Wie die Hubschrauber im Himalaya zu Moskitos wurden

Hubschrauber im Khumbu-Gebiet
Hubschrauber im Khumbu-Gebiet

„Khumbu-Moskitos“ – so nannte vor einiger Zeit der legendäre österreichische Expeditionsleiter Wolfgang Nairz die Hubschrauber in der Everest-Region, als wir uns über den zunehmenden Fluglärm im Khumbu unterhielten. „Es ist ein ständiges Schwirren in der Luft“, sagte mir der 78-Jährige. Nairz leitete unter anderem jene Everest-Expedition im Frühjahr 1978, bei der Reinhold Messner und Peter Habeler als erste Menschen ohne Flaschensauerstoff den Gipfel auf 8849 Metern erreichten und bei der auch Reinhard Karl als erster Deutscher – mit Atemmaske – auf dem höchsten Punkt der Erde stand.

Ich war vor über 20 Jahren zum ersten Mal im Khumbu. Die Zunahme des Fluglärms zähle ich zu den auffälligsten Veränderungen in der Region um den höchsten Berg der Erde. Ohne Hubschrauber scheint im Khumbu nur noch wenig zu gehen.

Das zeigte sich auch vor der Frühjahrssaison 2023, als die Lokalverwaltung vorübergehend den Flugverkehr zum Everest-Basislager einschränkte, um den herkömmlichen Transport mit Yaks und Trägern zu unterstützen. Die Expeditionsveranstalter schlugen Alarm – und wurden gehört.

Die modernen Yaks

Hubschrauber hebt vom Flugplatz Syangboche oberhalb von Namche Bazaar ab
Hubschrauber hebt vom Flugplatz Syangboche oberhalb von Namche Bazaar ab

Am Ende konnte die Everest-Saison der kommerziellen Expeditionen reibungslos starten. Hubschrauber, die „modernen Yaks“, spielen dabei eine immer wichtigere Rolle: Das Expeditionsmaterial wird ins Basislager geflogen, Materialien wie Fixseile, Firnanker oder Sauerstoffflaschen weiter hinauf nach Lager 2 (6400 Meter). Zudem werden – bereits vorakklimatisierte – Kunden kommerzieller Teams mit dem Hubschrauber ins Basislager gebracht, andere zum „Sauerstofftanken“ zwischendurch ins deutlich tiefer gelegene Namche Bazaar, den Hauptort des Khumbu, oder gar nach Kathmandu geflogen.

Sieben Landeplätze

Rettungshubschrauber über dem Khumbu-Eisbruch (2014)
Rettungshubschrauber über dem Khumbu-Eisbruch (2014)

Dazu kommen Rettungseinsätze per Helikopter am Berg sowie der Weitertransport der Patientinnen und Patienten in Krankenhäuser in Lukla oder Kathmandu. Wie ich aus erster Hand erfuhr, gab es In der vergangenen Frühjahrssaison im Basislager fünf offizielle und zwei inoffizielle Hubschrauber-Landeplätze. Und selbst die reichten an manchen Tagen kaum aus. Auch am Berg war viel Flugverkehr: 20 bis 30 Flüge pro Tag hinauf nach Lager 2 wurden gezählt.

Noch sind dabei Personentransporte die Ausnahme. Im Frühjahr 2014 – damals endete die Saison vorzeitig, nachdem bei einem Lawinenunglück im Khumbu-Eisbruch 16 nepalesische Bergsteiger ums Leben gekommen waren – ließen sich die Chinesin Wang Jing und die brasilianisch-amerikanische Bergsteigerin Cleo Weidlich mit ihren Sherpas direkt nach Lager 2 fliegen. Wang erreichte den Gipfel des Everest, die Chronik Himalayan Database verbuchte ihre Besteigung mit dem Hinweis „Hubschrauber-unterstützter Auf- und Abstieg“.

Heli-Doping

Hubschrauberlandung in Lager 1 am Manaslu (2020)
Hubschrauberlandung in Lager 1 am Manaslu (2020)

Auch nach der Frühjahrssaison 2019 sprach die renommierte nepalesiche Bergsteigerin und Bergführerin Dawa Yangzum Sherpa gegenüber dem Magazin „National Geographic“ von Bergsteigern, „die einen Hubschrauber nehmen, um sich die Überquerung des Khumbu-Eisfalls zu ersparen“.

Einen ähnlichen Fall gab es im Herbst 2020 am Achttausender Manaslu im Westen Nepals, als mindestens ein, möglicherweise auch mehrere Bergsteiger eines Teams der Königlichen Garde Bahrains mit dem Hubschrauber direkt in Lager 1 auf 5700 Metern abgesetzt wurden. Heli-Doping nannte ich das damals.

Mauer des Schweigens

Der nepalesische Veranstalter Seven Summit Treks (SST) reagierte seinerzeit nicht auf meine Anfrage. Und er tat es auch jetzt nicht, als ich nachfragte, ob bei der Besteigung des Manaslu Anfang Juni durch das Team der Norwegerin Kristin Harila nicht nur Material, sondern auch Bergsteiger ins Hochlager geflogen worden seien.

Das hatte Mingma Gyalje Sherpa, Chef des Expeditionsveranstalters Imagine Nepal, auf Instagram behauptet und ein Video hochgeladen, das nach seinen Worten am 8. Juni entstanden war. Aufgenommen, so Mingma, hätten es Einwohner aus dem Dorf Samagaon, die an einem gegenüberliegenden Hügel nach Yartsa Gunbu gesucht hätten. Der nur im Himalaya vorkommende chinesische Raupenpilz ist – unter anderem wegen seiner angeblich aphrodisierenden Wirkung – begehrt und lässt sich teuer verkaufen.

Abgesetzt und nach oben und unten gespurt?

Steile Eispassage zwischen Lager 1 und 2 am Manaslu
Steile Eispassage zwischen Lager 1 und 2 am Manaslu (2022)

Das Video zeigt einen Hubschrauber, der auf dem Manaslu-Gletscher auf Höhe von Lager 2 auf rund 6300 Metern landet. „Herunterklettern ist einfacher als hinaufklettern. Gute Technik. Das ruiniert den historischen Ruf und Ruhm der Sherpas“, wetterte Mingma.

Am nächsten Tag legte er noch einmal nach. An der Annapurna seien zwei Sherpas, die zuvor am Kangchendzönga an der Bergung des ums Leben gekommenen deutschen Bergsteigers Luis Stitzinger beteiligt gewesen seien, direkt nach Lager 3 geflogen worden, um Harilas Team zu unterstützen.

Als Beleg führte er einen Social Media Post eines ehemaligen Teammitglieds Harilas an. „Ich sage ganz klar, dass ich dagegen bin, Sherpa-Teams und Ausrüstung in Lager 2 oder 3 abzusetzen und von dort aus die Routen auf- und abwärts zu spuren“, fasste Mingma seine Kritik zusammen. „Bergsteigen muss vom Basislager zum Gipfel und wieder zurück gehen, nicht von der Mitte zum Gipfel und von der Mitte zum Basislager.“

Harila verweist nur auf sich

Auch Harilas Team beantwortete meine Fragen zu den Hubschrauberflügen nicht. Die Norwegerin sprach auf Instagram von „falschen Anschuldigungen“ Mingmas gegen sie persönlich: „Kurzgefasst: Flog ich mit dem Heli in Hochlager? Nein. Ihr könnt die Daten meines GPS-Trackers als Beweis einsehen. Natürlich habe ich auch noch andere Belege wie Bildmaterial mit Zeitstempel und die Sherpas als Zeugen.“

Auf Mingmas Vorwurf, dass einige ihrer Teammitglieder an der Annapurna und am Manaslu in Hochlager geflogen worden seien, ging Kristin nicht explizit ein. Sie sprach lediglich davon, dass nicht nur ihr eigener Ruf angegriffen werde, sondern auch der von SST und den Sherpas ihres Teams.

Flugsicherung reagiert nicht auf Anfrage

Bei der nepalesischen Flugsicherung müssen alle Flugbewegungen von Helikoptern samt Landungen gemeldet werden. Ich bat die zuständige Luftfahrtbehörde CAAN um Informationen zu den Hubschrauberflügen Anfang Juni an Annapurna und Manaslu. Auch von dort erhielt ich keine Antwort. Das überrascht mich kaum. Nepalesische Regierungsbehörden reagieren nur selten auf Anfragen ausländischer Journalisten.

Seven Summit Treks hat übrigens keine Probleme, bei Expeditionen auf Hubschrauber zurückzugreifen. SST-Chef Mingma Sherpa ist stellvertretender Vorsitzender des Unternehmens Heli Everest, SST-Geschäftsführer Tashi Lakpa sitzt im Management der Hubschrauber-Firma.

Von Heli-Yoga bis Heli-Climbing

„Na und, was ist schon dabei?“, werden viele sagen: „Schaut in die Alpen oder in andere Hochgebirge, etwa nach Alaska, in die kanadischen Rockies oder nach Neuseeland. Auch dort sind Hubschrauber-Einsätze Routine, und das nicht nur im Bergsteigen!“ Skifahrer lassen sich mit dem Hubschrauber über jungfräulichen Schneehängen absetzen (Heli-Skiing), Mountainbiker auf Gipfeln, um nur noch herunterfahren zu müssen (Heli-Biking), Bergwanderer an entlegenen Punkten, um von dort aus zu starten (Heli-Hiking), Yogis, um ihre Übungen in Einsamkeit zu absolvieren (Heli-Yoga). Warum also nicht auch Heli-Climbing, werden diese Leute fragen.

Landung des „Yeti“ am Dhaulagiri

Dhaulagiri
Dhaulagiri

Und womöglich anfügen, dass es auch in früheren Zeiten schon flug-unterstütztes Bergsteigen gegeben habe. Bei der Erstbesteigung des Dhaulagiri 1960 durch eine Expedition unter Leitung des Schweizers Max Eiselin wurden Bergsteiger und Material mit einem einmotorigen Kleinflugzeug, einem Prototyp der Pilatus Porter, zum Dhampus-Pass auf rund 5250 Metern geflogen und die Kletterer später sogar hinauf zum Dhaulagiri-Nordostsattel auf 5650 Metern. Bis heute ein Höhenrekord für die Landung eines sogenannten Starrflügel-Flugzeugs – im Gegensatz zum Drehflügler sprich Hubschrauber.

Die auf den Namen „Yeti“ getaufte Maschine wurde im weiteren Verlauf der Expedition bei einer Notlandung so demoliert, dass sie nicht mehr abheben konnte. Die Piloten blieben unverletzt. Noch heute liegen einige Wrackteile des „Yeti“ an der Unglücksstelle am Dhaulagiri, an der seine Fluglaufbahn endete. Im Gegensatz zum heutigen Einsatz von Hubschraubern an den Achttausendern, die immer mehr zur Routine werden, war der Einsatz des „Yeti“ eine Pioniertat der Luftfahrt. Eine Premiere, ein eigenes Abenteuer mit ungewissem Ausgang, ein Experiment, das glückte und auch scheiterte.

Ticket nach Lager 2 für 4000 Dollar

Südseite des Mount Everest
Nepalesische Südseite des Mount Everest

Dass mehr als 60 Jahre danach Hubschrauber eine so große Rolle bei Expeditionen im Himalaya spielen, war damals noch nicht absehbar. Bis vor wenigen Jahren waren an den Hängen der höchsten Berge der Welt nur Hubschrauber-Rettungsflüge erlaubt. Auch dies ist inzwischen in Nepal ein lukratives Geschäft geworden. Eine Bergung eines Toten oder Verletzten aus großer Höhe kostet mehrere zehntausend Dollar.

Seit dem Lawinenunglück im Khumbu-Eisbruch 2014 ist die Zahl von Materialflügen hinauf nach Lager 1 oder 2 immer mehr gestiegen. Und wahrscheinlich ist der Tag nicht mehr fern, an dem kein Träger mehr Material schultert, um es durch den gefährlichen Khumbu-Eisbruch ins Hochlager zu tragen, und stattdessen alles mit dem Heli hochgeflogen wird.

Am Ende auch die Bergsteigerinnen und Bergsteiger? Gut möglich. Der ungarische Bergsteiger Szilard Suhajda – er starb später bei dem Versuch, den Everest ohne Flaschensauerstoff und Sherpa-Begleitung zu besteigen – berichtete Mitte Mai, dass auch in diesem Jahr wieder Bergsteiger mit dem Hubschrauber nach Lager 2 geflogen worden seien. Das One-Way-Ticket habe 4000 Dollar gekostet.

Niemand fragt nach ökologischem Fußabdruck

Mit nachhaltigem Bergsteigen in Zeiten des Klimawandels hat das nichts zu tun. Dabei wäre genau das nötig, um das fragile Ökosystem im Himalaya zu schützen. Doch diese Debatte hat noch nicht Fahrt aufgenommen. Was für die europäischen Alpen gilt, wiederholt sich im Himalaya: Die Kuh wird gemolken, solange sie Milch gibt. Und dabei wird sie von Khumbu-Moskitos umschwirrt.

P.S.: Während der aktuellen Sommersaison im Karakorum in Pakistan wird es deutlich weniger Fluglärm geben als im Frühjahr in Nepal. Der Grund: Wegen der andauernden politischen Spannungen mit Indien sind zivile Flüge im nördlichen Grenzgebiet zwischen beiden Ländern untersagt. Lediglich Armeehubschrauber dürfen dort starten, auch Rettungseinsätze laufen über das pakistanische Militär.

6 Antworten auf „Wie die Hubschrauber im Himalaya zu Moskitos wurden“

    1. … weil ich stutzte, als ich Mingmas Begründung las, warum die Einheimischen auf diesem Hügel waren. Und ich erinnerte mich daran, dass ich vor zwölf Jahren im Westen Nepals ein Dorf besuchte, das es zu bescheidenem Wohlstand gebracht hatte, weil in den Bergen drumherum der chinesische Raupenpilz relativ häufig zu finden war und die Bewohner ihn gewinnbringend ins nahe Tibet verkauften. Das hat mich schon damals fasziniert. 😉

  1. Helis sind da, werden genutzt, dann werden es mehr, Phortse ist ab 6 Uhr wie Frankfurt/Main
    Ich habs auch genutzt, nach Namche um Krankheiten auszukurieren, nach KTM weil die normalen Flüge nicht in KTM landen durften, oder einfach Erschöpfung nach dem Berg…
    Vor Abstieg in den Khumbu Eisfall denkt man sich „ich laufe! Heli niemals!“ Wenn man dann über die umgefallenen Eisblöcke klettert, unter denen Fixseile begraben sind, denkt man, was wenn man am Fixseil hängt u unter dem Eisblock ( Haus/Auto-größe) begraben liegt?
    In dem Moment fliegt mir ein Heli über den Kopf, u ich denke mir, warum warst du so eitel u bist nicht eingestiegen??

  2. „Mit nachhaltigem Bergsteigen in Zeiten des Klimawandels hat das nichts zu tun. Dabei wäre genau das nötig, um das fragile Ökosystem im Himalaya zu schützen.“ Dass ein Verzicht auf Heliflüge im Himalaya tatsächlich zur Klimarettung beitragen würde, ist wohl mehr Wunsch als Wirklichkeit. So oder so ist diese Art des Bergsteigens nie nachhaltig, allein schon wegen der langen Anreise mit dem Flugzeug. Aber natürlich darf ein solcher Hinweis heutzutage nicht mehr fehlen. Das wird aber nichts daran ändern, dass der Helikodpter in diesen Gebirgsregionen zu einem immer wichtigeren Transportmittel wird, nicht nur für Bergsteiger, sondern auch für Einheimische. Die Zeit der Träger und Lastentiere neigt sich auch in Nepal langsam dem Ende zu, egal was wir darüber denken.

  3. Ich habe verschlafen. Seit wann nicht mehr 8848 ?
    Ab da machte es keinen Spaß mehr weiter zu lesen.
    Es ging um Hubschrauber…. und dann ???

    1. Der Everest ist seit Ende 2020 offiziell 8848,86 Meter hoch, aufgerundet also 8849 Meter. Zu diesem Ergebnis kamen seinerzeit Vermesser sowohl Nepals als auch Chinas. (https://abenteuer-berg.de/mount-everest-jetzt-offiziell-8848-86-meter-hoch/) Bei der Frage, ob und wie Hubschrauber eingesetzt werden, geht es nicht nur um Transport, sondern inzwischen auch um Stil – und damit auch darum, in welche Richtung sich das Achttausender-Bergsteigen entwickelt hat. Wenn du ab dem ersten Absatz keinen Spaß mehr hattest weiterzulesen, muss ich irgendetwas falsch gemacht haben.

Kommentare sind geschlossen.

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