Manaslu – der „Everest des Nachmonsuns“

Viel los am Manaslu

Ein Modeberg war der Mount Everest im Nachmonsun noch nie. Doch ganz so einsam wie in diesem Herbst war es am höchsten Berg der Erde früher nur selten. Das nepalesische Tourismusministerium gab bisher (Stand 14. September) für diese Saison keine Permits für den Everest aus. Nachfrage gleich Null. Stattdessen tummeln sich die vor allem kommerziellen Expeditionen am 8163 Meter hohen Manaslu im Westen Nepals. 171 ausländische Bergsteigerinnen und Bergsteiger aus 17 Teams erhielten Permits. Nimmt man das einheimische Personal dazu, wird das Manaslu-Basislager auf rund 4800 Metern wieder von rund 400 Menschen bevölkert. Auch die ersten Hochlager sind bereits eingerichtet.

Auf den wirklichen Gipfel?

Gipfelgrat des Manaslu

Weil die Chinesen in den vergangenen Jahren den Zugang zum Cho Oyu im Herbst stark einschränkten und extrem verteuerten oder den Berg – wie im Vorjahr und auch jetzt – gleich ganz für Ausländer sperrten, ist der Manaslu in Sachen Nachfrage inzwischen der „Everest des Nachmonsuns“. Das spiegelt sich auch in der Zahl der Gipfelerfolge im Herbst wider: 326 (im Jahr 2017), 271 (in 2018), 354 (in 2019) und selbst 2020 – trotz Corona-Pandemie – 56 Besteigungen. Wobei die wenigsten den höchsten Punkt erreichten, sondern mit einem der etwas niedrigeren Vorgipfel vorliebnahmen – wie der Chronist Eberhard Jurgalski und andere Mitstreiter 2019 nachwiesen. „In den letzten Jahren sind alle Bergsteiger vom Vorgipfel zurückgekehrt und haben den Gipfel für sich beansprucht“, räumte Mingma Gyalje Sherpa ein, Chef des nepalesischen Veranstalters Imagine Nepal, der in diesem Herbst seine Kunden zum „wirklichen“ Gipfel führen will.

„Soriagiri“

Am Achttausender Dhaulagiri versuchen sich in dieser Saison 40 ausländische Männer und Frauen aus vier Teams, darunter einmal mehr „Mr. Dhaulagiri“, Carlos Soria. Zum nun schon zwölften Mal (wie er selbst sagt – laut Himalayan Database ist es sogar schon das 13. Mal seit 1998) versucht der inzwischen 82 Jahre alte Spanier, den 8167 Meter hohen Gipfel zu erreichen. Es wäre sein 13. von 14 Achttausendern.

Am Kangchendzönga, dem mit 8586 Metern dritthöchsten Berg der Erde, versucht sich in dieser Saison ein kleines kommerzielles Team mit vier ausländischen Bergsteigern.

Bisher 287 Everest-Gipfelerfolge im Herbst

Südseite des Mount Everest

Der letzte Gipfelerfolg im Herbst am Mount Everest liegt bereits elf Jahre zurück: Am 15. Oktober 2010 erreichte der US-amerikanische Polar-Abenteurer Eric Larsen mit fünf Sherpas den höchsten Punkt auf 8849 Metern. Im Herbst versuchten sich zuletzt 2019 vier kleine Teams am Everest, am weitesten nach oben gelangte der Spanier Kilian Jornet, der ohne Flaschensauerstoff unterwegs war und auf 8300 Metern umdrehte – wegen zu großer Lawinengefahr.

Die Bergsteiger-Chronik Himalayan Database verzeichnet bislang 287 Everest-Gipfelerfolge im Herbst – davon 31 ohne Flaschensauerstoff. Darunter war auch Hans Engl, im Oktober 1978 der erste Deutsche ohne Atemmaske auf dem höchsten Punkt der Erde und nach Reinhold Messner und Peter Habeler der dritte Mensch, dem dieses Kunststück gelang.

Ralf Dujmovits – der erste und bisher einzige Deutsche auf allen 14 Achttausendern – bestieg den Everest im Herbst 1992, wegen des damals herrschenden schlechten Wetters nutzte er oberhalb des Südsattels auf knapp 8000 Metern Flaschensauerstoff. Es sollte der einzige Achttausender bleiben, auf dessen Gipfel er eine Atemmaske trug. Achtmal scheiterte Ralf später bei Versuchen, auch den Everest ohne Flaschensauerstoff zu besteigen.

Kaum noch ambitionierte Bergsteiger

Ralf Dujmovits 2014 im Everest-Hochlager

Vier Jahre nach seinem Gipfelerfolg war Dujmovits 1996 noch einmal im Herbst am höchsten aller Berge – mit einem kommerziellen Team. Keiner der Bergsteiger erreichte den Gipfel. Er habe seine beiden Herbst-Expeditionen zum Everest als „sehr hart“ empfunden, erinnert sich der 59-Jährige: „Die Temperaturen im Nachmonsun waren damals deutlich tiefer als im Frühjahr, und der Wind war damit nochmals wesentlich gefährlicher. Hinzu kommt, dass alle paar Jahre im Herbst Tiefdruckgebiete durchziehen, die oftmals immense Mengen Schnee abladen. Dieser setzt sich bei den tiefen Temperaturen in der Höhe nur sehr langsam.“ Das habe letztlich dazu geführt, dass die kommerziellen Veranstalter nur noch im Frühjahr den Everest versucht hätten. „Und im Windschatten dessen – weil die Normal- oder Abstiegsroute nicht mehr komplett versichert wurde – gingen auch kaum mehr ambitioniertere Bergsteiger hin.“

Dabei böte sich doch die Gelegenheit für Spitzenbergsteiger, im Herbst ihre neuen Projekte an einem einsamen Everest umzusetzen. Dass die oft schwierigen Wetterverhältnisse im Nachmonsun bahnbrechende Leistungen nicht ausschließen, zeigt ein Blick in die Annalen. So wurden eine Handvoll Routen am Everest in der Herbstsaison eröffnet. Erinnert sei nur an die Erstbegehungen der Südwestwand durch die Briten Doug Scott und Dougal Haston im Oktober 1975 und der Ostwand durch die US-Amerikaner Carlos Buhler, Kim Momb und Louis Reichardt im Oktober 1983.  

„Spuren will das keiner“

Sorgt möglicherweise auch der Klimawandel für andere Bedingungen im Herbst als früher? „Das Wetter ist inzwischen wärmer, die Jets sind während der Saison oftmals weiter nördlich als früher, und damit dürften sich die Bedingungen gebessert haben“, antwortet mir Ralf Dujmovits. „Es ist alles aber in einem sehr schnellen Umbruch, und damit sind generelle Voraussagen nur sehr schwer zu treffen. Am Hauptproblem der Nachmonsun-Saison, dass sich späte Monsun-Schneefälle auf Grund der Kälte in der extremen Höhe langsam setzen, ändert das nur wenig. Die damit einhergehende Lawinen-Gefahr bleibt erhalten – und spuren will das auch keiner.“