerufen werden.