Maurizio Folini über Heli-Doping: „Wir brauchen eine neue Ethik“

Rettungshubschrauber am Everest

Am Mount Everest sind die ersten kommerziellen Teams zu Gipfelversuchen aufgebrochen. Unter denen, die sich auf den Weg machten, waren auch die Bergsteiger der Königlichen Garde Bahrains. Wenn alles wie geplant abläuft, sollen Scheich Mohamed Hamad Mohamed Al Khalifa und Co. am kommenden Dienstag den 8849 Meter hohen Gipfel erreichen. Vorher soll das Fixseil-Team um Everest-Rekordhalter Kami Rita Sherpa die Route bis zum höchsten Punkt sichern.

Während ihrer erfolgreichen Expedition am Achttausender Manaslu im vergangenen Herbst hatten sich – wie berichtet – Bergsteiger des Teams aus Bahrain ganz offensichtlich mit dem Hubschrauber vom Basislager aus nach Lager 1 fliegen lassen. Ich hatte dies „Heli-Doping“ getauft. Immer häufiger kommen Hubschrauber an den Achttausendern Nepals zum Einsatz – und längst nicht nur, wie in früheren Tagen, für Rettungsflüge.

Maurizio Folini im Cockpit

Nachdem ich nach den Ereignissen Mitte April an der 8091 Meter hohen Annapurna meine Bauchschmerzen über einige Entwicklungen an den Achttausendern artikuliert hatte, kommentierte Maurizio Folini meinen Artikel mit den Worten: „Wir müssen unbedingt eine Ethik für Hubschrauber-Flüge in Nepal einführen. Ich war der erste Pilot, der zur Rettung (von Bergsteigern) über 7000 Meter geflogen ist. Ich bin auch Teil des Spiels, aber es ist Zeit, die kommerzielle Fake-Rettung zu stoppen (viele…) und eine professionelle Himalaya-Rettungs-Organisation auf den Weg zu bringen.“

Seit 2011 fliegt Folini regelmäßig Einsätze an den höchsten Bergen der Welt. 2013 gelang dem Italiener am Mount Everest die bis dato höchste Hubschrauberrettung aller Zeiten, als er einen nepalesischen Bergsteiger aus 7800 Metern am langen Seil talwärts beförderte. Ich habe bei dem 55-Jährigen nachgefragt:

Maurizio, du gehörst zu den Pionieren der Rettungshubschrauber-Flüge im Himalaya. Wie verbreitet ist nach deiner Erfahrung inzwischen „Heli-Doping“, sprich: dass sich Bergsteiger direkt in die Hochlager oder hinterher von dort ausfliegen lassen, um sich gefährliche oder auch nur lästige Etappen zu sparen?

Hubschrauberlandung in Lager 1 am Manaslu

Es ist noch nicht sehr verbreitet. Aber wir brauchen unbedingt eine Regelung dafür und vor allem Kontrollen. Auch bei uns in den Alpen wird der Rettungshubschrauber zu oft für unnötige Flüge gerufen. Man muss von Fall zu Fall seriös und professionell die Situation einschätzen. 

An der Annapurna wurde zuletzt während eines Gipfelversuchs Nachschub an Flaschensauerstoff, Gas und Lebensmitteln ins letzte Hochlager auf über 7000 Metern geflogen. Ist das die Zukunft des kommerziellen Bergsteigens?

Sie haben Sauerstoff und Material auf 6400 Meter geflogen und nicht auf 7000 Meter, aber das macht keinen Unterschied in Sachen Ethik.* Wir reden hier vom kommerziellen Bergsteigen und Unternehmen, die ihre Existenz sicherstellen müssen und auch dürfen. Bei uns in den Alpen werden auch Lebensmittel mit dem Hubschrauber auf die Berghütten transportiert. Aber die Bergsteiger, die Flaschensauerstoff verwenden (das ist ihr Recht und sollte nicht kritisiert werden), sollten sich eine Portion Eigenständigkeit erhalten. Sonst besteht die Gefahr, dass sie „zu viel“ Sauerstoff verbrauchen.

Die andere Frage ist: Wer transportiert denn den Flaschensauerstoff mit dem Hubschrauber? Nur die reichen Expeditionen? Oder ist er für alle? Auch hier braucht es Regeln und manchmal auch eine gewisse Vernunft mit Blick auf das Geschäft. Das gilt auch für uns in den Alpen und nicht nur im Himalaya.

Welches Risiko gehen die Piloten mit solchen Aktionen ein?

Rettung am langen Seil

Bis vor wenigen Jahren galten Landungen auf 5500 Metern als eine absolute Ausnahme. Inzwischen reden wir fast schon von Normalität, wenn Hubschrauber auf 6500 Metern landen und Bergsteiger retten. Die Hubschrauber und die Piloten sind dabei absolut am Limit. Es ist eine Frage von Exponiertsein und Zeit: Je häufiger und länger sie der Gefahr ausgesetzt sind, desto weniger Zufall ist es, wenn es zu einem Unfall kommt.

Wir sind in der Lage, solche Flüge durchzuführen und sollten es auch tun. Aber wir müssen uns nicht für Unnötiges exponieren. Es ist leider nur eine Frage der Zeit, bis ein Unfall in diesen großen Höhen passiert. Eigentlich müssten wir vorher und nicht erst danach diskutieren und handeln. Aber das wird nicht passieren, weil menschliches Ego und Geschäft im Spiel sind. Wir brauchen eine neue Ethik für Hubschrauberflüge im Himalaya und auch in den Alpen – vor allem aber eine Ethik für die Menschheit im Allgemeinen, für jeden Tag und alles, was wir tun.

* Ich bezog mich auf die Angaben der Expeditionsleiter von Seven Summit Treks und Imagine Nepal, Chhang Dawa Sherpa und Mingma Gyalje Sherpa, die beide erklärt hatten, das Material sei nahe Lager 4 abgesetzt worden. Dieses Lager lag auf 7300 Metern.

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